stasi 4.0

Grafik: Gedächtnisbüro 2018

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Soweit ist es ja schon klar. Wir werden ständig ausspioniert von Goggle, Amazon und Facebook. Wer diese banale Feststellung immer noch nicht glaubt, dem hilft ein einfacher Selbsttest weiter. Bei einem der drei Datenriesen eine Anfrage mehrmals eingeben und dann bei den anderen schauen, welche Angebote einem gemacht werden. Das funktioniert oft innerhalb von Sekunden.

Individualisierte Werbung und kein Ende

Ich erlebe es regelmäßig, wenn ich bei Amazon nach einem bestimmten Produkt suche, dass ich dann wenig später bei Google dieses Produkt und ähnliche als Werbung angezeigt bekomme und sogar über meine Email-Adresse passende Werbung tagelang ins Haus flattert. Anders herum ist es längst selbstverständlich, dass Amazon schon weiß, welche Produkte ich über Google gesucht habe. Individualisierte Werbung nennt sich das und die Voraussetzung dafür ist, dass künstliche-neuronale Intelligenz, die plattformübergreifend aktiv wird, meine Suchbewegungen verfolgt und dabei immer besser lernt, mit was für einem Kunden sie es zu tun hat. Schon nach kurzer Zeit bekomme ich die passende Werbung angezeigt.

Ähnlich übergreifend scheint das auch bei Facebook zu funktionieren. Hinlänglich bekannt ist ja, dass man über sein Facebook Konto online bestellen und auch bezahlen kann. Weniger bekannt dürfte die Tatsache sein, dass dieses übereifrige soziale Netzwerk meine Suchbewegungen nicht für sich behalten kann und ich beispielsweise nach einer ausgiebigen Recherche von arabischen Facebook-Sites, die ich ausschließlich über Facebook habe laufen lassen, plötzlich bei Google lauter Treffer in arabische Sprache erzielt habe, obwohl meine Recherche in arabischer Sprache längst beendet war. Seltsam, seltsam!

Es entstehen komplette Persönlichkeitsprofile

Relativ neu ist mir allerdings, dass auch meine politischen Suchbewegungen im Internet von den drei großen verfolgt, bemustert, zusammengefasst oder auf den Punkt gebracht werden (wie man es auch ausdrücken will) und anschließend dem Nutzer um die Ohren geschlagen werden. So geschehen nach einer längeren Recherche über die AfD auf Google, die dazu führte, dass ich über Facebook bei einer darauffolgenden Recherche über die SPD plötzlich auffällig viele Vorschläge hatte, die sich auf Gruppen bezogen, die AfD-nah waren. Könnte es sein, dass der Kundenalgorithmus genauso bei politischen Themen zuschlägt? Wie lange darf ich über die AfD recherchieren, bevor ich von den intelligenten Suchmaschinen bei Facebook und Google als AfD-Anhänger angesehen werde?

Daten werden nicht nur mitgenommen sondern auch gezielt abgefischt

Den Vogel schoss heute aber Amazon ab. Die haben meine politische Orientierung gleich abgefragt, als ich eigentlich auf der Suche nach einer Glasvitrine für meine Gitarre war. Wie? Ganz einfach. Ich kam bei Amazon nicht weiter, weil mir ständig eine Werbung angezeigt wurde, dass ich für eine gemeinnützige NGO spenden sollte, was für mich kostenlos und für die Organisation ebenfalls kostenlos wäre. Der Punkt war, dass Amazon ankündigte, dass es bereit sei, von jedem meiner Käufe etwas für die Organisation abzuführen. Nun kommt es: Die NGO für die gespendet werden sollte, konnte ich selbst aussuchen.

Wenn ich auf das Feld geklickt hätte, wäre also klar gewesen, für welche Organisation ich bereit gewesen wäre zu spenden und für welche nicht. Ein direkter Hinweis auf meine politische Einstellung.

Nun kann man meine wechselhaften, politischen Einstellungen durchaus herausfinden, wenn man die Artikel in diesem Blog liest, die meist politisch sind. Aber warum in aller Welt sollte ich Amazon meine politische Orientierung verraten?

Vor allem, was will Amazon damit? Haben sie herausgefunden, dass ein Konservativer andere Produkte kauft, als ein Progressiver oder ein Klimafanatiker? Bietet Amazon NGOs, die auf Spenden angewiesen sind, die IP-Adressen von Kunden vorselektiert nach politischer Einstellung zum Kauf an? Mir erscheint das alles sehr aberwitzig.

Noch keine Verschwörung aber die Suche nach dem perfekten Datensatz

Viel wahrscheinlicher ist, was Julian Assange, der Wikileaks-Gründer und Herausgeber über die intelligenten Programm der Datenriesen sagt. Sie spielen sich in die Zukunft und werden dabei immer klüger und klüger. Unsere Daten sind dafür eine hervorragende Basis. Gemeint ist das Training künstlicher neuronaler Netze (und die brauchen viel Training, also viel, möglichst verschiedenes, Datenmaterial der Nutzer).

Mag sein, dass es für die miteinander vernetzten, intelligenten Programme von Goggle, Amazon und Facebook gleich interessant ist, zu wissen, welche Zahnpasta ich benutze und mit welchen Parteien und NGOs ich sympathisiere.

Aber wie lange noch?

Am Ende, wenn man Nutzerdaten zusammenführt, steht ein umfassendes und individualisiertes Persönlichkeitsprofil, dass durch solche Entwicklungen möglich wird. Die wissen dann irgendwann mehr über mich, als ich selbst über mich weiß, weil ich vieles schon vergessen habe, was ich gegenüber Google, Facebook und Amazon so geäußert habe.

Vergleich mit Stasi passt (irgendwann)

An dieser Stelle trifft der Vergleich mit der Stasi, wobei der Begriff Stasi, die ja auch mehr über die Leute wusste, als manche Leute selbst über sich, mit Staatssicherheit übersetzt wird. Die Datenstaubsauger mit ihren intelligenten Überwachungsprogrammen stehen aber eher für eine überstaatliche, globale Unsicherheit. Denn, was da über mich gesammelt wird, kann auch von Kriminellen, Geheimdiensten und diktatorischen Staaten genutzt und gegen mich verwendet werden. Also Unsicherheit.

Ich glaube nicht, dass wir schon das Schattenkabinett einer zukünftigen Weltregierung irgendwo sitzen haben, das dann ganz sicher eng mit Google, Facebook und Amazon zusammenarbeiten würde. Aber ich glaube, dass im Falle einer solchen Zentralisierung von globaler Macht (die USA haben es ja schon gezeigt) tatsächlich auch meine Bewegungen im Internet gegen mich verwendet werden können.

Einziger Trost: Neuronale Netze, lernen nicht nur, sie verlernen das gelernte auch schnell wieder. Wenn ich also lange genug unauffällige politische Themen recherchiere, die niemanden stören, dann habe ich wohl eines Tages ein sauberes Profil bei Google, Facebook und Amazon.

Die Diktatur hat schon angefanngen und ist derzeit ziemlich hipp

Aber dann, wenn ich nach dieser Maxime weitermache, befinde ich mich längst in einem Zustand der Diktatur, genau wie die DDR-Bürger, die sich selbst möglichst unauffällig gemacht haben, um bei der Stasi und ihren zahlreichen Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) nicht aufzufallen.

Also auch bei Google, Facebook und Amazon nicht auffallen?

Das wäre die Kapitulation vor einer Diktatur, die dann erst recht kommen wird. Also lieber kräftig darauf hinweisen, dass hier unsere Rechte an unseren eigenen Daten massiv ausgehebelt werden.

Übrigens befindet sich die deutsche Stasi-Zentrale  Unter den Linden, bald vielleicht auch im ehemaligen Umspannwerk in der Ohlauer Straße in Kreuzberg, als Google Campus. Wer will, kann ja mal einen Besuch abstatten und vielleicht sogar eine Botschaft hinterlassen: „Hier arbeitet die Stasi 4.0 an unserer Unterwerfung mittels künstlicher Intelligenz“. Gruß Paul oder so. Mal sehen, was die hippen Mitarbeiter des Konzerns dazu sagen, wenn sie sich auf diese Weise angeprangert sehen?