VIEWTY2

Foto: Gedächtnisbüro 2017

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Marsch der Muslime gegen den Terrorismus machte heute in Berlin halt und gedachte der Opfer des Terroranschlages am Breitscheidplatz.

Ein ganz starkes Signal nannte die Berliner Staatssekretärin und Beauftragte für Bürgerschaftliches Engagement den Marsch von dreißig französischen Imamen durch Europa, der als erste Station, heute in Berlin Halt machte.

VIEWTY2

Foto: Gedächtnisbüro 2017

Auf dem Breitscheidplatz dem Ort des islamistischen Terroranschlages vom Dezember 2016 fand gegen Mittag ein gemeinsames, öffentliches Gebet statt, das von einem gemeinsamen muslimisch-christlich-jüdischen Segen abgeschlossen wurde. Danach erfolgte ein Besuch der Gedenkstätte des Terroranschlages vom Dezember 2016, kurze Gebete und es wurden rote Rosen niedergelegt.

VIEWTY2

Foto: Gedächtnisbüro 2017

Mit organisiert wurde die Veranstaltung von der Dar As Salam-Moschee in Neukölln, die gemeinhin als extrem konservativ bekannt ist und im letzten Jahr in den Schlagzeilen war, nachdem dort Extremisten gepredigt haben, die nur einen Steinwurf vom Islamismus entfernt zu verorten sind. Unter anderem war die Rede vom saudischen Islamisten Muhammad al Arifi, der in der EU eigentlich Einreiseverbot hatte und dem es trotzdem gelang in Deutschland (2013) in mehreren, darunter auch salafistischen, Moscheen zu predigen. Erstaunlich, dass gerade diese Moschee den Marsch gegen den Terrorismus unterstützt und sich bei der heutigen Veranstaltung an die Spitze setzte.

Die Liste der umstrittenen Persönlichkeiten bei dieser Veranstaltung lässt sich mit der neuen Berliner Staatssekretärin, Sawasan Chebli, fortsetzen, die das Grußwort zu der Veranstaltung sprach. Chebli wird ein zu konservatives Islambild vorgeworfen und eine Verharmlosung der Scharia. Verschiedene, auch türkischstämmige Politiker bezeichneten die Besetzung als Staatssekretärin von unglücklich bis zur krassen Fehlentscheidung Michael Müllers.

Die Dokumentation der Veranstaltung und der Reden, auch von Chebli, die vom Gedächtnisbüro auf Youtube veröffentlicht wird, zeigt, wie kritisch auch konservative Muslime, die allgemeine Enthaltung der Muslime in Europa zum Thema islamistischer Terrorismus sehen.

Alle Redner sprachen sich leidenschaftlich dafür aus, dass Muslime in Europa gegen den Terrorismus auf die Straße gehen, zumindest deutlich Stellung beziehen müssen. Sie sollten den öffentlichen Diskurs darüber, was der Islam ist, über seine friedliche und gewaltlose Seite, an sich ziehen, um nicht Terroristen und Islamhassern das Feld zu überlassen.

Chebli sprach in Bezug auf die Terroristen mehrfach von „Monstern“, die den Islam missbrauchen und Menschen in den Tod ziehen. Diese überhöhte Darstellung zeigt einerseits den Wunsch nach extremer Distanzierung, andererseits aber auch die Hilflosigkeit gegenüber dem gewaltverliebten Teil des Islamismus. Chebli wurde wiederholt vorgeworfen, dass sie diesen Teil ausblende, wenn sie beispielsweise die Scharia mit Mildtätigkeit und Almosen charakterisiert und die repressive Komponente, die in aller Regel mit Gewalt hergestellt wird, dabei vergesse.

Die Tatsache, dass die Imame anlässlich ihrer Aktion, die sie quer durch Frankreich, Deutschland und Belgien führen wird, nach Nizza, Toulouse, Brüssel, Paris und Berlin, viele Morddrohungen erhalten haben, was der evangelische Pfarrer Germer nicht verschwieg, zeigt die hohe Ambivalenz der Muslime, gegenüber dem Islamismus.

Im Zusammenhang mit der kürzlich stark unterbesuchten Demonstration der Muslime gegen den Terrorismus (weniger als einhundert Teilnehmer) und im Kontrast dazu der überwältigenden Unterstützung von Recep Erdogan in Deutschland ( 20 000 Demonstrationsteilnehmer im letzten Jahr), welcher die Scharia in die türkische Verfassung einführen möchte, bleibt ein genereller Islamismus-Verdacht bestehen.

Nur eine verschwindend geringe Minderheit der europäischen Muslime distanziert sich von Islamismus und dem dazugehörigen Terrorismus, der allergrößte Teil aber scheint sich klammheimlich mit dem Islamismus zu identifizieren.

Die Verführung dieses machtbetont auftretenden, extremistischen Islams scheint für die meisten Muslime zu groß zu sein.

Auch Chebli hatte in ihrem heutigen Grußwort die Einstellung vieler, auch junger, Muslime kritisiert, die der Meinung sind, sich nicht vom Terrorismus distanzieren zu müssen, weil sie schlicht nichts damit zu tun hätten. Sie konterte, nach eigenen Angaben, dass diese Einstellung nicht hilfreich sei, da der Terror nun mal im Namen des Islams agiert.

Viel stimmiger aber erscheint das Argument, dass der fehlende Wunsch zur Distanzierung eher für eine partielle Identifizierung vieler Muslime mit Islamismus und Terrorismus spricht.

Terroristen sind somit auch keine Monster, sondern politische Aktivisten, die ganz offensichtlich auf eine breite Schicht von Sympathisanten und Unterstützern in den islamischen Gemeinden Europas bauen können.

Auch angesichts einer solchen, pessimistischen Deutung der Lage, ist es umso wichtiger, dass sich heute durchaus konservative Muslime aktiv und kämpferisch gegen den Islamismus und den Terrorismus engagiert haben.

Tatsächlich ein ganz starkes Signal, das die Muslime in Europa auch dringend nötig haben!