Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Sollen sie doch wieder vor ihre Computer gehen und in sozialen Netzwerken Bildchen austauschen. In der Politik können junge Menschen eigentlich gar nichts mehr erreichen. Fridays for Future? No Future?

Der Klimagipfel ist eine Konferenz die zur Mauer geworden ist. Auf der Welt wird nämlich um Wohlstand gekämpft und nicht um das Klima.

In Paris sind die Klimaproteste gerade gewalttätig eskaliert und die französischen Sicherheitskräfte machen keinen Unterschied zwischen den Militanten, den Klimaschützern, den Gelben Westen und harmlosen Passanten mehr. Wer auf der Straße ist, macht sich verdächtig und wird im Zweifel verprügelt. Das ist die Demonstrationskultur in Frankreich geworden.

In Deutschland dürfen die Demonstranten noch etwas mehr und werden relativ weich abgefedert, wenn sie denn für das Klima demonstrieren. Rechte Demonstranten werden dagegen von linken Gegendemonstranten attackiert. Gewaltlos ist das auch nicht.

Soziale Frage bedrohlicher, als das Klima

Junge Menschen scheinen keine rechte Perspektive mehr zu haben. Denn auch in Europa wird um den Wohlstand gekämpft und nicht um das Klima. Dafür sind einfach zu viele Jugendliche arbeitslos, vielleicht nicht in Deutschland und Schweden, wo Greta Thunberg herkommt, aber von Frankreich bis Griechenland sieht es ziemlich düster aus für junge Leute. Zwischen 15 und 40% Jugendarbeitslosigkeit, das sind schon Nummern!

Wenn man bedenkt, dass die Jungen eigentlich die Bürger von Morgen sein sollen, die die Geschicke ihrer Länder lenken werden, fällt einem nicht mehr so viel ein. Denn die sind, angesichts der immer schlechter werdenden Ratio zwischen Wachstum und Verteilungsgerechtigkeit, zwischen Produktivität und ökologischen Folgekosten, wirklich die Gekniffenen. Die bekommen eine Welt, auf die man schon beim dran denken, keine Lust mehr hat, weil immer mehr Menschen von der Wohlstandsentwicklung abgehängt werden und die ökologischen Folgen des Wachstums sich potenzieren werden.

Greta Thunberg weint auf dem verpfuschten Klimagipfel. Weil sie so noch so kindlich und unreif aussieht, rührt einen das irgendwie. Aber nützen tut es nichts.

Es weist höchstens darauf hin, dass die Lage eigentlich viel schlimmer ist, als gedacht. Nicht nur,weil das Eis an den Polkappen schmilzt, sondern weil sich die Erdbevölkerung in einem Verteilungskampf befindet, der in den nächsten Jahren noch viel heftiger werden wird. Das wird auch ökologische Folgen haben.

Die Migrationsbewegungen, die wir haben, sind direkte Folge des Verteilungskampfes und nicht des Klimawandels, wie gern behauptet. Der kommt als Fluchtursache noch dazu, trägt zur Zeit aber nur zu einem Prozent zur Migration bei, der Rest sind soziale Verwerfungen!

Wenn es den jungen Leuten nicht gelingt, die soziale Frage, die derzeit viel heißer brennt, als die Sonne, in den Vordergrund zu stellen, dann dürften sie verloren haben. Egal ob in Europa, Afrika, Amerika oder Asien.

In Europa deutet sich Wertewandel an, woanders auch

Vor diesem düsteren Hintergrund deutet sich zumindest in Europa ein Wertewandel an. Junge Leute haben deutlich weniger Interesse an den Klassikern, wie Autos, Sex und Rockn´Roll. Sie leben eher etwas nomadenhaft, reisen viel und sind dabei ständig digital in den Netzwerken unterwegs.  Mobilität ist für sie Mittel zum Zweck, Beziehung, die heute schwerer zu bekommen ist, geht vor Sex und der Musikgeschmack ist stark diversifiziert, wie es sich für eine Konsumgesellschaft im Hyperwettbewerb auch gehört.

Was man am Körper trägt, das Aussehen und die Ausstrahlung spielen weiterhin eine große Rolle, die Suche nach Anerkennung und der Narzissmus wirken unmittelbarer, als früher. Dabei will man nicht als Mitglied einer Bewegung, sondern individuell wahrgenommen werden, was in einer stark urbanisierten Massengesellschaft auch nachvollziehbar ist.

Mit diesem Wertewechsel ist aber auch das Bedürfnis nach einer intakten Umwelt gestiegen, die möglichst global intakt sein sollte, da man sich selbst auch, viel stärker als früher, als Mitglied der Erdbevölkerung empfindet. Der Kosmopolitismus ist zumindest in den Köpfen angekommen.

Dies scheint nicht nur für die europäische Jugend zu gelten, sondern auch für junge Menschen in Asien, die sich ebenfalls aufmachen, die Welt zu erkunden. Dieser Trend könnte letztlich mehr bewirken, als Klimaverträge, wenn auch auf anderen Erdteilen, Umweltbewegungen größeren Zulauf bekommen.

Eine ökologische Jugend, die sich global vernetzt, scheint zumindest keine Utopie mehr zu sein. Fridays for Future ist zumindest auf dem Weg zu einer globalen Vernetzung. Vielleicht liegt hier Hoffnung für die Jugend, die in der sozialen Frage schon verloren zu haben scheint.