Foto RT 2015

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Exclusiv-Interview mit Julian Assange zur Veröffentlichung der Wiki-Leaks Files in Buchform. Interviewer ist Afschin Rattansi von „Going Underground“. Bei Going Underground handelt es sich um ein englischsprachiges Format von Russia Today. Das Interview wurde auch in deutscher Übersetzung auf RT-Deutsch gebracht (26.9.2015).

Das Gespräch fand in der ecuadorianischen Botschaft in London statt, in der Assange seit über drei Jahren festsitzt. Er wird dort von der britischen Polizei bewacht und erleidet somit quasi einen Gefängnisaufenthalt ohne Anklage. Es soll auf diese Weise seine Auslieferung nach Schweden durchgesetzt werden, wo er wegen fragwürdiger sexueller Delikte verhört werden soll. Es besteht allerdings der dringende Verdacht, dass es sich nur um Zwischenstation auf dem Weg in die USA handeln soll, da er dort als Staatsfeind Nr. 1 wegen der Wikileaks-Veröffentlichungen mutmaßlich angeklagt werden soll. Washington ist allerdings so klug, die Anklage nicht öffentlich vorzubereiten und hat auch noch keinen Auslieferungsantrag im Falle seiner Überstellung nach Schweden angekündigt. Insider gehen allerdings mit absoluter Sicherheit von einem Auslieferungsersuchen der USA aus, sowie Assange sich in den Händen der schwedischen Justiz befände.

(Nachtrag: Etwa 500 Prominente haben im März 2016 die Freiheit für Assange gefordert, nachdem eine UN Menschenrechtskommission bestätigt hatte, dass sich der Wikileaksgründer quasi seit Jahren in Haft befindet.Siehe Tweet Titelbild von Wikileaks und Link Deutschlandfunk)

Das Thema des Interviews passt insofern sehr gut zur Situation des Interviewten Wikileaks-Gründers, weil sich nicht nur die USA im Visier der Whistleblower-Szene befinden, sondern umgekehrt der prominenteste Publizist für geleakte Dokumente, Assange, sich seinerseits im Visier der Supermacht.

Das Interview rechnet dementsprechend hart mit Washington und der Obama-Administration ab. Hauptthema sind dabei die Methoden der Destabilisierung und Pluralisierung mit denen die USA eine Reihe von Staaten, insbesondere im nahen und mittleren Osten quasi enthauptet haben und ins Chaos stürzten. Auf wen diese amerikanische Destabilisierungs-Doktrin zurückgeht, ist umstritten. Aus meiner Sicht ist es Brzezinski, der in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“, genau dieses Vorgehen Washingtons empfiehlt. Möglicherweise aber sind diese Methoden bereits kurz nach dem zweiten Weltkrieg in den Handbüchern der amerikanischen Geheimdienste aufgetaucht, wofür eine ganze Reihe von amerikanisch initiierten Umstürzen bereits in den fünfziger und sechziger Jahren in Süd- und Mittelamerika sprechen würden.

Assange, der die amerikanische Strategie der „unkonventionellen“, gemeint ist subversiv und asymmetrisch und nicht atomar, Kriegsführung auch in seinem Buch anhand von ausgewählten Botschaftsdepeschen und einem Handbuch belegt, blendet allerdings den anderen großen Player, der als Sponsor dieses Interviews im Schatten der Scheinwerfer steht, aus. Russland ist der eigentliche Gegner Washingtons und nicht umsonst zum Unterstützer der Whistleblower-Szene avanciert, solange sich diese hauptsächlich an Amerika abarbeitet.

Das Interview mit Assange trifft zwar die wichtigen Brennpunkte amerikanischer Destabilisierungspolitik, wie Syrien, erwähnt aber nicht, dass der eigentliche Gegner, der mit dem Sturz Assads getroffen werden soll, Putin ist. Brzezinski kreist in seinem erwähnten Buch nicht ohne Grund um die ehemalige Supermacht, da von ihr die einzige globale geostrategische und militärisch nachhaltige Bedrohung Amerikas ausgehen kann. Der amerikanische Imperialismus zeigt in Bezug auf den Kernstaat der ehemaligen Sowjetunion geradezu ängstliche Eindämmungswünsche, welche die tatsächliche globale Power Russlands vor den Schatten der Vergangenheit überschätzen.

Der amerikanische Imperialismus ist einerseits tatsächlich so aggressiv, wie Assange ihn in dem Interview entlarvt, zugleich aber so defensiv, dass eine militärische Konfrontation mit Russland unter keinen Umständen riskiert werden darf. Somit versucht man Russland von seinen Verbündeten, wie Assad, entweder zu isolieren, oder diese zu stürzen.

Im Interview wird immer wieder deutlich, dass Assange diesen paranoiden Aspekt gegenüber Russland ausblendet. So betont er, dass Washington sechzig Prozent seines Militär-Budgets für Auslandsgeheimdienste aufwendet, vergisst aber zu erwähnen, dass Russland weltweit die höchste Zahl von Geheimdienstlern unterhält. Allerdings setzt Moskau dabei hauptsächlich auf den Inlandsgeheimdienst, FSB, dessen Agentennetz die Vorgängerorganisation KGB in der Zahl der Mitarbeiter längst überflügelt hat. Faktisch kommt aktuell auf 28 russische Bürger ein Geheimdienstler, mehr als in der Sowjetunion. Auch dies dürfte Ausdruck einer Paranoia sein, wenn auch einer Paranoia des Kremls und nicht des Weißen Hauses. Die defensive Ausrichtung des russischen Geheimdienstes, die eben nicht nur gegen die inländische, sondern auch gegen die ausländische Opposition des Systems gerichtet ist, stellt die Reaktion auf die amerikanischen Bemühungen zur Destabilisierung und Pluralisierung Russlands nach der Brzezinski-Doktrin dar. Sie ist aber auch Ausdruck eines neuen russischen Imperialismus, der genau wie der amerikanische Imperialismus asymmetrisch und geheimdienstlich agiert. Der Unterschied liegt hauptsächlich in der wirtschaftlichen Hegemonie, die bei den Amerikanern liegt. Bei Putin und Obama handelt es sich um moderne Nachfolger der alten West-Ost-Konkurrenz, was im Interview ebenfalls nicht zur Sprache kommt, da der Sponsor eben Russia-Today ist.

Assange stellt die Welt vor allem monopolar dar, was aus seiner Sicht (der  Hauptgegner sitzt in Washington) verständlich ist. Der Interviewer Rattansi versucht ihm ein paar Male die von Russland angestrebte Blockbildung mit China im Sinne eines von Russland geführten, bipolaren Gleichgewichtes nahe zu legen. Assange lässt sich darauf aber nicht ein.

Die realistische Darstellung der Lobbymacht des militärisch-industriellen Komplexes in den USA und vor allem der Geheimdienste gelingt ihm aber in geradezu deprimierender Schärfe. Bedeutet dies doch auch, dass keine der involvierten Lobbys von der Verfolgung der Whistle-Blower ablassen wird. Auch für seine eigene Person bedeutet dies wenig Hoffnung zukünftig in Ruhe leben zu können.

Einen interessanten Exkurs liefert Assange dann aber noch über den britischen Labour-Chef, Jeremy Cobyrn, der unter anderem öffentlich über Groß-Britanniens Austritt aus der Nato nachdenkt. Nach Assange könnte es lohnen die Entwicklung dieses Politikers näher zu beobachten, da er für die Amerikaner eine erhebliche Bedrohung darstellt. Der Aufstieg von Jeremy Cobyrn, ein vehementer Globalisierungskritiker, zum Vorsitzenden der Labour-Party, ist bei uns in Deutschland bisher überhaupt kein Thema gewesen.

Warum wohl?

Es macht also immer wieder Sinn, bei Assange nachzuschauen, wenn man die betont blinden Flecke unserer Medien nicht einfach hinnehmen möchte.