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Foto: Gedächtnisbüro 2007

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Ich möchte es eigentlich wieder haben mein Luhansk und mir reicht es mit dem Krieg. Als im letzten Jahr Putins Gegenrevolution im Osten dort stattfand, die eine Art Antimaidan werden sollte, stand ich unter dem Eindruck dieser hoch zweifelhaften Farbenrevolution, die am Ende nur noch eine Farbe hatte: Rot.

Meine Frau und ich haben stundenlang vor den Mitschnitten der Kämpfe an der Institutskaya gesessen und versuchten zu verstehen, was dort vor sich ging. Sie schrie jedes Mal auf, wenn eine Kugel einen Demonstranten traf. Die Projektile kamen von der Seite von den Dächern der umliegenden Institute und Regierungsgebäude und von hinten aus dem Hotel Ukraine, aber nicht von vorn, wo die Polizei gestanden hatte.

Das schien auch der Kameramann zu wissen, der einfach nur auf der anderen Straßenseite stand und seelenruhig aus zwanzig Metern Entfernung das Massaker filmen konnte ohne auch nur unter Beschuss zu geraten oder einmal in Deckung gehen zu müssen. Währenddessen hörte man im Hintergrund die Megaphon-Ansagen eines Sprechers der Demonstranten, der die Leute aufforderte nach vorn zu gehen (in das Feuer der Scharfschützen) um Hilfe zu leisten. Immer wieder kamen welche und einige von ihnen blieben leblos liegen, andere schleppten sich angeschossen weg, während wieder andere nicht getroffen wurden und Verletzte bergen konnten. Es war wie im Krieg. Man wusste nur nicht, wer das schoss. Inszeniert wirkte es auch.

Unser Misstrauen war riesengroß und ist es heute noch. Die Morde sind nicht aufgeklärt und werden es wohl auch nicht.

Obwohl klar war, dass bei Luhansk Russen über die Grenze kamen und begannen Rathaus um Rathaus zu besetzen, auf denen sie die russische Flagge hissten, hatten wir Verständnis für diese „feindliche Übernahme“. In Kiew hatte gerade ein Putsch stattgefunden, kein friedlicher Umsturz durch Demonstranten. Denn die, welche am Tag nach der Insitutskaya das Regierungsviertel mit Waffen besetzten und die Polizei zum Überlaufen zwangen, waren nicht die Opfer des Vortages gewesen. Der militante Zweig des Maidans war bestens organisiert und bewaffnet. Keiner von denen hätte sich da vorne einfach so erschießen lassen. Aber die Eskalation vom Vortag spielte den Militanten in die Hände, die sich überwiegend aus den Kreisen der Rechtsnationalisten rekrutierten, einige von ihnen bekennende Nazis.

Als dann im Mai 2014 kurz nach dem Besuch des CIA-Chefs Brennan in Kiew, die Anti-Terror-Operation begann, hofften wir noch, dass das alles ein schlechter Scherz ist. Erst als die Granaten in Luhansk einschlugen, war uns klar, dass hier Krieg geführt wird, Amerika gegen Russland und unser Luhansk wurde zur Geisel, ist es immer noch. Auf einem Netzwerktreffen berichteten Leute, die Kiew in dieser Zeit besucht hatten, dass sie mit ihrer Delegation die letzten vier Betten in einem Hotel bekommen hatten. Die anderen 196 Betten waren von Amerikanern belegt. Sie waren da, nicht desinteressiert, sondern engagiert, bis an die Grenze des offenen Krieges und haben das blutige Geschehen vorangetrieben.

Die Ukraine befand sich in einem Stellvertreterkrieg und mehr als 6000 Menschen seien seitdem gestorben, inoffiziell werden diese Zahlen bezweifelt, der BND hatte zwischenzeitlich in einem Bericht an die Bundesregierung die Glaubwürdigkeit dieser Zahlen angezweifelt. Die zehnfache Opferzahl erschien den Experten wahrscheinlicher.

Jetzt sieht es so aus, dass sich Russen und Amerikaner nicht mehr in der Ukraine, sondern eher in Syrien den nächsten Machtkampf liefern und deshalb das Kriegstagebuch für die Ukraine schließen wollen. Moskau übt Druck auf die Separatisten aus, sich verhandlungsbereit zu zeigen und beruft besonders unfolgsame Separatisten, wie zuletzt Purgin ab. Natürlich nicht offen, sondern getarnt als Machtkampf zwischen Puschilin und Purgin in Donezk.

Es wäre schön, wenn sich Kiew und Donezk endlich einigen könnten und ihre föderale Neuordnung in Angriff nehmen. Dann wird es endlich auch Luhansk besser gehen und wir können aufhören, an der Lage zu verzweifeln.

Luhansk (Lugansk) war kein Kurort

Natürlich war Luhansk nie ein Kurort. Dort gab es in den neunziger Jahren mit die heftigsten Mafia-Kämpfe, die Stadt war von Kriminalität durchsetzt. Banden haben sich Straßenkämpfe geliefert und Exekutionen auf öffentlichen Plätzen durchgeführt. Erst als der Drogenhandel und die Prostitution, die Erpressung und Korruption wieder an die Behörden überging, insbesondere an die Polizei, kehrte langsam wieder Ruhe ein. Meine Frau sagte, dass die Mafia-Banden sich letztlich gegenseitig so geschwächt hatten, dass die Polizei zuletzt deren Geschäfte übernehmen konnte. In ihren Worten schwang Erleichterung mit. Lieber eine kriminelle Polizei, als täglich Schießereien auf den Straßen.

Ich war dennoch eingeschüchtert und habe anfangs keinen Schritt in der Stadt ohne die fachkundige Anleitung meiner Frau unternommen. „Geh nicht dahin, geh dort hin,“ „verhalte Dich nicht so auffällig“, „guck nicht so freundlich und vor allem küss mich nicht auf der Straße!” Ihre Ratschläge haben mir später, als ich allein in Lugansk unterwegs war, wohl das Schlimmste erspart. Sie haben mir auch auf der Reise nach Lugansk geholfen, Autorität auszustrahlen und nicht wie ein Opfer auszusehen. Meine Frau wusste schon, wovon sie redete.

Von Kiew bin ich immer mit einer alten Antonow geflogen und der Lugansker Flughafen empfing mich meist in der Abendsonne mit einer Reihe rostiger Doppeldecker, die am Vorfeld Spalier standen. Meine Frau holte mich mit irgendwelchen Fahrern ab, die sie aufgetrieben hatte und die sich selbst als Taxifahrer bezeichneten, was schwer nachprüfbar war. Eigentlich waren es junge Männer mit Auto, die sich Geld verdienten. Echte Taxifahrer bekam ich in meiner Luhansker Zeit auch zu Gesicht. Sie standen meist untätig an den Parkplätzen und machten nur kurze Fahrten für die sie einen Haufen Geld nahmen. Überhaupt, Serviceleistungen bekam man in Luhansk am besten in Form bezahlter „Freundschaftsdienste“, alles andere vermied man tunlichst.

Eigentlich sind die Ukrainer Pragmatiker mit einem Hang zum Egoismus. In der Ukraine gilt, verhandeln, verhandeln und am Ende noch mal verhandeln. Das wurde häufig als Unzuverlässigkeit gedeutet, ist aber Mentalität. Wir haben es unzählige Male erlebt. In Mariupol, als wir ein günstiges Häuschen am Strand mieten konnten und zwei Tage später Nachverhandlungen über uns ergehen lassen mussten, weil eine Familie ankam, die noch mehr bezahlt hätte. Am Ende einigte man sich bei Wodka und Schaschlik und der erfolglose Familienvater bekam meine Uhr als Entschädigung. Mir war es recht. Meine Frau war allerdings entsetzt, weil sie es als Zeichen von Schwäche deutete. Mir dagegen kam es vor, wie höhere Vernunft. Er behielt die Uhr, sein Angebot sie zurück zu geben, das von den Frauen erzwungen wurde, habe ich lächelnd ausgeschlagen. Dieses eine Mal habe ich mich durchgesetzt. Der Vermieter, der maximalen Profit aus der Lage ziehen wollte, ging jedoch leer aus. Meine Genugtuung.

Warum schreibe ich das alles?

Ich glaube es ist magisches Denken. Ich beschwöre meine friedliche, wenn auch nicht ungefährliche Ukraine und hoffe sie dadurch zurück zu bekommen!

Der Krieg wurde den Ukrainern aufgezwungen. Diese Mal sind sie wirklich Opfer.

Ich will Lugansk zurück! Ich will unser Haus in Uspenka zurück, obwohl es nicht durch den Krieg sondern durch die Nachbarn zerstört wurde. Egal, ich will es zurück, und wenn ich es nicht zurückbekomme, will ich den Frieden zurück. Dann kaufe ich mir dort was Neues. Aber genau dort!

Der Donbass ist das, was ich will. Nicht schön, aber reizvoll. Es ist eine Region, in der die Sommer extrem heiß werden können und die Winter extrem kalt. Es ist eine Region der einfachen Leute, die Regeln nicht überschätzen, aber sich voreinander in Acht nehmen. Die kooperieren, aber mit äußerster Vorsicht. Die sich nicht abhängig zeigen wollen, aber sehr treu sein können.

Wladimir schreibt mir noch immer, auch wenn wir schon seit Jahren nichts mehr miteinander zu tun haben. Ich habe ihm dennoch die angeforderten Latex-Handschuhe geschickt, eintausend Stück, da er in der Gerichtsmedizin arbeitet und dort die Handschuhe knapp sind. Angekommen sind sie aber nicht. Keiner weiß warum und wie weit das Paket gekommen ist. Irgendwann kam es zu uns zurück und ich musste ordentlich Aufpreis zahlen um es wieder zu bekommen. Die DHL hat ihre Regeln, die Ukraine hat ihre Regeln, man sollte besser nicht zwischen diese Inkompatibilitäten geraten, dann fährt man Verluste ein.

Jetzt benutzen wir die Handschuhe selbst. Wir haben genug davon bis an unser Lebensende.

Vadim hatte uns das Haus damals verkauft. Sehr günstig und wir waren zufrieden. Auch wenn es bereits kurz nach unserer Abreise unter unglücklichen Umständen in ein Familiendrama geriet und dabei erheblichen Schaden nahm, auch wenn es nun als Ruine, ausgeraubt und nackt mitten im Dorf steht, Vadim ist uns treu geblieben. Er hat uns letzten Herbst besucht und ich bin sicher, dass es nicht sein letzter Besuch bleiben wird. Das meine ich damit. Wir haben Treue erlebt.

All das will ich zurück. Wir leben jetzt in einem scheinbar perfekt funktionierenden Land und haben eine gewisse Sicherheit erreicht. In Lugansk war alles anders. Nichts war perfekt, vieles hat nicht funktioniert und oft musste man zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen, wenn man etwas wollte. Immer wenn wir ein offizielles Anliegen hatten, wurden wir mit der alten sowjetischen Bürokratie konfrontiert. Wenn es einem gelang, die Leute auf seine Seite zu bekommen, hatte man gewonnen. Nur auf sein Recht zu bestehen, war in aller Regel mit einer Warteschleife verbunden, die kein Mensch aushalten kann. Also taten wir, was man tun konnte. Manchmal mit Freundlichkeit, manchmal mit Bestechung, manchmal mit Einschüchterung. Wir kannten den Direktor, Amtsleiter, Polizeichef und riefen dort an. In Wirklichkeit kannten wir nur einen, der ihn kannte. Aber den riefen wir dann wirklich an.

Sicher nervt einen das irgendwann. Oft genug habe ich geflucht. Aber ich konnte im Sommer ganz ohne Helm Roller fahren. Auf eigene Verantwortung. Niemanden hat das gestört. Bis auf einen Sonnenbrand auf der Stirn ist mir auch nichts passiert. Unser Roller war unangemeldet, was rechtens war, ungedrosselt, was auch rechtens war, hatte einen miesen Motor und allerlei elektronischen Schnickschnack. Er stand in unserem Hof und man konnte ihn mit dem Schlüssel aus dem Küchenfenster starten. Alarmanlage und ständiges Piepsen inclusive. Wir haben damit alles gemacht. Wir waren auf dem Markt, haben Zement damit transportiert und sind Schwimmen gefahren. Es gab dort diese Baggerseen, an denen sich alle tummelten, grillten und ihr Wochenende verbrachten. Das Wasser war sehr sauber und meine hochschwangere Frau konnte sich in diesem Wasser endlich mal leicht und unbeschwert fühlen.

Inzwischen ist ein Krieg über diese Gegend gezogen und viele sind von dort weggegangen. Auch unsere Freunde sind weg. Vadim, Wladimir, Natascha und Ivgeniev. Alle sind weg. Ich kann das nicht akzeptieren. Es ist ungerecht. Sie wurden vertrieben von Oligarchen, die einen Machtkampf begonnen haben und ihre Beziehungen spielen lassen wollten. Sie wurden heimatlos durch eine amerikanische Elite, die einen Umsturz organisierte und einen russischen Präsidenten, der ein Exempel statuiert hat, nach dem Motto: „Bis hierhin und nicht weiter!“ Immerhin leben sie alle noch, worüber wir angesichts der Opfer dieses Krieges glücklich sein können.

Ich aber bin nicht glücklich. Ich habe Lugansk verloren, diese Lehrmeisterin für das Leben. Ich meine das Leben, wie es wirklich ist, nicht das Leben nach Gesetz, wie ich es als Deutscher verinnerlicht habe. Deshalb hoffe ich jetzt auf Frieden und auf Vernunft, damit der Donbass wieder aufgebaut werden kann und auch Lugansk wieder eine lebenswerte Stadt wird. Die Krieger aus dem Kaukasus und den russischen Kasernen mögen jetzt das Land verlassen. Die Nazikolonnen, die von Kolomoisky finanziert werden, zerfallen hoffentlich bald und die zwangsverpflichteten jungen Männer auf ukrainischer Seite dürfen hoffentlich bald nachhause, weil die Vernunft wieder eingekehrt ist.

Keine Vernunft in unserem Sinne, sondern die pragmatische, egoistische Vernunft der Ukrainer, die von sich aus niemals einen solchen Krieg angefangen hätten. Er wurde ihnen aufgezwungen, davon bin ich überzeugt. Dies ist auch der Grund, dass ich keine Sympathien für die überzeugten Ideologen der einen oder anderen Seite habe. Denn die waren nur die nichtsnutzigen Türöffner des amerikanisch-russischen Machtkampfes in der Ukraine. Die sollten sich was schämen.