Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Bring mal ein System aus dem Tritt, was passiert dann?

Klar, das System versucht wieder in den Tritt zu kommen und zwar nach den eigenen systemimmanenten Regeln.

Das gilt für einen biologischen Organismus genauso wie für ein Unternehmen, eine politische Partei oder eine ganze Gesellschaft.

Das ist auch gut so, weil wir alle auf Systemstabilität angewiesen sind. Das Problem taucht nur dann auf, wenn für die Systemstabilisierung die Regeln geändert werden müssen.

Der Organismus muss sein Verhalten und vielleicht seinen Aufenthaltsort ändern, das Unternehmen sein Regeln, politische Parteien ihre Kultur und Gesellschaften ihre Gewichtungen.

Genau das kann man aber von Systemen in aller Regel nur dann erwarten, wenn sie klein und flexibel sind. Je größer, desto schwieriger wieder Tritt zu fassen.

Ein Organismus kann gesunden, bei Unternehmen sehen wir am Beispiel der Automobilindustrie, der Banken oder großer Agrarkonzerne, dass sie nicht in der Lage sind, sich ohne äußere Hilfe neu zu erfinden. Genau wie politische Parteien wiederholen sie immer dieselben Fehler und werden nur in Einzelfällen und kurz vor dem eigenen Untergang zu grundlegenden Änderungen veranlasst.

So verzichten die großen Autohersteller, womit auch VW gemeint ist, nicht auf ihren komplexesten Antrieb, den Diesel, nur weil sie unter den Skandalen leiden, die indirekte Folge davon ist, dass man Abgaswerte zwar manipulieren kann, aber der Diesel per se nicht ganz sauber zu bekommen ist. Statt umzudenken versuchen sie nun eine Dieseloffensive und hoffen, dass der Markt sich so eindeutig für diesen Antrieb entscheidet, dass die Politik klein beigeben muss.

Kurz, das System Autoindustrie wehrt sich mit allen Tricks gegen eine Umorientierung.

Ähnlich lief es bei den Banken ab, die heute tiefer in Spekulationen verstrickt sind, als je zuvor. Es wird schon davon geredet, dass bei dem Platzen der großen Finanzblasen in China, Schockbeben um die Welt ziehen werden, die nicht nur ein paar Banken, sondern regelrechte Netzwerke von Banken in den Abgrund ziehen werden. Denn das massenweise billige Geld, dass gerade wir Europäer nutzen, um unsere Wirtschaften am Laufen zu halten, erzwingt geradezu waghalsige Kredite für Unternehmen in Schwellenländern, die früher oder später in großer Zahl notleidend werden müssen.

Haben die denn nichts gelernt? Doch! Sie haben gelernt, dass sie noch waghalsiger als zuvor spekulieren müssen, um die nötigen Profite zur Erreichung der notwendigen Eigenkapitaldeckung zu erwirtschaften und dann auch noch die Anleger zufrieden zu stellen. Mehr des schlechten also, genau wie bei der Autoindustrie.

Die zentralen Antriebe und Mechanismen eines Systems kann man eben nicht einfach ändern. Das System verändert sich entweder unglaublich langsam oder es geht kaputt und wird dann neu aufgebaut. Dazwischen gibt es keine Systemänderungen.

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus wissen wir, dass er dadurch besiegt wurde, dass der Kapitalismus ihn zu Tode gehetzt hat. Die Zeit, die der Kommunismus gebraucht hätte, um sich im Sinne der Menschen weiter zu entwickeln, wurde ihm nicht gegeben, die Konkurrenz schlief nicht und hat dann auch schnell die Reste beseitigt.

Derzeit versucht die Politik das Gesundheitssystem dadurch zu reformieren, dass Krankenhäuser in Not gebracht werden. Man reduziert dafür systematisch die Erlöse, die sie pro Fall erzielen können, jedes Jahr etwas stärker und zwingt sie damit zur Effizienz. Tatsächlich aber machen bisher kaum Krankenhäuser wegen dieses Systems dicht. Kliniken haben sich angepasst, indem sie Patienten wesentlich kürzer behandeln, eigentlich genau so lange im Durchschnitt, wie der gesunkene Erlös es erlaubt. Es wird an medizinischen Leistungen für die Patienten gespart und schlechte Behandlungserfolge werden dann in das Pflegesystem abgeschoben, das dadurch immer teurer wird. Genau darüber klagen die Krankenkassen derzeit ganz vehement. In der Gesamtheit steigen dadurch die Ausgaben für unser Gesamtsystem und die Behandlungsqualität sinkt ebenso wie die Arbeitsplatzqualität. Am Ende wird unser Gesundheitssystem trotz großer medizinischer Fortschritte immer uneffektiver bei der Behandlung von Krankheiten. Nach einer Phase, in der die Behandlungserfolge bei häufigen Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Krebs und Infektionskrankheiten deutlich gestiegen sind, sinken sie nun wieder ab. Das System ist wie der Dieselmotor an seiner Grenze angelangt und kann nicht besser werden, wird dafür wieder schlechter. Kaum einer möchte noch im Gesundheitssystem arbeiten. Es läuft auf Hochtouren und verschleißt dabei alles, vom Patienten bis zum Mitarbeiter in ungeahnten Ausmaßen.

Wer nun denkt, dass Krankenhäuser freiwillig dicht machen, Patienten weniger zum Arzt gehen, Ärzte weniger einweisen und nur noch wenige Zentren mit hoher Behandlungsqualität übrig bleiben, irrt gewaltig. Es passiert genau das Gegenteil.

Wer aber denkt, dass nun die Politik ihre Strategien überdenkt, das Gesundheitssystem mit intelligenten Anreizen steuert und den primitiven Versuch aufgibt, Kliniken einfach auszuhungern, der irrt ebenso gewaltig. Auch hier passiert das Gegenteil, die Daumenschrauben werden einfach weiter angezogen.

Meistens beobachtet man beim Kampf der Systeme, in diesem Falle des Gesundheitssystems und der Politik, zwei D-Züge, die aufeinander zurasen und keiner bremst.

Das gleiche beobachten wir in der Finanzindustrie, bei den Automobilkonzernen, in der Agrarindustrie, beim Klima, bei politischen Parteien und in Gesellschaften schlechthin. Intelligente Steuerung Fehlanzeige.

Wer in den letzten Jahren dachte, dass die Sozialdemokraten, die mit ihrer Partei in Zeitlupe von der Klippe stürzen, ihr Grundproblem ins Visier nehmen und ändern, um auf diese Weise dem Untergang zu entgehen, hat sich getäuscht. Die SPD ist weiterhin eine Partei, die links moralisiert und rechts nach der Macht sucht. Die Regierungsbeteiligungen, in die sich in den letzten Jahren gestolpert ist, dokumentieren dabei eine Grundannahme des Systems SPD. Solange man an der Macht beteiligt ist, kann es nicht so schlimm ausgehen.

Inzwischen ist die Wählerschaft auf etwas über 10% geschrumpft ohne dass man sich innerparteilich in irgendeiner Form zusammengerauft hat. Das Spiel, dass der neoliberal eingestellte Flügel der Partei die Regierungsämter bekommt, während der linke Flügel eine Art Daueropposition betreibt, wird weitergehen, bis die Partei an der Fünfprozenthürde scheitert. Ob dann die ewigen Sozialdemokraten immer noch in der Partei verbleiben und die größte nicht gewählte Partei Deutschlands aufrechterhalten, ist dabei fast uninteressant. Die SPD ist ein System, dass sich nicht ändern kann.

Auch von der Union ist nichts anderes zu erwarten. Warum auch gibt es Konkurrenzparteien, wie die Linke und AfD, die enttäuschte Wähler im Umfeld der Union und SPD absaugen?

Ganz klar. Weil die großen Volksparteien sich nicht ändern können. Es bräuchte Generationen, um eine einheitliche Sozialdemokratie zu erreichen oder eine starke innerparteiliche Demokratie in der Union.

Das Dilemma aber ist immer dasselbe. Das Umfeld verändert sich schneller, als das System sich zu ändern vermag. So ging nicht nur der Kommunismus unter, sondern so werden auch unsere Volksparteien dezimiert und so rasen Unternehmen in den Abgrund, auf diese Weise wird aus unserem Gesundheitssystem ein Ort des Schreckens durch politisches Kalkül.

Wer also nun der Meinung ist, dass die Union sich über einen vorgesetzten Kanzlerkandidaten befrieden lässt, irrt. Denn das Dilemma ist die innerparteiliche Demokratie. Wer glaubt, dass die SPD sich an der Fortsetzung der großen Koalition gesund stoßen kann, irrt auch. Die Fehler sind systemimmanent wobei der Fehler durch sich selbst behoben werden soll. Das Motto lautet immer:

Noch mehr des Schlechten! Ein großes System ist zu einer anderen Antwort einfach nicht fähig.

Wer nun eine Systemdepression bekommt, der sei getröstet.

Große Systeme sind bisher immer besser damit gefahren, im Krisenfall nicht sich selbst zu verändern, sondern ihre Umgebung. Das bedeutet, dass man versucht, to big to fail zu werden und damit Kritik unmöglich zu machen. Wenn der Dieselanteil bei den Automobilen noch weiter erhöht werden kann, wird die Politik schon still werden, wenn es nur noch spekulatives Geld gibt, wird keiner mehr auf Stresstests beharren und die Banken können munter von Blase zu Blase tanzen. Wenn mangelhafte Gesundheitsleistungen in einen immer größer werdenden Pflegebereich verlagert werden können, wird man irgendwann schon denken, dass man Erkrankungen billiger pflegen kann, als sie zu heilen. Die Menschen werden das dann als Realität akzeptieren.

Wenn große Parteien zu keiner angemessenen innerparteilichen Demokratie finden können, erklären sie eben einfach die Demokratie zum Feind der Demokratie und die Hinterzimmer-Politik in Gremien für die wahre Demokratie. Wenn diese Auffassung nur oft genug in den Medien wiederholt wird, setzt sie sich schon durch, genauso wie die Auffassung, dass Sozialdemokratie nur dann Sozialdemokratie sein kann, wenn sie mit der jeweiligen Macht kollaboriert, nach dem Motto: Opposition ist Mist. Dann wählen die Leute irgendwann die SPD ohne sie weiter zu hinterfragen, damit sie an der Regierungsbildung mitwirken kann.

Ob diese Methoden funktionieren, hängt auch vom Fatalismusgrad einer Gesellschaft ab.

Wenn eine Gesellschaft als System erst einmal gelernt hat, dass eine substantielle Systemänderung nicht möglich ist, erklärt sie letztere auch irgendwann für unerwünscht und den Systemerhalt zur obersten Priorität. Genau darauf bauen alle Systemerhalter des Kapitalismus, dass die Unveränderlichkeit sich irgendwann als Grundregel der Gesellschaft etabliert.

In Bezug auf unser Wirtschaftssystem ist dieser Zustand längst eingetreten. Politisch hängen wird dieser fatalen Entwicklung noch etwas hinterher. Vermutlich wird eine Partei irgendwann so groß werden, dass sie to big to fail ist oder ein Parteienkartell vielleicht.

Dann haben wir wieder eine Diktatur.