16032017Reise ins Lager, Reise ins Elend und in den Tod. Die Kinder am Bahnhof Friedrichtstraße wussten nicht, welches Schicksal ihnen die Nazis zugeteilt hatten. Ein Grund, dass wir heute aufhören müssen, Schicksal zu spielen. Das schließt den Bau von Lagern, aber auch Interventionen in anderen Ländern und Rüstungslieferungen ein. (Foto Gedächtnisbüro 2017)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

In diesem Jahr ist es ein Menschenleben (80 Jahre)  her, dass auf deutschem Boden das Konzentrationslager Buchenwald eröffnet wurde. Obwohl es kein Massenvernichtungslager, wie Auschwitz oder Majdanek, war, starben dort 56 000 Menschen.

Ursprünglich war Buchenwald für Juden, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, aber auch vorbestrafte Kriminelle und so genannte Asoziale bestimmt. Buchenwald, Bergen-Belsen und Dachau sowie Ravensbrück, wo 20000-30000 Frauen umgekommen sind, waren die mörderischsten Konzentrationslager auf deutschem Boden, sie waren teilweise Vorläufer der eigentlichen Massenvernichtungslager im Osten, in denen fabrikmässig getötet wurde.

Misstrauen wir jedem Lager, das Volksgruppen konzentriert

Das Kalkül jedes Konzentrationslagers war es zuerst, ganze Volksgruppen möglichst unauffällig von der Bevölkerung zu separieren, alles andere waren dann organisatorische Aufgaben, die diesem ersten Schritt folgten. Skrupellose Ausbeutung, schwerster Missbrauch und Massenmord.

Die deutschen Massenvernichtungslager waren schließlich nicht nur der Tiefpunkt der deutschen Geschichte, sondern der Tiefpunkt der Zivilisation überhaupt.

Wir dürfen nie wieder auch nur in die Nähe, solcher Gedanken kommen, Volksgruppen voneinander zu separieren.

Lager haben eine neue Aktualität

Durch die Flüchtlingskrise haben Lager eine neue Aktualität in Deutschland bekommen. Auch wenn es Flüchtlingslager sind, die dem Schutz und der Aufnahme von Verfolgten dienen sollen, werden dort Volksgruppen konzentriert.

Mehr noch. Es stehen inzwischen eine ganze Reihe von Lagern zur Diskussion, in denen Menschen festgehalten werden sollen, die nicht nach Deutschland kommen sollen, oder solche, die in ihre Heimatländer abgeschoben werden sollen. Solche Lager sind nicht nur auf deutschem Boden in der Überlegung, sondern auch auf dem Gebiet von Transitländern, beispielsweise in Nord-Afrika. Letztere Lager sind vor allem dazu gedacht, Menschen aufzuhalten, Flüchtlingsströme einzudämmen und natürlich die Volksgruppen, die dort unterwegs sind, von der übrigen Bevölkerung zu separieren.

Wenn das von Deutschland ausgeht, ist das angesichts unserer Geschichte, kein angenehmer Gedanke.

Ein Lager ist nicht der richtige Ort für Menschen

Menschen in Lagern sind abhängig. Man kann sie gut versorgen oder schlecht versorgen, man kann ihre Freiheit einschränken und sie nach erdachten Kriterien ordnen, man kann ihnen einen Tagesrhythmus vorschreiben, man kann ihnen ihr Geld abnehmen (was schon geschieht, beispielsweise in Dänemark), man kann sie zu Hygienemaßnahmen zwingen und ihnen ein bestimmtes Sozialverhalten auferlegen, das speziell für ein Lagerleben erdacht wurde. Menschen im Lager sind als Opfer prädestiniert, in Einzelfällen auch als Täter, die dann ihre Opfer aber im Lager finden.

Ein Lager ist nicht der richtige Ort für Menschen.

Überall auf der Welt gibt es Lager, aber wir müssen klüger sein

Angesichts der heutigen Flüchtlingsströme stellen Lager nicht die richtige Infrastruktur dar, diese zu bewältigen, obwohl es Lager überall gibt.

Die Risiken, die große Flüchtlingslager beinhalten, sind dabei unschwer zu erkennen. Mangelversorgung, Seuchen, Gewalt und Missbrauch, auch Ausbeutung durch die Schleuser-Mafia, sind nur einige Probleme in großen Flüchtlingslagern.

Ein ganz anderes Problem ist, dass die Menschen dort von skrupellosen Politikern und Regierungen als Faustpfand benutzt werden oder als Druckmittel. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Regierung Erdogan, ihre Drohungen wahr macht und ganze Flüchtlingslager abbricht, um diese Menschen in Richtung der europäischen Kernländer zu schicken, bzw. von der türkischen Schleuser-Mafia schicken zu lassen.

Für uns Deutsche aber müsste dennoch das Ziel sein, Lager so schnell wie möglich überflüssig zu machen, aufzulösen und eine andere dezentrale Infrastruktur für die Aufnahme von Flüchtlingen zu entwickeln. Ob das nun Dörfer in strukturschwachen Regionen sind, in denen Flüchtlingsfamilien angesiedelt werden, ob es Städte und Kommunen mit freiem Wohnraum sind, oder neu errichtete Siedlungen, ist im Einzelfall zu diskutieren. Fest steht aber, dass Lager höchstens dem Wunsch der heimischen Bevölkerung entgegenkommen, wenn diese keinen Kontakt zu den Flüchtlingen wollen. Für die Menschen die da kommen, ist das die schlechteste Lösung.

Auch wenn Deutschland seine Grenzen wieder dicht hält, sind wir trotzdem aufgefordert ein Beispiel zu entwickeln, wie man mit ganzen Volksgruppen umgeht, die plötzlich bei uns sind. Die Migrationswelle, die wir seit 2015 haben, wird nicht die einzige bleiben.

Abgrenzung ist berechtigt, aber Separation nicht

Viele Deutsche haben angesichts der Flüchtlingskrise auf Abgrenzung umgeschaltet und wollten von der Regierung vor allem wissen, wie sie gedenkt, den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Das ist berechtigt.

Wer aber zu uns gekommen ist, verdient und benötigt den Anschluss an die heimische Bevölkerung, darf nicht separiert werden. Ansonsten stellt wieder und wieder eine ausgegrenzte Minderheit den Anreiz dar, schlechter mit ihr umzugehen, als mit der übrigen Bevölkerung. Solche Phänomene haben wir in ganz Europa beobachtet, in Deutschland sollten wir sie uns nicht mehr leisten.

Eine dezentrale Integration von Flüchtlingen aus anderen Ländern ist erforderlich. Gleichzeitig muss man die Zuwanderung generell endlich so regeln, dass diese auch geordnet und nach bestimmten Kriterien bei uns stattfinden kann. Die Frage eines Einwanderungsrechtes kann vielleicht erst dann gelöst werden, wenn die EU die Kompetenzen dafür wieder an die Mitgliedsstaaten zurückgegeben muss. Denn viel zu unterschiedlich sind die Vorstellungen der Mitgliedsländer, wie viel Zuwanderung man braucht oder ertragen kann. Das muss auf nationaler Ebene entschieden werden, auch wenn man dann das Schengen-Abkommen vermutlich modifizieren muss.