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Foto: Gedächtnisbüro 2017

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die Tatsache, dass Whistleblower zunehmend zur Bedrohung der Geheimdienste werden, hat vor allem etwas damit zu tun, dass Geheimdienste eine schnell wachsende Industrie sind.

Nun stellt die schwedische Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Assange vorläufig ein und zur gleichen Zeit wird ein filmisches Portrait von Laura Poitras, das in Cannes in einer Vorabversion über Assange und Wikileaks gezeigt wurde und eher sympathisierend wirkt, zur Beschreibung des Wikileaksgründers als Sex-Monster umgemodelt und entgegen den Vorabsprachen mit Wikileaks in New York fertiggestellt.

Für alle Gerüchte über Assange gibt es irgendwelche Anhaltspunkte. Assange als Sexmonster kann zwar von der schwedischen Staatsanwaltschaft nicht wirklich unterlegt werden, „ohne Assange gäbe es keine hinreichende Aufklärungsmöglichkeiten“ hieß es in der Begründung der Einstellung der Ermittlungen, obwohl man sich vorbehält, wenn „Assange verfügbar“ sei, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Assange war allerding im letzten Jahr schon verfügbar und konnte vor Ort in London von der schwedischen Staatsanwaltschaft befragt werden. Wenn diese Verfügbarkeit nicht ausreicht, muss man die Aussage der schwedischen Staatsanwältin Marianne Ny wohl so interpretieren: „Wenn wir seiner Person habhaft geworden sind.“

Die schwedische Justiz will Assange unbedingt in ihre Finger bekommen. So viel ist sicher. Wozu? Um Delikte aufzuklären, von denen drei bereits verjährt sind und sich für den verbliebenen Punkt der Verwaltigung in einem minderschweren Fall, auch nach Befragung des Verdächtigen, kein hinreichender Verdacht ergibt, eine Anklage zu erheben? Wohl kaum.

Die Schweden möchten offensichtlich diejenigen sein, die liefern! Was auch keine große Rolle mehr spielt, weil die Briten auch diejenigen sein möchten, die liefern. Deshalb haben sie einen Haftbefehl wegen Verstoßes gegen die Kautionsauflagen am Laufen, sie kriegen Assange also zuerst.

Und zuletzt? Bekommen Assange, wenn er sein Mauseloch verlässt, auch die Amerikaner, deren Behörden derzeit fieberhaft eine Anklage gegen ihn ausarbeiten, was offensichtlich jahrelang nicht möglich war, nun aber doch. Wikileaks wird dort inzwischen als feindlicher Geheimdienst betrachtet, was für Assange bedeutet, dass er der Spionage angeklagt werden kann.

Als Sexmonster wird Assange also weiterhin dringend gebraucht, auch wenn man nichts gegen ihn in der Hand hat. Wenigstens können sich die Leute jetzt vorstellen, dass dieser Mann sexuell nicht harmlos sein kann, wenn ihn bereits Pamela Anderson mehrfach besucht hat. Der Name klingt schon so schwedisch und die Frau ist immer noch sexy ohne Ende. Was kann das schon bedeuten, wenn nicht schwedische Gardienen?

Da wären dann aber noch die Russen, von wegen feindlicher Geheimdienst. Die werden auch dringend gebraucht! Durch ihre Verruchtheit und moralische Verkommenheit müssen die Russen nun helfen, die Niederlage der Demokraten in Washington als Spiel feindlicher Geheimdienste zu erklären. Damit was? Ja, damit Trump impeached werden kann, Assange lebenslänglich hinter Gitter kommt und das Weltbild der Liberalen von Papst Franziskus widerstandslos heiliggesprochen werden kann.

Endlich heiliggesprochen werden kann, was auch Zeit wird, denn der nächste Interventionskrieg gegen die Bösen wartet ja schon längst. Nur dumm, dass Putin auch die Kirche auf seiner Seite hat, wenn auch die Orhtodoxe. Kyrill würde das wohl nicht goutieren, wenn Russland, als Reich des Bösen, mit Raketen beschossen wird. Ein Religionskrieg zwischen Amerika und Russland, im Auftrag der Liberalen? Da müsste auch Franziskus vorher nochmal nachdenken.

Am Ende wird dieser kleine blonde Australier in diesem kleinen Zimmer in London wohl noch unser Zeitalter prägen, wie es ein anderer kleiner Mann vor über zweihundert Jahren in einem kleinen Zimmer in Königsberg tat, das er ebenfalls nur selten verließ. Die Aufklärung hat einen neuen Helden? Ja, aber einen, den keiner leiden kann, weil er jedem unangenehm werden könnte, der irgendwie mit Macht zu tun hat, auch den Medien übrigens, die ihre eigentliche Aufgabe, die Enthüllung, längst der Teilhabe an der politischen Macht geopfert haben.

Whistleblower haben vor allem ein Problem, dass Macht immer etwas mit Geheimnissen zu tun hat, Geheimnisse sind für Macht essentiell und wer die lüftet, macht sich machtvolle Kreise zum Feind.

Assange wird aber noch aus einem anderen Grund so hemmungslos und durch Recht und Gesetz nur noch schwach kaschiert, verfolgt. Das sind die Nachahmer, die Trittbrettfahrer und das ist die virale Wirkung des Whistleblowings.

Whistleblower als weltweit legitimierte, politische Transparenzbewegung wären das Ende unserer Eliten.

Nur warum könnte es so weit kommen?

Die Strukturen der globalen Geheimdienste, CIA und NSA machen das vor, sind inzwischen stark überdehnt. Was früher geheime Organisationen waren in denen jeder höchstpersönlich auf den Codex festgelegt wurde, sind heute rasch wachsende Wissensfabriken, in den der geheimdienstliche Codex bestenfalls noch kleingedruckt auf dem Vertragsformular erscheint!

Der Datenhunger der Dienste ist so gewaltig geworden und die Möglichkeiten so fantastisch „expialegorisch“, dass die Geheimdienstindustrie inzwischen nicht nur Milliarden verschlingt, sondern auch hunderttausende neuer Mitarbeiter benötigt, um die Datenflut zu bewältigen. Genau hier liegt der Schwachpunkt.

Edward Snwoden und Chelsea Mannings waren alles andere als Geheimdienstler. Snowden war ein Angestellter und Mannings ein Soldat. Die Tatsache, dass den beiden so viel brisantes Geheimdienstmaterial zur Verfügung stand, zeigt doch einiges. Sowohl der NSA als auch die CIA und die militärischen Geheimdienste der USA sind in die Rolle von Zauberlehrlingen geraten, die nicht mehr in der Lage sind, all das, was sie an Informationen akquirieren auch nur noch annähernd zu kontrollieren. Das Motto: „Die Welt ist nicht genug!“ (James Bond) führt zwangsläufig zu einer „Öffentlichkeit“ der Geheimnisträger. Es sind einfach viel zu viele oder auch viel zu viel Geheimnisse, die man sich so einverleibt.

Am Ende sind die Whistleblower nur die Kehrseite einer sich unendlich aufblasenden Geheimdienst-Welt, welche die Datenkontrolle über den gesamten Globus erlangen möchte. Ab einer gewissen Populationsgröße findet nun mal jede Tierart ihren Schädling. Auch die Geheimdienste, die Politik und die Medien.

Daran sollte man sich gewöhnen. Klagen über Whistleblower sind aus dieser Sicht einfach absurd. Klagen wir lieber über die neu entstehende „Geheimdienst-Industrie“.