Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

„So wie Du mich willst“, heißt der Film von dem Franzosen mit deutschen und algerischen Wurzeln, Safy Nebbou, auf deutsch, der als Sondervorstellung auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurde, auf der Juliette Binoche zur Wettbewerbsjury gehörte. Seit August ist er in den deutschen Kinos zu sehen.

Der Plot ist schnell erzählt. Eine erfolgreiche Literaturprofessorin um die Fünfzig wird von ihrem Mann wegen einer jungen Frau verlassen und bekommt dann auch noch den Laufpass von ihrem wesentlich jüngeren Liebhaber. Damit sie ihm nahe ist oder aus Verletzung legt sie sich ein Facebook-Avatar zu, bei dem sie nur halb so alt und wunderschön ist. Damit geht sie auf Jagd nach dem Freund ihres Ex-Liebhabers, Alex, der sofort Feuer und Flamme für die „junge Frau“ ist. Es entspinnt sich eine Leidenschaft via Internet, die schnell zu einem Martyrium für beide gerät, weil Claire (Avatar) sich eben nicht als Clara outen darf und den realen Kontakt mit Alex verhindert.

Eine mäßige Story hätte das werden können, knapp über dem Niveau von Sex and the City, wenn nicht Binoche die Rolle der Clara gespielt hätte. Allerdings hat sie die Rolle genial gespielt und damit aus dem Film ein Meisterwerk gemacht.

Denn was sich hier verdichtete, konnte nur mit einem bewegten Gesicht erklärt werden, wenn die Clara im Film auch wortreich und intelligent auftrat. Die Szenen in denen Clara ihrem Alex gegenüber steht, auf einem Bahnhof in einer Menschenansammlung und er sie nicht erkennen kann, rühren tief.

Der tief wurzelnde Zweifel an sich selbst und die Kränkung, die sich wie ein Granatsplitter, tief in die Seele der Protagonistin gebohrt hat. Das wird nicht nur deutlich, weil die Erzählperspektive die Geschehnisse während einer Therapie Claras beleuchtet, in der das Gesicht von Juliette Binoche in einem hellen Kontrast zum Pokerface der Psychotherapeutin glänzt.

Der andere Teil der Geschichte ist der Aufwand, den Clara betreibt, um ihre Identität auf Facebook zu halten. „Ich habe Claire nicht gespielt, ich war die 24-jährige Claire“, gesteht die Literaturprofessorin ihrer Therapeutin, die im Film einige Jahre älter war als sie.

Fast unbemerkt entlockt die Therapeutin Clara Details zu ihrem Avatar und der Zuschauer ist mit ihren Geständnissen, wie sie ihren jungen Internetgeliebten manipuliert, fast schon überfordert. So monströs wirken die Lügen, die sie dem jungen Mann auftischt, um ihn zu binden und zu täuschen. Man denkt unweigerlich an eine Psychopathin und dieser Begriff fällt auch während eines Gesprächs mit ihrem Ex-Liebhaber, dessen Freund Alex ist. Aber was Binoche zeigt, ist keine Psychopathin, sondern eine rasende Psyche, die ihre Verletztheit mit einer, per Internet, herbei manipulierten Liebe betäubt.

Die grauen Augenblicke, in denen sie aus ihrem Rausch auftaucht, sind entsetzlich, wirken bedrohlich und tödlich. Ein fragiles Selbst auf der Flucht vor der eigenen inneren Leere, ein falsches Selbst, dass sie über zwanzig Jahre als Ehefrau und Mutter gelebt hat und das sich als Bubble mit einem Plopp aus ihrem Leben verabschiedete, als ihr Mann sie ausgerechnet mit ihrer Ziehtochter, Claire, betrog und schließlich verließ.

Das zweite Motiv dieser Jagd nach der Liebe im Internet war also Rache. Rache an ihrem Ex-Liebhaber der ihr den Laufpass gab und Rache an der undankbaren Ziehtochter, deren Identität Clara auf Facebook nutzte, um Alex zu bekommen.

Extrem manipulativ, wie das Internet eben ist, aber nicht psychopathisch, denn Clara leidet unerträglich, die Glücksmomente, die sie während ihrer Chats und Telefonate mit Alex erlebt, sind nicht wahr, sie zerplatzen und müssen immer wieder neu hergestellt werden, es entsteht keine Sicherheit, kein Halt, sondern eine immer bedrohlicher werdende Spirale, die sich Richtung Abgrund dreht. Schließlich nutzt sie Claires Smartphone auch während ihrer Vorlesungen und verliert den Faden, den sie persönlich schon längst verloren hat. Clara kontrolliert die Situation nicht mehr, sie ist wie eine Spinne, die sich im eigenen Netz verheddert hat. Man spürt kein Mitleid, eher fassungsloses Grauen.

Wie das Gesicht der Psychotherapeutin, das sich jeder Anteilnahme enthält, das vielleicht ahnt, dass hier ein Untergang stattfindet, ist das Gesicht des Exliebhabers, der sie mit der Behauptung konfrontiert, dass Alex von einer Psychopathin auf Facebook in den Suizid getrieben wurde und nicht mehr lebe.

Man fühlt sich an Romeo und Julia erinnert, die ja bekanntlich auch die Opfer von Fake-News wurden. Aber Clara bringt sich nicht um, es hat nur den Anschein, aber sie tut es nicht. Ebenso wenig suizidiert sich Alex.

Romeo und Julia, eine Tragödie. Der Augenblick, in dem alles möglich ist, aber nichts geschieht, weil alles virtuell stattfand.

Clara verkriecht sich in den Roman, den sie schreiben will und schreibt die Geschichte mit Alex positiv um. Sie versucht es zumindest, erfindet ein reales Kennenlernen der beiden unter Vorwänden und genießt die sich entfaltende Liebesgeschichte, an deren Ende Alex aber den Betrug merkt, sie bedrohlich angeht, was zur Flucht Claras und einem tödlichen Unfall führt.

Aber in diesem Fall tötet die Manipulation via Facebook nicht, sie legt nur offen, was tatsächlich ist.

Alex ist bedeutungslos. Clara sucht einfach nur das Gefühl geliebt zu werden und das Ende an dem eigentlich Heilung stehen sollte, wenigstens aber Selbsterkenntnis, trifft auf eine Binoche, die bereits wieder das Smartphone Claires in der Hand hält, auf der Suche nach dem nächsten Rausch.

Ein bisschen erinnert diese aussichtslose Verlorenheit im Liebesrausch an die „Liebenden von Pont Neuf“, der Kultfilm aus den Achtzigern, der die Schauspielerin weit über die Grenzen Frankreichs bekannt gemacht hat.

Aber jetzt ist das eben dreißig Jahre her und Binoche hat jede Menge Falten im Gesicht. Nur wahr sein soll das eben nicht – deshalb: Binoche goes Facebook!