wildes schaf

Screenshot mit Jane Birkin

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Le mouton enragè hieß der Film im Original, der unter dem Titel „Das wilde Schaf“ 1974 in unsere Kinos kam. Als Halbwüchsige haben wir uns den Film von Michel Deville im Kino angesehen, gestern gab es ein Wiedersehen.

Ein Geburtstagsgeschenk von einem Freund war die DVD, die wir dann sofort in den Player schoben. Fälschlich als Komödie ausgezeichnet mit  Jean-Louis Trintignant, Romy Schneider und Jane Birkin in den Hauptrollen, sollte dieses Zeitdokument ein erneuter Genuss werden, mit Anklängen an unsere frühen Jahre.

Ein persönlicher Film sozusagen. Romy Schneiders Konter gegen ihren zweifelhaften Geliebten Trintignant (alias Mallet), als dieser sie fragte, ob sie es schon einmal auf einem Stuhl getrieben habe: „Natürlich….und Du? Auch unter der Dusche mit dem Kopf nach unten oder unterm Tisch auf allen Vieren??“ erinnerte ich noch von damals und war später ein geflügeltes Wort für mich.

Der Film blieb mir jedoch zunehmend im Halse stecken, wollte nicht richtig rutschen, der Genuss war eher intellektuell. Es gab zu viele unschöne Szenen, die ich damals, Mitte der Siebziger, vielleicht hingenommen habe, die jetzt aber nicht mehr akzeptabel erschienen.

Der Film über den kleinen Bankangestellten Nicolas Mallet, der von seinem Schriftsteller-Freund Fabre zu einem immer größer werdenden, männlichen Ego gecoacht wird, bis er schließlich zum erfolgreichen Zeitungsverleger wird und mit diversen Frauen der High Society geschlafen hat, ist sicher keine Komödie, aber sie ginge auch als Satire nicht mehr durch, wie es die Kritiker im allgemeinen auffassen.

Für uns war der Film gestern wie ein böses Vermächtnis des männlichen Egos, das Frauen zur Selbstbestätigung nutzt und dabei auch bereit ist, Gewalt einzusetzen. Ein mieses Zeugnis, das der Autor, Roger Blondel, uns Männern da ausstellt. Besonders gemein, die opulente Ausstattung der Geschichte mit Männerphantasien, die einen auf die scheinbar „selbstbefreiende“ Spur des schüchternen Protagonisten locken, dem gleich am Anfang des Filmes nichts Besseres einfällt, als seine Hemmungen dadurch abzuschütteln, dass er Jane Birkin vergewaltigt.

Das unangenehme daran ist die Tatsache, dass der Akt hinterher als einvernehmlicher Sex durchgeht, weil seine spätere Geliebte und Ehefrau sich der Gewalt von Mallet schließlich beugt. Mallets Freund Fabre stellt es zumindest so dar und die meisten Kritiken, die man über den Film zu fassen bekommt, bestätigen diese Version. Aber Sex und Gewalt ist inzwischen ein Thema auch in der französischen Gesellschaft, das zur Satire nicht mehr taugt. Der Film wird kaum noch beachtet, dürfte aber heute von den Kritikern verrissen werden.

Bitterböse und mit Gewalt endet dann auch Mallets Beziehung zu der Frau eines bekannten Philosophen, zu der ihn sein Freund Fabre ebenfalls anstiftet. Romy Schneider spielt die naive Ambivalenz dieser Frau fast perfekt. Nur eine Szene wirkt lächerlich, als sie Mallet gesteht, dass ihr Mann ein weiteres Kind will und in der Nacht zuvor „das nötige getan habe“. Sie weint dabei im Kleinwagen Mallets, der in einem Safari-Park einem Löwen gegenüber steht und sagt in rührender Kindlichkeit „was soll der jetzt von mir denken“. Als Mallet später auf die Idee kommt, ihrem Mann sein eigenes Kind unterzujubeln, ist sie beglückt und beide erklären dem Löwen in einer späteren Szene, dass man nun glücklich sei und er nicht das Falsche denken solle. Schneider wirkt in diesen Szenen, wie ein kindlich naives Opfer, das einen Pakt mit dem Löwen schmieden will, um noch davon zu kommen (leider eine Parallele zur Realität vieler Ehefrauen).

Am Ende erschießt der betrogene Ehemann die schwangere „Romy Schneider“ und sich selbst mit der Entschuldigung: „Es tut mir leid, dass ich so altmodisch bin.“

Eine Tragödie eigentlich. Aber man bekommt den Eindruck, dass die Tragik eigentlich im männlichen Mind-Set liegt, das unter allen Umständen darauf besteht, die Oberhand zu behalten. Ego-Shooter Trintignant schießt auf seine Weise diverse Frauen ab, wenn auch sexuell und am Ende wird er von seinem Freund Fabre auch noch dazu verurteilt, mit einer hochaltrigen und schwerreichen Frau zu schlafen, die ihn schließlich am Ende ihres Lebens erben lässt.

Seine Devise ist immerhin: „Ich will schwerreich werden und mit vielen Frauen schlafen.“

Mit dieser Devise hat sich Mallet im Laufe des Filmes zum Psychopathen entwickelt, der Spaß daran bekommt, andere Menschen unter seine Kontrolle zu bringen und dabei von seinem Freund heftig angetrieben wird. Beide Männer wollen die höhere Gesellschaft unter Kontrolle bekommen, besonders den weiblichen Teil, aber auch einen schwerreichen Geschäftsmann, mittels der Freundin Mallets, Jane Birkin, die vom „Zuhälter“ Mallet dann mehr oder weniger zur Verfügung gestellt wird, um ihm die Türen offen zu halten.

Natürlich hat Mallet auch einige Deals, die er mit Männern einfädelt. Aber im Kern geht es um die Verfügbarkeit von Frauen, mit und ohne Gewalt und immer zu berechnenden Zwecken.

Eine Art Amoklauf nach oben, der Schwanz immer ganz vorn mit dabei.

Wie gesagt ist uns dieser Film gestern regelrecht im Halse stecken geblieben und wir brauchten viel alkoholfreies Bier um ihn herunter zu spülen. Mit viel Alkohol, wie im Film, wäre es vielleicht besser gegangen.

Leider weist der Film zugleich in eine trostlose Realität, die vor allem durch das Schicksal der Trintignants schlimme Akzente erhält, die wesentlich bitterer sind, als die Schicksale im Film. Die Tochter des Schauspielers, Marie Trintignant, wurde 2003 von ihrem Geliebten, dem Rockstar, Bertrand Cantat, totgeschlagen. Dieser erhielt eine Haftstrafe von 8 Jahren, die er wegen guter Führung, nur zur Hälfte absitzen musste. Cantat ist in Frankreich eine äußerst umstrittene Persönlichkeit, die ebenso viele Petitionen gegen seine öffentlichen Konzerte, in denen er auch Gewalt verherrlicht, provoziert, wie Zustimmung bei einem männlichen Fan-Klientel mittleren Alters, das ihm ausverkaufte Konzerte beschert.

Über Cantat, der auch am Tod seiner Frau, die 2010 Selbstmord beging, schuldig sein soll, gibt es Gerüchte, dass er ein gewalttätiger Psychopath ist, der durch ständige Manipulation seiner Umgebung mit seiner Gewalttätigkeit durchkommt. Cantat hat vor Gericht auch behauptet, dass Marie Trintignant unter seinen Händen, aus Liebe, gestorben sei. Daraufhin haben in Frankreich Frauenrechtlerinnen, die den Femminicide durch gewalttätige Männer anklagen, Stellung bezogen, mit der Kampagne: „Liebe tötet nicht!“

Cantats Äußerungen sprechen zumindest für eine perverse Vorstellung von Liebe, die wirklich eine Untersuchung des Rockstars auf „Psychopathie-Merkmale“ nahelegt. Ein Teil der französischen Öffentlichkeit hält diesen Mann für gefährlich und man hat den Eindruck, dass er das auch ist.

Ein Teufel ist auch der Schriftsteller Fabre im Film. Denn der hat nicht nur verstanden, dass er mit einer Rollenteilung, in der eine autoritäre Figur (Fabre)  einer abhängigen Persönlichkeit (Mallet) schändliche Anweisungen erteilt, alle Hemmungen außer Kraft setzten kann, die sonst für normale Menschen bestehen. Nein, darüber hinaus hat er verstanden, dass sein Freund einer tiefgehenden emotionalen Abhängigkeit von Frauen (die Macht der Mütter über ihre Söhne) folgt und dabei vermutlich der Delegation seiner Mutter, die sich an anderen Frauen rächen will ( man denkt an A. Hitchcocks „Psycho“). Vielleicht überinterpretiert, aber zumindest testet er Mallet in einer Filmszene in der er wütend die Bilder von Mallets verschiedenen Geliebten zerreißt, die angeblich nicht nützlich genug seien. Mallet ist zutiefst getroffen und versucht die Bilder zu retten, sogar wieder zusammen zu setzten. Eine kleine Szene mit viel Bedeutung, die zeigt, wie abhängig sich das Super-Ego Mallet von den Frauen gemacht hat.

Am Ende des Filmes zerbricht Fabre, der seit einem Unfall behindert ist, an dem Befehl, den er Mallet gegeben hat, mit der ehemaligen Tochter des Apothekers zu schlafen, die nun ein bekannter Filmstar ist. In genau dieses Mädchen war Fabre verliebt. Mallet spürt die Doppeldeutigkeit des Auftrages und will Fabre zunächst täuschen und behauptet, dass er die Apothekerstochter nicht bekommen konnte. Schließlich aber gibt er zu, mit ihr geschlafen zu haben und bezeichnet sie als „hübschen Umschlag ohne Inhalt“.

Tatsächlich erschießt sich Fabre kurze Zeit später und als er auf einer Bahre herausgetragen wird, erscheint sein Klumpfuß fast bildfüllend unter der Totendecke. Der Teufel hat seine Illusionen verloren und kann so nicht mehr weitermachen. Was für eine Aussage!

Wenn man die Aussage des Filmes und das schreckliche Schicksal der Trintignants zusammenfassen möchte, könnte man es vielleicht so formulieren:

Die Liebe der Männer beruht auf einer Illusion, von der sie abhängig sind und die sie zugleich benutzen, um Frauen mit Manipulation und viel Gewalt in die Rolle zu pressen, die sie gerade benötigen. Liebe als Spiel für Ego-Shooter. Ein ernüchternder Befund, der leider der Überprüfung in der Realität standhält.

Das Spektrum reicht dabei von „wilden Schafen“ bis zu hungrigen Löwen. Von Filmfiguren wie Mallet und Fabre bis zu realen Figuren wie Bertrand Cantat. Ein wahrhaft psychopathisches Spektrum, wie wir gestern fanden, als wir diesen Film ebenso frustriert wie fasziniert aus dem Player nahmen und ihn ins Regal schoben, wo er wohl auf lange Zeit bleiben wird.

Noch so einen Trip zur Wahrheit über uns Männer brauchen wir in absehbarer Zeit wohl nicht.