Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Ich küsse seine Augen, soll der türkische Präsident über Özil gesagt haben, wobei er nebenbei den deutschen Faschismus beklagte. Hoffentlich kann Özil danach wieder klar sehen?

Schöner kann es für Erdogan gar nicht mehr werden. Ein anerkannter und, statistisch nachweisbar, bis zum Ende extrem erfolgreicher, deutscher Nationalspieler begibt sich in den Strudel der türkischen Politik-Kloake und wird hineingerissen.

Ausgespukt aus der DFB-Elf, unfair kritisiert und jetzt auch noch von Erdogan zum türkischen Märtyrer gemacht, darf er sich nun seine Sponsoren in der Tükei suchen. Als politisch besudelter Nationalheld gewissermaßen.

Geht es noch tragischer? Özil ist immer ein fleissiger, besonnener und intelligenter Nationalspieler gewesen, der weder für sensationales Auftreten noch für eine “klare Kante” bekannt war. Ausgerechnet der gerät nun zwischen die Fronten, was viel mehr über den türkisch-deutschen Gesinnungskrieg aussagt, als über Özil selbst.

Der hatte nur ein Foto erlaubt und dem türkischen Präsidenten die Hand geschüttelt. Jetzt will Erdogan ihm die Augen küssen!

Als Mensch ist Özil ein begnadeter Fussballer und ein Softi. Er passt überhaupt nicht in die Propaganda. Er passt auch nicht in die Integrationsdiskussion, die um ihn aufgeflammt ist. Es ist überhaupt nicht vorstellbar, dass ein Mesut Özil die autoritäre türkische AKP unterstützt oder für Erdogan eine Fahne hält.

Die ganze Diskussion geht an der Person Özils komplett vorbei. Sie verfängt sich in seiner Persönlichkeit, die eher konsiliant ist und es allen recht machen möchte. Ein hochgradig sozialer Typ, in einem asozialen Umfeld, möchte man meinen, wenn man an den DFB und an die türkische Regierungsmafia denkt.

Vielleicht ist das ja der Augenblick, in dem Özil zu sich selbst findet, statt Ansprüche anderer zu bedienen (egal ob von deutscher oder türkischer Seite). Es wäre ihm zu wünschen.

Schaut man sich das Verhalten und die Leistungen Özils in den letzten Monaten an, muss man ehrlich zugeben, dass in diesem ganzen Drama nur einer im Recht ist: Mesut Özil.

Hoffentlich hat er diese Erkenntnis und nutzt sie für sich – abseits von aller Politik (auch der Fussballpolitik).