Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Man kann nicht umhin dem Thüringer AfD-Chef, Bernd Höcke, einen gewissen Respekt zu zollen. Er hat sich ganz zweifellos zu einer besonderen Figur der neuen Rechten in Europa entwickelt und lässt sich kaum mit den gewohnten Kategorisierungen, mit denen rechte Ideologen hierzulande „entlarvt“ werden, fassen.

Höcke, dafür sei der entsprechende Wikipedia-Artikel empfohlen, hat ziemlich plump auf der Neonazischiene begonnen. Seine Verbindungen, auch die privaten, zu Neonazis sind nachgewiesen und seine Teilnahme bei rechtsextremen Demonstrationen bereits vor Jahren dokumentiert.

Wie es dieser Gymnasiallehrer, der erst seit 6 Jahren voll in der Politik steht, geschafft hat, eine Partei unter seine Fittiche zu bekommen, die eigentlich ganz bürgerlich angefangen hat und vor allem als „Anti-Euro-Partei“ auftrat, ist immer noch nicht ganz geklärt. Er hat drei Ausschlussverfahren hinter sich (das Dritte wurde relativ schnell abgebogen) und zwei mächtige Frauen in der AfD besiegt. Frauke Petry und Alice Weidel. Wie er das geschafft hat, ist mir unklar. Ich bin auch kein Parteienforscher, kann nur mutmaßen.

Vielleicht hat Höcke als Wessi in einem ostdeutschen Landesverband einfach die stärksten Netzwerke gehabt. Vielleicht aber auch, waren es die Inhalte, die Höcke geliefert hat, mit denen er viele in der ostdeutschen AfD erreichen konnte.

Hauptsächlich die bekannten Inhalte der neuen Rechten in Europa. Die Idee einer völkisch-identitären europäischen Ordnung von Nationalstaaten, die der Globalisierung widerstehen können. Vielleicht waren es aber auch ganz andere Faktoren und Methoden, auch sehr schmutzige, von denen wir wenig wissen. Petry hat das Handtuch geschmissen und Weidel hat sich eingeordnet. Bleiben Jörg Meuthen und Alexander Gauland, die Höcke klar protegieren.

Der Mann ist eindeutig ein Politik-Talent, nicht nur beim Schmieden von Netzwerken. Seine Rhetorik und Geschichtskenntnis erlauben es ihm haarscharf auf den Rändern des Nationalsozialismus zu balancieren, ohne wirklich in die braune Suppe zu fallen.

Die Verwünschungen, die derzeit von der gesamten etablierten Politik gegen ihn ausgestoßen werden, die ihn als Faschist und Nazi sehen, wirken dagegen vergleichsweise hilflos.

Tatsächlich scheint Höcke auch weder ein Faschist (im definitorischen Sinne bedient er höchstens einen gewissen Führerkult um sich selbst) noch ein Neonazi (er geht zu differenziert mit den Verbrechen des Nationalsozialismus um und weckt damit die Anmutung einer großen inneren Distanz zum Nationalsozialismus) zu sein.

Das macht die Kritik an ihm so dumpf und selbstentlarvend und es spricht auch viel professioneller Unwille aus diesen Kritiken, sich mit Höcke überhaupt richtig zu beschäftigen. Entsprechend schwach wirken seine Gegner. Die immerwährende Wiederholung der gleichen unpassenden Titulierungen haben sich im Falle von Höcke längst abgenutzt. Das weiß er auch.

Dabei gelingt es ihm weiter auf dem Gegentrend zur Globalisierung, dem neuen Nationalismus zu reiten und immer wieder mit Versatzstücken des Nationalsozialismus zu hantieren, ohne wirklichen politischen Schaden zu nehmen.

Sicher, die Beschäftigung mit dem Sujet in dem Höcke sich bewegt, widert an.

Geschichtsrevisionismus in Bezug auf das Dritte Reich, die vernichtende Kritik an unserer Erinnerungskultur und die direkte Ableitung von gesellschaftlichen Entwicklungen, die zu einer Schwächung der deutschen Kultur und Lebensweise geführt haben, aus einem angeblich herbeimanipulierten deutschen Schuldkomplex, machen wütend. Natürlich haben wir uns schuldig gemacht, in allerschlimmster Weise, also was sollen die Relativierungen?

Der AfD-Politiker, der sich derzeit aufschwingt, in den AfD-Bundesvorstand zu streben, hat vermutlich anderes im Sinn. Er will den Gegnern des Nationalismus in Deutschland den Boden entziehen, so wie es auch in anderen europäischen Ländern bereits geschieht, wenn auch auf ganz andere Weise. Höcke kann das nicht mit politischer Macht tun, er macht es (derzeit noch) intellektuell mit Manipulation.

Wenn man Bürger eines Landes ist, dass sich derart in Schuld verstrickt hat, versteht sich die Aversion gegen Nationalismus, speziell gegen einen deutschen Nationalismus. Wir singen die erste Strophe des Deutschlandliedes deshalb nicht mehr. Was soll das auch heißen: „Deutschland über alles…“ Das gehört ins neunzehnte Jahrhundert!

Höcke aber deutet diese Entwicklung um, zu einer gezielten Manipulation, mit der man den Deutschen ihre Liebe zum Vaterland austreiben will. Leider ist das wiederum auch eine Manipulation. Denn den Patriotismus haben wird nicht deshalb verlernt, weil wir einen Schuldkomplex haben, sondern weil ihn die meisten Bürger Europas für nicht mehr so wichtig halten, in einer Europäischen Union, die eine größere und interessantere Heimat bietet, als die einzelnen Mitgliedsländer dies können.

Dennoch ist diese Entwicklung, die an vielen Menschen in Europa vorbeigeht, weil sie sich mit der europäischen Idee nicht identifizieren können, zu kritisieren. Europa ist leider ein Elitenprojekt, dem die Basis fehlt. Es ist nicht sozial ausgestaltet und lebt vor allem von den wirtschaftlichen Vorteilen der Globalisierungsgewinner. Aber mit den beschworenen Manipulationen, die von der neuen Rechten behauptet werden, hat das wenig zu tun. Eher ist es ein Phänomen der Globalisierung, die auch hierzulande hart zugeschlagen hat.

Die kapitalistische Schockdoktrin hat unserem Land und unserer Bevölkerung jedenfalls ebenso wenig gut getan, wie den östlichen Mitgliedsstaaten und den ehemaligen Sowjetstaaten, die nun eine ganz ähnliche Entwicklung versuchen, wie sie von Höcke und seinem rechten AfD-Flügel auch für Deutschland projektiert ist. Sie wollen in die Richtung stark abgegrenzter Mehrheitsgesellschaften mit möglichst einheitlicher Identität, die sich wenig um Minderheiten scheren. Das Modell, das es zuletzt im Sozialismus gab. Höcke ist aber kein Sozialist, mit der sozialistischen Internationale kann überhaupt nichts anfangen, auch wenn er wirtschaftlich eher links verortet wird, zumindest in der eigenen Partei. Wenn überhaupt ist er ein nationaler Sozialist, der in Volksgemeinschaften denkt, die homogen und gerecht (unter Ausschluss aller, die für ihn nicht dazu gehören) gestaltet sein sollen und nach außen friedlich bleiben.

Das klingt nach Utopie und meiner Meinung nach ist Höcke auch ein Utopist. Zum Nationalsozialismus will er sicher nicht zurück und ein dumpfer Neonazi war er bestenfalls in seinen jungen Jahren, wenn überhaupt.

Höcke scheint eine Idee wieder aufgenommen zu haben, die eigentlich bei der Entstehung des deutschen Nationalstaates im neunzehnten Jahrhunderts en Vogue war. Die Vorstellung einen Flickenteppich deutscher Länder zu einem einheitlichen nationalen Deutschland mit einheitlicher Kultur und einheitlicher Identität zu machen. Heinrich Heine wäre vielleicht begeistert von Höcke, vielleicht auch nicht. Aber Putin, wenn ich diesen Sprung einmal wagen darf, ist gewiss begeistert von ihm. Denn der russische Präsident hat ja auch die Wurzeln des russischen Nationalstaates wieder freigelegt, auch wenn er dabei tief in die zaristische Welt zurückgehen musste.

Eigentlich ist das kein Geschichtsrevisionismus mehr, sondern der Versuch einer Geschichtskorrektur in der Zukunft. Ein neues reine nationales Deutschland und ein soziales und frommes Russland, das seinen Zaren liebt. Ziemlich verträumt.

Ach, wenn nur die Globalisierung nicht wäre!

Ich glaube persönlich – und als persönliche Überlegung ist dieser Artikel zu verstehen, nicht als wissenschaftliche Abhandlung – dass beide Politiker Idealisten sind, die furchtbare Angst davor haben, als Träumer dazustehen. Putin ist hier nicht mehr in der Gefahrenzone, war es aber eine ganze Weile. Er hat sein Land zu stark gemacht, niemand würde ihn als Träumer bezeichnen, auch wenn er nach meiner Ansicht einer war.

Höcke ist ein Träumer, der sehr wohl als Träumer entlarvt werden kann, was für ihn, aus meiner Sicht, das Schlimmste wäre, was passieren kann. Denn Höcke ist aus der Zeit gefallen und seine gewaltigen narzisstischen Abwehrfähigkeiten schützen ihn davor, diese kalte Tatsache erkennen zu müssen. Er formt seine verzweifelte Nostalgie zu einer Utopie um, nur damit er weiter vom Deutschen Volk träumen kann.

Wir sind tatsächlich ein Volk, aber anders, als Höcke das möchte

Das deutsche Volk hat sich aber auch ganz ohne Manipulation als wenig idealistisch erwiesen. Wir sind vor allem Pragmatiker und Materialisten mit einem Hang zur Gründlichkeit. Auch wenn uns unsere Eliten weismachen wollen, dass wir glühende Idealisten mit einem Hang zum Moralischen sind, stimmt das nur sehr eingeschränkt. Wir werden auch bei der höchsten Stimmung schnell wieder nüchtern und werkeln dann an unseren Projekten weiter.

Weder sind wir glühende Europäer noch sind wir fanatische Nationalisten. Wir passen weder zu Höcke noch zu den Politikern die uns die EU als Ideal verkaufen wollen. Wir sind keine Multikultis und nehmen trotzdem Flüchtlinge auf, haben aber auch irgendwann genug davon. Wir sind bereit, ehrlich arbeitende Leute aus anderen Ländern zu integrieren, hassen aber jedes Schmarotzertum. Das klingt alles kein bisschen idealistisch und eine Utopie ist mit uns nicht zu machen, weder eine Grüne noch eine Braune. Überhaupt keine.

Wir passen zu Merkel, die die meisten von uns nicht mehr sehen können, die aber so typisch unseren Charakter als Volk verkörpert, wie wohl kein Regierungschef je zuvor. Merkel ist zutiefst unideologisch und sicher keine „böse Frau“ wie Höcke das behauptet. Sie ist so deutsch wie wir und deshalb kann sie auch keine Volksverräterin sein. Wir verraten unsere Interessen nämlich nicht, sondern nehmen sie überall in der Welt wahr.

Nicht dank Höcke, sondern dank Merkel.

Das ist der eigentliche Grund der politischen Krise. Wer soll, bitteschön, Merkel ersetzen, die wir nicht besonders mögen, aber die unser Land ehrlich vertreten hat, wie keine Zweite.

Höcke ärgert, aber Merkel macht mir Sorgen.