Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Jetzt ist es raus. Alles geht weiter wie bisher. Das Bahnfahren soll ein bisschen billiger und das Fliegen ein bisschen teurer werden, die Strompreise sinken um einen halben Cent und die Benzinpreise steigen von 5-15 Cent, Elektroautos, die sich keiner leisten kann, werden weiter ein bisschen subventioniert und der Neubau von Ölheizungen soll verboten werden.

Auch wenn man noch die Photovoltaik erwähnt, die ungedeckelt gefördert werden soll, wird kein Schuh draus. Halbherzig und kaum ambitioniert muss man dieses Klimapaket nennen. Die Grünen sind enttäuscht, die meisten Umwelt-NGOs verärgert und Fridays For Future werden weiter auf die Straße gehen.

Mit Dieselverboten in den Innenstädten wäre vermutlich, wenigstens fürs Mikroklima, mehr erreicht worden, als mit diesem ganzen Maßnahmenpaket, das irgendwo zwischen hier und Peking verpuffen wird.

Was läuft eigentlich schief?

In einem Land, in dem kritische Stimmen zur Beeinflussbarkeit des Klimawandels schnell auf die Strafbank geschickt werden, gibt es zwar ein hohes, geradezu diktatorisches Bewusstsein wofür und wogegen man zu sein hat, aber keinerlei Tatendrang!

„Politik ist, das mögliche zu tun“, meint Merkel angesichts des Klimapaktes mit wenig drin. Sie hat wohl Recht, alles andere wäre Revolution.

Aber was machen eigentlich die Bürger? Sie beharken sich gegenseitig für die Fehler und Umweltsünden des jeweiligen Anderen und machen sich Vorwürfe, reden sich in Rage und empören sich. Handfeste Verhaltensänderungen sehen anders aus. Tatkraft spürt man hier überhaupt nicht und ohne Tatkraft kann man auch nicht an realistische Grenzen stoßen. Man diskutiert, ob man sich wirklich ernsthaft auf den Weg machen soll, der allgemein unumstritten ist.

Aber eben, wie die Kanzlerin sagt, und das klingt apodiktisch, „wir leben nicht nachhaltig“. Niederschmetternd irgendwie, weil nachhaltig ja eigentlich eines unserer Lieblingswörter geworden ist.

Nein, wir sind wie eine Gesellschaft von Gelähmten, bei denen nur noch der Mund funktioniert, wir können nichts tun, nur reden, oft auch schreien und hassen.

Man möchte ganz Deutschland eine Selbstwirksamkeits-Therapie verpassen, aber auch das geht nicht.

Was geht dann?

Vor allem, was geht für Leute, die den ganzen Tag arbeiten, flexibel von hier nach dort pendeln, um ihre Brötchen zu verdienen und abends ihren Beitrag zum Umweltschutz zu leisten, indem sie nichts mehr machen, als sich vorm Computer oder dem Fernseher zu verkriechen.

Wir leben nicht nachhaltig, nein.

Am Wochenende doch lieber Zigaretten-Kippen sammeln, statt ins fernbeheizte Schwimmbad zu gehen? Mehr Zeit mit der Auswahl nachhaltiger Lebensmittel ohne Plastikverpackung verbringen?

Wir pendeln zwischen Leistung und Konsum und eine Konsumgesellschaft zur Nachhaltigkeit zu bewegen ist wie die Quadratur des Kreises, weil man Nachhaltigkeit eben nicht konsumieren kann. Man muss sich darum bemühen.

Das Mantra, dass die Verbraucher viel erreichen könnten in Richtung Klima- und Umweltschutz, stimmt zwar, aber die Vektoren zeigen in die falsche Richtung. Stichwort Urbanisierung. Die Tatsache, dass ausgerechnet in umweltschädigenden Ballungsräumen der ökologische Aktivismus (mit der Klappe) am größten ist, sagt schon aus, dass wir bei der am meisten verdichteten Infrastruktur die größte Marktmacht für Nachhaltigkeit erzeugen können, obwohl die Ballungsräume nicht nur unser Klima am stärksten belasten, sondern auch den Flächenverbrauch massiv in die Höhe treiben. Nachhaltigkeit findet also vor allem dort dankbare Abnehmer wo der Umweltteufel permanent den größten Haufen scheißt.

Parallel veröden die ländlichen Regionen in ganz Deutschland! Sie veröden nicht nur, sondern sie verkommen zu einem riesigen Industriegebiet für die Landwirtschaft, wo immer größere Flächen in einer Hand immer größere Profite durch immer größere Mengen von Dünger und Pestiziden abwerfen müssen. Die Mikrofauna (Insekten, Würmer etc.)  ist deutschlandweit um bis zu 80% zurückgegangen! Wer empört sich? Wer tut was? Die Menschenleere der ländlichen Regionen verhindert dabei einen adäquaten Widerstand gegen diese Art von Umweltzerstörung und Klimaschädlichkeit.

Fazit: Urbanität schließt Nachhaltigkeit geradezu aus. Nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Es entsteht ein symbolischer Konsumzweig den wir als Bio bezeichnen, das ist alles.

Wie sagte, angesichts der Mietendiskussion, neulich ein Verbandsfunktionär der Immobilienwirtschaft? „Es gibt kein Menschenrecht in Großstädten zu leben.“ Auf dem Land aber droht die Verarmung und das soziale Abseits. In Deutschland genau wie in jedem Entwicklungsland – Globalisierung pur!

Kommen wir also auf die Globalisierung, die ja ausgerechnet die Umweltschutzparteien, wie die Grünen, aber auch viele NGOs und die Wirtschaft so toll finden, weil sie manchen unendliche Möglichkeiten bietet, wenn sie auch für viele eine Illusion ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Globalisten in der Wallstreet und der Londoner City die Millionen über den Erdball schieben und international aufgestellt sind, aus ihren Büros nicht rauskommen. Das sind gar keine Kosmopoliten, sondern bestenfalls Illusionisten, das Leben ist vergleichbar mit dem eines Verwaltungsangestellten in einer Kleinstadt, der bestenfalls nochmal in die Kneipe um die Ecke geht.

Globalisierung ist ein Phänomen und eine Illusion zugleich und sie ist das Gegenteil von nachhaltig, was uns wieder zum Klima zurückführt.

Folge der Globalisierung ist die Zentralisierung in den Subalternen des globalen wirtschaftlichen Geflechtes, also in den Ländern. Damit entstehen tote Zonen, die eben nicht an die Globalisierung angeschlossen sind und es entsteht ein Bewusstsein, das eindeutig für Urbanisierung spricht und diese mit Lebensqualität gleichsetzt.

Was wäre also ein gutes Klimaschutz-Paket? Endlich die Glasfaser-Infrastruktur für das Internet voranzutreiben? Gute ländliche Verkehrsbedingungen? Massive Wirtschaftsförderungen für ländliche Räume, die weit über das EU-Niveau hinausgehen müsste? Vielleicht auch das Respektieren ländlicher kultureller Eigenheiten, der Provinzialität und des Abgrenzungsbedürfnisses von Dorfbewohnern gegen die Welt, auch gegen Migration aus fernen Ländern? Vielleicht eine intensive Familienförderung? Möglicherweise sind diese Faktoren viel bedeutender für den Klimaschutz, als das, was man durch CO2-Bepreisung erreichen kann.

Auch die politische Divergenz, die unser Beziehungsklima vergiftet, könnte sich bessern, wenn wir klare Prioritäten in den ländlichen Räumen setzten würden und der Urbanisierung eine Absage erteilen.

Das aber müssten Bürger und Politik gleichermaßen wollen, was bei den einen und den anderen derzeit nicht zu erkennen ist.

Schade.