Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

In Musikerkreisen ist es ohnehin klar, dass Johann Sebastian Bach der größte Komponist aller Zeiten war. Vorlieben hin oder her. Bach war ein Profimusiker und hat Zeit seines Lebens Auftragsarbeiten abgeliefert oder aber mit seinen Kompositionen um lukrative Musikerstellen geworben. Die Brandenburgischen Konzerte sind eine solche „Werbekomposition“ des weltlich-kirchlichen Universalkomponisten an den Hohenzollern und Prinzen von Preußen, Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt. Leider hat es nicht geklappt mit der Stelle. Am Ende musste sich Bach mit der Position des Thomaskantors in Leipzig begnügen, die er bis zu seinem Tod im Jahre 1750 behielt.

Wer aber Bach zu professionell findet und zu wenig emotional, hat Recht und Unrecht zugleich. Denn es gibt hochemotionale Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Ein Beispiel sind die sehr klein und privat aber zugleich künstlerisch enorm anspruchsvoll und emotional gestrickten Partiten und Sonaten für Violine.

Die Berühmteste ist die Partita Nr. 2 d-moll für Violine solo BWV 1004 aus dem Jahre 1720, in dem Bach fünfunddreißig Jahre alt wurde. Ihr berühmtester Satz, die Chaconne wurde von Kritikern schon als das beste Musikstück des Komponisten bezeichnet, von anderen als die beste Komposition der Musikgeschichte und ein Amerikaner hat sich sogar zu der Behauptung gesteigert, dieser musikalische Satz mit 256 Takten sei die größte Leistung eines Menschen überhaupt.

Die Chaconne hat also einen legendären Ruf unter Musikkennern, was auch ihrer unglaublichen, kompositorischen Dichte geschuldet sein mag, in der ein Thema mit allen Mitteln variiert wurde, welche die damalige Zeit hergab und den Solisten, die sich daran abarbeiteten, das Äußerste abverlangte. Auf der Violine galt es über lange Zeit als extrem schwieriges Stück, weil es kaum möglich war, die verschiedenen Stimmen die gleichzeitig auf einem Instrument gespielt werden mussten, für den Zuhörer transparent zu Geltung zu bringen. Der erste, dem das gelang war 1961 Arthur Grumiaux.

Ein musikalischer Erfolg, der später nur noch von Gidon Kremer übertroffen wurde. Er spielte die Partiten in einer legendären Version Ende der siebziger Jahre ein, in der welcher auch die Chaconne äußerst polyphon und zugleich sehr leidenschaftlich aufleuchtete – bisher unübertroffen, übrigens auch von Gidon Kremer selbst! Die späteren Einspielungen sind weniger flüssig, wenn auch weiterhin sehr leidenschaftlich vorgetragen. Kremer hat seine erste berühmte Interpretation nie wieder erreicht.

Natürlich haben alle großen Geiger die Bach-Partiten eingespielt, bei der Chaconne aber nicht immer gleichermaßen überzeugen können. Das gilt für Menhuin, Perlmann und Zuckermann ebenso wie für jüngeren Semester, wie Anne-Sophie Mutter oder auch die noch junge Arabella Steinbacher. Meist lautet der Vorwurf der Kritiker auf zu viel Romantik in der Interpretation. Das mag häufig zutreffen, wenn man bedenkt, wie sehr das Stück gefühlsmäßig mitreißen kann. Passenderweise wurde es auch in der Romantik von Komponisten wie Schumann und später Brahms wieder entdeckt. Für Schumann war es unfertig, weil die Klavierstimme seiner Meinung nach fehlte, Brahms setzte es als Klavierstück nur für die linke Hand, ihm schien die Herausforderung wohl zu gering zu sein.

Wie auch immer, ist die Chaconne Gegenstand diverser musikwissenschaftlicher Betrachtungen, Interpretationsversuche und Adaptionen für Instrumente wie Klavier, Gitarre oder sogar ganze Orchester gewesen. Ein Hinweis darauf, dass es sich keinesfalls um ein unwichtiges Musikstück handelt.

Für Bach jedenfalls dürfte diese Partita ein äußerst persönliches Werk gewesen sein, da er sie nach dem plötzlichen Tod seiner ersten Frau, der sie während einer seiner Abwesenheiten ereilte und von dem er völlig überrascht wurde, schrieb. Die Trauer und Hilflosigkeit, die Suche nach Trost, nach Erkenntnis und Sinn nach dem frühen Verlust seiner ersten Frau, Maria Barbara Bach, mit der er mehrere, kleine Kinder hatte, klingen bereits im musikalischen Grundthema der Partita an und werden in der Chaconne, dem letzten Satz des Stückes in insgesamt sechzig Variationen ausgeführt. Für Bach vermutlich eine musikalische Trauerarbeit an der Grenze zur Verzweiflung.

Bach wäre aber nicht Bach, wenn er in dieser hoch emotionalen Situation nicht auch nach einer göttlichen Ordnung suchen würde, die ihm Halt gibt. Die Chaconne ist auch ein Stück über den Verlust der Unschuld und der Selbstverständlichkeit im Leben. Ein Spiel zwischen Moll und Dur, ein großer Bogen, der das Leben zwischen Tod und göttlicher Hoffnung beschreibt und dies wie eine kindliche Frage ständig wiederholt. Hilfesuchend, mit unvollständigem Trost, aber dem Wissen, dass es weitergehen wird.

Verluste waren für Johann Sebastian von früher Kindheit an, ein hartes Thema. Bereits als Neunjähriger wurde Johann Sebastian Vollweise und kam schließlich bei seinem älteren Bruder unter, der sich dann äußerst eng und liebevoll um ihn gekümmert haben soll.

Die Chaconne stammt innerlich vom kleinen und gefühlvollen Bach, als er schon ein großer Komponist war und ist eine äußerst persönliche und zugleich professionell ausgeführte Reminiszenz an die kindliche Grundfrage inmitten einer schrecklichen Einsamkeit: Sie versucht alles gut zu machen und bittet um Hilfe. Sie findet die Hilfe in sich selbst und in Gott über den Weg einer einzigartigen Komposition. Vermutlich wirklich die größte Komposition, die jemals geschrieben wurde.

Aus meiner Sicht spielt es nicht die entscheidende Rolle, ob die Partita von Geigern oder Pianisten, von Gitarristen oder einem ganzen Orchester interpretiert wurde. Das Verstehen, scheint das entscheidende Moment zu sein, wenn man denn die nötige Virtuosität mitbringt, das Stück nicht einfach nur abzuarbeiten, sondern nach dem eigenen Gefühl zu interpretieren.

Es gibt ebenfalls zwei ausgezeichnete Interpretationen auf der Gitarre.