Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Nicht nur die Sprache hat sich verändert, sondern auch die Art und Weise, wie wir Sprache reglementieren. Vieles aber ist gleich geblieben.

Wer sich an die Siebziger erinnert, kann vielleicht noch mit der Hörspielserie: „Papa, Charly hat gesagt…“ etwas anfangen. Witzige verbale Sketche zwischen Vater und Sohn, die nicht zuletzt den tabuisierten und verklemmten Umgang mit der Sprache aufzeigten und unsere westdeutsche Doppelmoral aufs Korn nahmen.

Die Rollen waren allerdings immer klar verteilt. Der Vater, als Vertreter der gesellschaftlichen Moral und der Junge, der den Vater regelmäßig aufs Glatteis führte und dabei testete.

Die Themen waren übrigens dieselben wie heute. Sexualität, Vorurteile gegen Ausländer, soziale Spannungen zwischen Bürgertum und der Unterschicht und die Konflikte zwischen den Generationen. Die Unterschiede in der Sprache bestanden vor allem darin, dass sich der Vater, als an-studierter Beamter, möglichst politisch korrekt ausdrückte, während Charlys Vater, ein Arbeiter, seine Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Intellektuellenfeindlichkeit offen aussprach.

Sprache war dabei klar ein Instrument der Erziehung, das eben auch ständig hinterfragt wurde. Wenn es um Sexualität ging, „Charly hat gesagt, seine Schwester hat gesagt, die meisten Leute sind Sexmuffel“, ging es in dem folgenden Diskurs eben nicht um Lust, sondern um Liebe und Fortpflanzung, um das Ideal und das Praktische, aber nicht um das Eigentliche – die Lust. Wie der Vater im gleichnamigen Sketch sagt, müsse man die Sexualität schließlich in geordnete Bahnen lenken.

Um das Eigentliche geht es heute ja auch nicht, sondern um Konsum und Narzissmus, vielleicht noch um Hedonismus, wenn wir heute öffentlich über Sex sprechen, Plakate mit Kondomwerbung wahrnehmen oder Sex, als ubiquitäres Schmiermittel unseres Alltags, überall präsentiert bekommen.

Die sprachliche Reglementierung bei Tabuthemen bestand damals allerdings eher im Vermeiden, Tabus wurden eben nicht ausgesprochen. Heute besteht die sprachliche Reglementierung in der veränderten Begriffssetzung einer politisch korrekten Sprache, also in der Manipulation.

Aus Unterdrückung, nicht ansprechen, ist Manipulation geworden, anders ansprechen. Die Veränderung besteht in der Wortwahl und ist weiterhin bürgerlich. Die Unterschichten haben immer noch keinen Anteil an der Erziehung durch Sprache. Sprache soll egalitär sein und niemanden verletzten, warum also wird mit dieser Methode nur das Bildungsbürgertum erreicht?

Am Ende stehen wir mit Begriffen wie Arbeitsmigration statt Gastarbeitern, Gendermainstream statt Homosexualität, sexueller Freizügigkeit statt wilder Liebe und dem neuerdings verwendeten Begriff „Junger Mensch“, statt Kind, keinen Deut besser da, als vor 50 Jahren und die gesellschaftlichen Gräben werden mitnichten zugeschüttet, weil diese Veranstaltung im Grunde elitär ist.

Der Ausspruch: “Kind, das darf man doch nicht sagen,” den besorgte Mütter vor fünfzig Jahren benutzten, bekommt, auf diese Weise, eine ganz neue Bedeutung.

Die Themen sind dieselben, die bürgerliche Sichtweise ist vergleichbar und in erster Linie geht es darum, Sprache so zu reglementieren, dass die Leute wissen, was sie denken dürfen.

Die Erfinder solcher Sprachregelungen schreiben keinen Knigge mehr, sie sitzen an soziologischen Instituten und „erforschen“, mögliche Sprachregelungen. Dabei geht man so weit, dass Kinderbücher umgeschrieben werden müssten, weil sie gegen heutige Sprachregelungen verstoßen. Hegemonie wird durch Sprache ausgeübt, reale Verhältnisse werden dabei nicht verändert, nur die Methode hat sich von Unterdrückung zu offener Manipulation gewandelt.

Der Weg in den Erziehungswissenschaften von den „schwer erziehbaren Kindern“ zu den so genannten „verhaltensoriginellen Kindern“ ist Ausdruck einer solchen Manipulation. Hier soll mittels Sprache ein gesellschaftliches Problem euphemisiert, wenn nicht sogar aus der Welt geschafft werden. Was früher unterdrückt wurde, wird heute elegant, sprachlich beiseite gewischt. Wo ist der Vorteil?

Junge Leute ohne Schulabschluss und ohne Chance auf einen Ausbildungsplatz nehmen vor allem in unseren Metropolen deutlich zu. Viele von ihnen haben ausländische Wurzeln und bei vielen gibt es straffälliges Verhalten. Vielleicht freuen sich diese früh Gescheiterten ja über die begriffliche Verharmlosung ihrer fehlenden Erziehung. Nur helfen wird es ihnen nicht.

Zumindest die soziale Frage wurde zu Papa-Charlys Zeiten nicht ausgeblendet. “Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt, Die Reichen werden immer reicher….” Ach ja, der zweite Sketch beginnt mit: “Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt, die meisten Zeitungen sind nicht mehr wert, als dass man sich damit den Hintern wischt.”