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Foto: Website Horst Seehofer 2017

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Der CSU-Vorsitzende sieht sich einer Kampagne ausgesetzt, die seit dem Frühsommer in den Medien gegen ihn laufe. Das erwähnte Horst Seehofer heute während einer Pressekonferenz über das Wahldebakel der CSU in Bayern beiläufig und am Rande.

Stimmt das?

Schwer nachzuweisen, weil eine Kampagne ja immer geplant ist und von bestimmten Leuten initiiert. Manche Kampagnen werden sogar Selbstläufer. Eine solche Konstellation könnte hier vorliegen. Die Schmähungen gegen den Innenminister tauchten in den Medien passend zum Asylstreit mit der Kanzlerin auf und hörten danach nicht mehr auf. Der Anfang sei dahingestellt, die Initiatoren auch, aber die Selbstläuferfunktion ist ohne Zweifel zu konstatieren.

Typischerweise sinkt im Verlauf einer solchen Kampagne, die sich selbständig gemacht hat, die Hemmschwelle für Diffamierungen aller Art kontinuierlich ab. Schließlich hacken ja alle auf der betreffenden Person herum, dann darf der fünfhundertzwanzigste Journalist das erst recht und besonders schlecht. Das ist die Dynamik der Medien, die wir auch im Fall Wulff oder zuvor im Fall von Verteidigungsminister zu Gutenberg erlebt haben.

Nichts Besonderes, weil allgemeine, menschliche Bosheit.

Bemerkenswert finde ich aber trotzdem, dass auch in meinem Bekanntenkreis, meiner Familie und bei meinen Freunden und Kollegen sich niemand findet, der ein gutes Haar an Seehofer lässt.

Warum eigentlich?

Mir gefällt der Horst Seehofer ganz ausgezeichnet. Ich traue mich nur nicht, es zu sagen, weil ich dann böse Blicke ernte.

Hat schon mal einer Mutti so unter Druck gesetzt? Ich kann mich nicht erinnern. Allein das bedeutet für mich – guter Seehofer.

Da wir aber in einer Gesellschaft von Merkel-Fans leben, von denen die Hälfte etwa, eigentlich nur aus Mitleid Merkel-Fan ist, während die andere Hälfte mangels Alternative für sie votiert, darf man so etwas nicht einfach sagen.

Also doch lieber – böser Seehofer?

An die siebzig Prozent der Bevölkerung findet die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin schädlich für unser Land und unsere Gesellschaft. Nun macht mal einer etwas dagegen und ist dabei sogar Bundesinnenminister und die ganze Republik sitzt auf der Palme. Oder doch nicht die ganze Republik, sondern nur die so genannte kritische Öffentlichkeit? Die Medien?

Es sei dahin gestellt. Solange meine Mutter diesen „Kerl widerlich“ findet, muss ich wohl an eine breite Aversion gegen Seehofer, in der Bevölkerung glauben. Die Bayern-Wahl stützt diese Hypothese eher.

Aber was ist so schlimm an ihm?

Ich schaue mir sein Foto an und denke: „Horst, Du hast dieses Jahr mehrmals den Nagel auf den Kopf getroffen und im wesentlichen Recht behalten. Was die Flüchtlingspolitik auf europäischer Ebene angeht, die für die Kanzlerin quasi ein Alleinspaziergang ist, weil sich alle andern in die Büsche schlagen und ebenso hast Du im Fall Maaßen verstanden, dass die Linken ein Opfer wollen und hübsch dagegen gehalten. Warum hassen Dich die Leute auf so breiter Front? Vielleicht, weil Du so blond bist? Verfängt Dein bubenhafter Charme bei den Damen nicht? Ganz offensichtlich nicht! Aber ist das schon alles?“

Da antwortet mir der Horst vom Bild und sagt, er habe eine große Aufgabe zu erledigen. Welche genau, sagt er nicht so deutlich, aber dass es etwas mit Tradition und Kultur zu tun hat.

Ist es das, was die Leute so irre macht?

Ich mag das. Er ist zwar nicht der Mann von La Mancha, aber immerhin aus München.

Wie er gegen die gesellschaftlichen Windmühlen angeht, das erinnert an die AfD, aber es kommt eben aus der Mitte des Parteiensystems, der Union. Auch die SPD hat solche Leute, denken wir an Buschkowsky, der gerade mal wieder die SPD als Spinner-Partei entlarvt haben will, oder aber Thilo Sarrazin, mit seinem kulturrevolutionären Buch über die Türken. Nur eben, dass das keine Bundespolitiker mit einem großen Ministerium sind.

Vielleicht wäre Horst Seehofer beliebter, wenn er nicht so viel Macht hätte? Vielleicht wollen seine Gegner ihn auch einfach nur beliebter machen, indem sie ihm den Parteivorsitz und sein Ministerium wegnehmen?

Ich habe einen Verdacht, der mir die Gänsehaut über den Rücken treibt.

Horst Seehofer war in diesem Jahr der perfekte Schwanz, der mit dem Hund wedelt. So perfekt, dass er in einem fortgesetzten Akt des politischen Terrors gegen den allgemeinen Konsens, die ganze Republik lahmgelegt hat und den Hund dazu brachte, sich in seiner Verzweiflung den Schwanz abbeißen zu wollen.

Das erzeugte eine Drehbewegung, in welcher der Wauwau seinem Schwanz hinterher lief, ihn aber nicht richtige schnappen konnte.

Genau diese Drehbewegung hält heute noch an! Alles dreht sich im Kreis! Ganz Deutschland ist schwindelig davon, besonders die Medien.

Was war der Zweck?

Nun mein Verdacht:

Horst Seehofer will Kanzler werden!

So, jetzt ist es raus, was er, meiner Meinung nach, mit der großen Aufgabe meint.

Mehr noch.

Horst Seehofer will die CSU im gesamten Bundesgebiet antreten lassen und die Gemeinschaft mit der CDU aufkündigen. Bundesweit käme die CSU nach Umfragen auf etwa 16%. Das reicht zwar nicht ganz zum Kanzler, aber so weit weg ist es davon auch nicht. Schließlich hat die Gesamtunion derzeit weniger als 30% Zustimmung bundesweit.

Vielleicht aber will Seehofer auch einfach nur Schattenkanzler werden. Ein Kanzler also, der als graue Eminenz die Kanzlerin vor sich hertreibt und immer, wenn es zu offensichtlich wird, kleine taktische Rückzieher macht. Aber das ist er dann ja schon.

Wie auch immer.

Eines ist mir sonnenklar: Der Horst, der fast siebzig Jahre zählt, will noch etwas werden.

Was?

Im Grunde schleierhaft, aber unterschätzen sollte man ihn nicht.