Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Klischees der Zwanziger – fett aufgetragen und auf den aktuellen (Kunst-) Geschmack abgestimmt

Halbes Pfund Butter aufs Brötchen? Biste hier richtig. Babylon Berlin, unheimlich „Twenty and wild!“ Ich bin aber gerade ausgestiegen, so ziemlich genau in der zweiten Episode um 21.43, ARD-Zeit.

Der Augenblick in dem ich den vielgelobten Film und seine öffentliche Erstausstrahlung quittiert habe, war die Szene einer apokalyptischen Party in einem nicht minder apokalyptischen Tanzpalast, als eine Sängerin mit Schnurbart und Ledermantel einen avantgardistischen Popsong von heute zum Besten gab und das kostümierte Tanz-Publikum plötzlich ganz hip „House“ tanzte. Das war jetzt wirklich zu viel!

Den ganzen Film über habe ich mich schon gefragt, wer sich da denn mit öffentlichen Geldern feiern will? Die Story dünn, die Bilder opulent, Elend, Reichtum, Revolution und jede Menge Verrat. Jede Szene bis zum Bersten vollgepackt mit jedem auch nur denkbaren Klischee vom Berlin der Zwanziger.

Aber wer will sich da feiern, in so einem opulenten Schinken mit eingebautem Popsong? Immerhin wurde der Film in Babelsberg gedreht und da fragt man sich ja schon, ob nicht etwas mehr, sagen wir, Authentizität zu erhoffen war?

Vermutlich war das aber gar nicht die Absicht dieses Filmes, der einfach überlang ist und das Format einer Serie auch nicht hergibt.

Der Verdacht also, dass sich Tykwer und Konsorten ein Denkmal setzten wollten oder einfach mal die Dekadenz so richtig feiern mochten, mit öffentlichen Rundfunkgeldern natürlich, der Verdacht bleibt irgendwie hängen.

Spätestens aber, als der Tanzpalast zum aktuellen Club wird, ist ja klar, dass eigentlich nicht die Zwanziger gemeint sind, sondern wir, im heutigen Berlin. So bunt, so künstlerisch, so aufregend! Ach!

Gibt es ja alles auch im heutigen Berlin! Sollen wir jetzt unsere Dekadenz feiern??

Scheiße, die Nähe zu den Zwanzigern, die hier suggeriert wird, soll wohl beunruhigen oder soll sie prickeln? Mich beunruhigt das eher, obwohl es so nicht stimmt. Dennoch weiß ja jeder, was in den Dreißigern in Berlin geschehen ist. Aber welche Lehre zieht man daraus, wenn man es nicht bei der nüchternen Feststellung belässt, dass sich hier eine Kunst-Schickeria austoben will.

Am besten man zieht daraus gar keine Lehre und erkennt die Leere hinter den Bildern. Das heutige Berlin ist nicht so und wird auch niemals so sein, war auch nicht so. Ein phantasiertes Babylon vielleicht.

Dieses bisschen „Kunstseidenes Mädchen“ und „Berlin Alexanderplatz“ was da aufleuchtet, finde ich verzichtbar und halte mich lieber an die Originale.

Fazit: Peinlicher Müll, teuer inszeniert!