Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

„Die erste Schrecksekunde nutzt Du also dazu aus, für eine zweite Schrecksekunde zu sorgen, und die zweite Schrecksekunde, für noch eine Schrecksekunde zu sorgen, damit du, weil Du ja selber von keiner Schrecksekunde betroffen bist, ihnen immer, wenn sie sich gerade von einer Schrecksekunde erholen, gerade um die weitere Schrecksekunde voraus bist, für die du gesorgt hattest, während sie sich noch von der ersten Schrecksekunde erholten, so dass schließlich die Schrecksekunden kein Ende mehr nehmen.“

Der reißende Fluss der Sprache ist unerbittlich und duldet keinen Aufschub. Ein Leitmotto von Twitter könnte das sein, und das Eingangszitat, das von Peter Handke stammt, ist aktueller denn je. Die Manipulation, die in der Taktik der Schrecksekunde steckt, ist ubiquitär in den sozialen Medien, aber insbesondere bei Twitter. Follower zu sein, bedeutet, sich mitreißen zu lassen, und wer weiß, wann man wieder an das rettende Ufer schwimmen kann. Aber ist es eine Taktik?

Handke, der sich mit der Sprache gegen die Sprache abgrenzt, äußert sich in seinem Band, „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ absichtslos und manipulativ zugleich. Wenn er den sexuell motivierten Überfall auf einen Jungen, wie aus der Tageszeitung entnommen, durch die Hervorhebung von Farben verfremdet, was aus der manipulativen Gewalttat eine Geschichte über die Sprache macht, die ihn bis zu Aristoteles und Goethe führt.

Die sprachliche Verfremdung eines Fußballspiels zeigt die Verwirrung, die entsteht, wenn man die gewohnte Sprache verlässt und die üblichen Alghorithmen verabschiedet. Man ist dann den anderen um eine Schrecksekunde voraus. Wer in der Öffentlichkeit (Außenwelt) bestehen will, muss die Innenwelt der Außenwelt beherrschen (Manipulation durch Sprache). Eine Sprache, die nicht mehr primär beschreibt, sondern ständig verändert und dadurch denen, die verändern, Vorteile verschafft, auf die andere erst reagieren müssen.

Dazu gehört eine kritische Masse und die Sucht der Masse nach Schrecksekunden. Am Ende beschleunigt sich der Prozess, der Puls der Zeit, zu einem Tumult, einem permanenten Tumult, der mal wie ein Volksfest und mal wie ein Krieg aussieht. Folge ist ein allgemeines Erschrecken, das nicht endet, weil es der eigentliche Treibstoff für die sozialen Medien ist.

„…erschrecken über etwas, auf das man gefaßt ist, und über etwas erschrecken, auf das man nicht gefaßt ist, und über etwas erschrecken, auf das man nicht gefasst ist, weil man gefaßt war, über etwas anderes zu erschrecken, und über nichts, weil man gefaßt war, über etwas zu erschrecken, erschrecken: …“

Ein Spiel im Nichts, das alles bewirken kann, ein hochgefährlicher, öffentlicher Explosionskörper aus manipulativer Sprache, der uns alles kosten kann.

Sprache ist immer manipulativ:

Eine Atombombe ist ein Wort, das eine Kettenreaktion auslösen kann.

Vielleicht via Twitter?