Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Warum die syrische Regierung sehr wahrscheinlich für den Giftgasangriff in Duma verantwortlich ist und warum der Angriff gegen Syrien ein gut kalkulierter Fehlschlag war.

Es gibt zwei Behauptungen, die in der Öffentlichkeit umstritten sind. Die Behauptung, Assad habe ohne Not einen Giftgasangriff in Duma durchgeführt und die Darstellung, dass als Vergeltung jetzt eine erfolgreicher Schlag gegen das syrische Regime durchgeführt wurde.

Erst Behauptung trifft wahrscheinlich zu. Die Fakten sind ziemlich erdrückend.

Assad war durch die Rebellen in Duma zunehmend unter Druck geraten, weil die Raketen und Granaten in die Innenstadt von Damaskus geschossen haben. Außerdem kam die Abzugsverhandlung, die Russland in der Nähe von Damaskus führte, nicht voran, weil die Rebellen „Armee des Islam“, laut einigen Presseberichten “Islamische Front” laut anderen Berichten, bis zum letzten weiterkämpfen wollten. Sie behaupteten auch etwas 100 Christen als Geiseln genommen zu haben, die sie töten würden, wenn sie von der syrischen Armee weiter angegriffen würden.

Kurz vor dem Giftgasangriff gab es dann eine halboffizielle Erklärung aus Damaskus, dass man nun noch einmal ganz anders zuschlagen würde. Rebellen und Zivilbevölkerung hatten sich inzwischen in dem weitläufigen Schacht- und Tunnelsystem unter der Stadt verschanzt und waren somit für konventionelle Angriffe kaum zu erreichen.

Nur Giftgas war eine wirkungsvolle Option, die einen monatelangen Häuserkampf vermeiden konnte, weil das in das Tunnelsystem hinabsinken konnte.

Assad setzte dabei nicht in erster Linie Chlorgas ein, sondern, wie die Vergiftungen vermuten lassen, wohl auch Sarin, das wesentlich wirksamer ist.

Die Art der Kriegsführung ist barbarisch, folgte aber dem Kalkül, größere Blutopfer zu vermeiden, welches auch aufging. Denn die Rebellen gaben nach dem Giftgasangriff auf und ließen sich (ohne Waffen) von insgesamt 65 Bussen aus der Stadt in den Norden des Landes bringen.

Damit ist Damaskus weitgehend rebellenfrei.

Natürlich streiten beide Parteien, Syrien, als auch Russland den Giftgaseinsatz ab, sind aber hiermit militärisch sehr gut gefahren und die Zivilbevölkerung als Ganzes übrigens auch, weil aus den 45 Toten durch Giftgas schnell das Hundertfache hätte werden können, wenn die Stadt in einem Häuserkampf eingenommen worden wäre.

Nur zugeben darf man das nicht.

Weil die Kriegsfürsten aus den USA, Großbritannien und Frankreich genau wissen, dass der Giftgaseinsatz von Assand weiteres Leid vermieden hat, fiel auch der Gegenschlag entsprechend laut, aber wirkungslos aus. Denn die lange Vorwarnzeit vermied größere Verluste bei der Assad Armee und der Zivilbevölkerung. Praktisch gesehen war der Schlag militärisch wirkungslos und viele der abgeschossenen Raketen sind direkt in die russischen Abwehrsysteme geflogen und konnten umgeleitet werden. Auch der Schaden in einem militärischen Entwicklungszentrum in Damaskus hielt sich in Grenzen.

Am Ende war der Theaterdonner weltweit gut hörbar, hat aber, bis auf drei Zivilisten, die von umgeleiteten Raketen verletzt wurden, niemandem wehgetan.

Die mediale Nachbereitung des wirkungslosen Angriffes läuft nach Plan: Empörung auf allen Seiten.

Putin wird noch ein bisschen auf dem völkerrrechtswidrigen Angriff herumreiten und drohen, aber auch er weiß, dass Assad Giftgas eingesetzt hat. Irgendwann wird der Kreml zur Tagesordnung übergehen.

Viel spricht dafür, dass das jetzt den Endpunkt der Muskelspiele von USA und Russland in Syrien markiert. Der Giftgasangriff von Assad hat seine Wirkung gehabt und das Land kann jetzt befriedet werden, auch wenn im Norden noch Krieg geführt wird, nicht zuletzt von der Türkei. Das wird der nächste Brennpunkt im Syrien-Konflikt, der allerdings keine existentiellen Auswirkungen mehr auf das Assad-Regime haben wird, sondern das Überleben der Kurden in Nordsyrien betrifft.

Akteur im syrischen Norden ist aber Erdogan und nicht Assad.

Vielleicht wird es noch den einen oder anderen Versuch geben, Assad für die militärischen Abenteuer von Erdogan in Haftung zu nehmen oder mit militärischen Aktionen des Assad-Regimes von Erdogans Krieg abzulenken.

Im großen und ganzen ist der Krieg in Syrien aber gelaufen.