Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Na gut, vielleicht sollte man nicht zu Weihnachten in einen Jazz-Club gehen, aber eigentlich dachte ich, in Berlin kann man das.

Der ZigZag-Club versprach ein tolles Konzert mit Larry Porter, Lisa Bassenge, Eric Vaughn und dem Bassisten Andreas Lang. Eigentlich sollte kein Auge trocken bleiben. Was ist bloß schief gegangen?

Lisa sang zu laut und Billie Holiday, die diese Songs vor fast siebzig Jahren sang, hätte sich vielleicht im Grab umgedreht, wenn sie den plakativen Stil von Bassenge heute Abend gehört hätte. Zum Glück hatte sie drei Spitzenmusiker dabei, die ihre schlecht gelaunte Dominanz vergessen ließen. Eric Vaughn hat mir dabei am besten gefallen, auch wenn das Schlagzeug kurz vor der Pause umfiel.

Kurz und gut, die Songs, die man täglich bei Jazzradio Berlin hören kann, waren heute Abend kein bisschen erotisch und komplett unsensibel vorgetragen, die Band war dennoch erstklassig.

Aber mir fiel noch etwas anderes auf, was mir einen lauten Dämpfer gegeben hat, den ich in letzter Zeit nur leise mit mir herumgetragen habe, ohne ihn wirklich bewusst wahrzunehmen. Nicht nur das Jazz-Radio ist seit Jahren eine elitäre und verbürgerlichte Veranstaltung auch die Club-Szene ist zu bürgerlich geworden.

Dabei ist das Wort bürgerlich noch nicht einmal abwertend gemeint, zu bürgerlich trifft meine Kritik eher. Denn was aus dem ZigZag-Club geworden ist, der anfangs dieses spontane bis spontaneistische Timbre hatte, wo also Schwingungen dadurch entstanden sind, dass man sich frei fühlen konnte, ist totaler Kontrolle anheimgefallen. Plätze werden reserviert und auf den bequemsten Sesseln saßen die Silberpappeln, die ihrem Namen nicht nur wegen der Haarfarbe, sondern auch wegen der eigentümlichen Unbewegtheit während der Konzertes Ehre gemacht haben. Bewegungen gab es nur bei den Kaumuskeln, wenn sie ihre kleinen Snacks aßen, während vorn die Musik spielte.

Jazz mit einer Bierflasche in der Hand, das mag noch angehen, aber als kulinarisches Ereignis für Senioren, während alle anderen drum rum stehen. Das fand ich schon ziemlich arrogant. Arroganz trifft es ganz gut.

Auch Bassenge wirkte arrogant, am Publikum uninteressiert und spulte ihre Stücke ab. Wohl schon zu viel Erfolg gehabt.

Arrogant bis albern war auch das Einlassprozedere wo wir im Pulk von lediglich zwanzig Leuten eine Stunde vor Konzertbeginn in der Kälte standen um dann einzeln eingelassen zu werden, persönlich vom Chef einen Platz zugewiesen zu bekommen, den man sich in jedem Ramschladen ohne Reservierung hätte besorgen können. Wo ist der Sinn, außer Reglementierung und Machtausübung?

Irgendwie passt dieses elitäre Getue genauso wenig zum Jazz, wie unsere Meritokratie, die Herrschaft der Verdienten und Verdienenden, zur Demokratie passt.

In einem Club von etwas mehr als achtzig Quadratmetern waren die Kellnerinnen mit GPS unterwegs, um auch keinen Gast zu übersehen und jeden gleichmäßig bedienen zu können. GPS! Das benutzen Bauern um ihre Feldpflanzen gleichmäßig mit Pestiziden zu versorgen. Was hat das noch mit Jazz zu tun?

Die Berliner Jazzszene hatte jahrzehntelang ihren Charme vor allem durch die spontane und anarchistische Clubkultur. Die ist jetzt nicht mehr zu finden. Begraben unter Borniertheit, Reglementierungswahn und einer Klassengesellschaft, die sich auch den Clubs bemerkbar macht.

Man könnte noch viel darüber reden, aber ich lasse es an dieser Stelle bleiben.

Der Abend hat nur 15 Euro gekostet. Immerhin sind das noch Studentenpreise, oder sind es schon Rentnerpreise?

Egal, Jazz lebt von spontanen Arrangements, nicht von arrangierter Borniertheit. Das wird immer öfter vergessen.

Heute Abend war ich jedenfalls bedient und bin in der Pause gegangen.

Zigzag? Nein Danke!