gilets jaunes 53s

Demonstration heute vor einem Arbeitsamt (Die Gelben Westen ohne Westen)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Sie nennen sich “die Familie” und bekommen in Frankreich immer noch viele Menschen auf die Straße, auch wenn die Großdemonstrationen der Gilets Jaunes inzwischen abgeebbt sind.

In Frankreich wird viel darüber geschrieben, ob die Bewegung, nachdem ihre Demonstrationsmacht, vor allem durch massive Polizeiaktionen und weitläufige Demonstrationsverbote, deutlich abgeschwächt ist, nun auch zerfallen wird.

Vielleicht ist das tatsächlich der Fall, denn Portale der Gelben Westen, wie die Nombre Jaune, wo Demonstrationsteilnehmer am Wochenende gezählt werden, arbeiten schon nicht mehr. Mancher sieht auch in der Tatsache, dass die Demonstranten schon länger nicht mehr mit gelben Westen unterwegs sind, eine Identitätsabschwächung der Bewegung. Dennoch kamen am letzten Samstag wieder Tausende auf die Straße. Sie demonstrierten an der Peripherie von Paris, im Zentrum von Toulouse und Montpellier und in Strassbourg kam es zu massiven Auseinandersetzungen der Demonstranten mit der Polizei.

gilets jaunes 53

Zahlreiche Interviews wurden von den Gelben Westen selbst, während der Demonstrationen geführt.

Da sind sie also noch, entsprechend ihrem Kampfruf, der auch als Lied gesungen wird: „On est lá“, wir sind noch da!

Trotzdem hat auch die Macron Administration Recht, wenn sie behauptet, die Bewegung sei zahlenmäßig nicht mehr relevant. Denn Viele gehen nicht mehr auf die Straße.

Ob sich Macron aber über den Zerfall der Bewegung freuen darf, kann man bezweifeln. Die Gelben Westen sind in viele kleine Gruppen zerfallen, die intensiven Kontakt miteinander halten und sich über das Netz ständig neu organisieren. Der Kontakt wird dabei intensiv gehalten.

Aus der Demonstrationsbewegung ist in sehr kurzer Zeit eine Kultur entstanden, die vor allem eines erreicht. Die sozial Abgehängten in Frankreich sehen sich nicht mehr allein stehen, sondern haben Kontakt zu vielen anderen bekommen, denen es ähnlich geht. Dieser Kontakt, der in der Bewegung eben auch den Begriff der Familie generiert hat, wird hartnäckig gehalten.

Die Familie repariert gemeinsam

Jede Woche gibt es neue Aktionen, die nicht nur auf die Öffentlichkeit zielen. So sind in Toulouse und vielen anderen Städten Frankreichs „Bastelgruppen“ entstanden, die sich in alten Bahnhöfen, umfunktionierten Läden und Cafés treffen, um gebrauchte Geräte, Möbel und Fahrräder wieder in Stand zu setzen. Die Treffen werden gut besucht und sind bestens organisiert. Das Phänomen nennt sich „Bricolage“, was einfach für Heimwerken steht.

Die Familie sorgt dafür, dass alle etwas zu essen haben

Auch recht gut überlebt haben die Lebensmittelspenden, die sich die Gelben Westen gegenseitig geben. Entweder es gibt Treffpunkte, wo die Leute ihre Brötchen, Obst und andere Nahrungsmittel, auch nicht mehr getragene Jeans und Jacken hinbringen oder man fährt mit dem Auto am Samstag herum und sucht nach „Familienmitglieder“, die etwas brauchen könnten. In Paris findet das großen Anklang, weil dort verhältnismäßig viele Wohnungslose auf den Straßen leben.

Die Familie trifft sich und diskutiert miteinander

In jeder Stadt gibt es Treffpunkte der Gelben Westen, die meist an einem bestimmten Wochentag besucht werden, um über die gesellschaftliche Situation zu sprechen. Meist stellen Restaurants die Räume dafür bereit. Das sind übrigens nicht nur kleine Restaurants, sondern auch recht noble und große Bistros, wie das L´Acardie in Toulouse. Die Veranstaltungen nennen sie meist Café du Citoyen oder Café Debat. In vielen Städten gibt es feste Tage dafür.

Die Familie kommuniziert über die sozialen Netzwerke

Obwohl in den sozialen Netzwerken, vor allem auf Facebook, viel Kontakt besteht und immer wieder neue Aktionen auftauchen, darf man nicht glauben, dass es sich um eine virtuelle Bewegung handelt. Die Gelben Westen sind in Frankreich höchst präsent und ganz real in Aktion.

Beliebt sind die Watch-Partys auf Facebook, zu denen alle Gruppenmitglieder eingeladen werden und die meist eine reale Aktion begleiten, eine Demonstration vor dem Arbeitsamt heute oder eine Mahnwache, ein Diskussionsveranstaltung oder eine der bekannten Verkehrsblockaden.

gilets jaunes 53b

Watch-Party heute vor dem Arbeitsamt. Jeder hier hat etwas zu sagen und sagt es auch.

Typisch ist die mediale Begleitung eben nicht nur durch die kommerziellen und öffentlichen Medien, sondern auch durch die kleinen Medien, die sich die Gilets Jaunes selbst geschaffen haben.

Über solche Kanäle laufen dann auch viele „Facebook-Talkshows“, bei denen ein Aktivist dann, über Skype, verschiedene  Andere zuschaltet und öffentlich mit ihnen diskutiert. Das Ambiente ist dann ziemlich skurril. Ein Treppenhaus, ein Computerzimmer, man raucht, man redet und verabschiedet sich, damit der nächste sich zuschalten und „auf Sendung“ gehen kann.

Les Citoyenne en colere

Talkshow von zuhause aus (Gelbe Westen)

Auch die Ikonen der Bewegung, wie Jerome Rodriguez, machen solche Live-Diskussionen per Internet oder halten auch mal nur eine Ansprache, zu der sie vorher eingeladen haben. Viele einfache Leute sind dabei und werden genauso ausführlich gehört, wie offensichtliche Akademiker.

jerome rodriguez

Jerome Rodriguez äußert sich in einem Beitrag gegen Rassismus.

Die Familie, das zeigt sich auch in den sozialen Netzwerken, ist sozial von Grund auf.

Wie es weitergeht, ist unklar. Aber es ist schwer vorzustellen, dass die Menschen, die sich mit der Bewegung identifizieren, nun einfach damit aufhören und zur Tagesordnung übergehen. Der soziale Unmut ist in Frankreich viel zu groß dafür.

Die Familie plant auch große Aktionen

Für den 5. Dezember ist in Frankreich ein Generalstreik geplant. Wer sich daran beteiligt, ist noch nicht ganz klar. Einige Gewerkschaften werden dabei sein, beispielsweise die der Werftarbeiter. Derzeit wird von den Gelben Westen massiv für die Teilnahme an der Aktion geworben. Es könnte tatsächlich wieder Demonstrationen geben, deren Teilnehmerzahlen in die Hundertausende gehen. Nur die schicken gelben Westen wird man wohl kaum noch sehen, die haben die Leute ausgezogen, um nicht sofort von der Polizei verprügelt oder festgenommen zu werden.