2016-07-21 22.28.37

Foto: Gedächtnisbüro 2016 (Zig Zag Club, Schöneberg, Band: Conexao)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Jazz vollkommen zwanglos genießen. Das schaffen in der Hauptstadt, mit einem riesigen Angebot von Jazzkonzerten, nur wenige Clubs.

Zwei davon seien an dieser Stelle erwähnt (beide in Schöneberg). Das “Zig Zag” und der “Badensche Hof”. Beide Locations bleiben während der Konzerte offen, man kann also kommen, wann man will. In beiden Clubs wird kein Eintritt genommen, aber im Badenschen Hof zahlt man seinen Obolus gern, wenn man sein Bier bestellt und im Zig Zag wird in der Pause gesammelt. Die Musiker müssen also nicht pleite nachhause gehen.

Es geht aber wirklich um Freude an der Musik und nicht um Kommerz und deshalb liebe ich solche Clubs, die darüber hinaus noch sehr gemütlich sind und ein entspanntes und stark altersgemischtes Publikum haben.  Außerdem sind die Leute dort ebenso wie die Musiker stark international gemischt.

Leider durch meine eigene Zwanglosigkeit bedingt ist die schlechte Aufnahmequalität vom letzten Konzert der Gruppe Conexao, die im Zig Zag Latin Jazz vom Feinsten vorgetragen hat. Im Original ein Genuss. Der Schnipsel wurde von mir auf Youtube hochgeladen.

Der Jazz in Berlin soll mir aber noch ein paar weitere Worte wert sein. Zunächst einmal ist den meisten bekannt, dass es seit Jahren das Jazzradio auf 106,8 gibt. Man kann mit diesem Sender wirklich durch den Tag kommen und zwar mit einem völlig entspannten Lebensgefühl. Für Berlin also geradezu ein Lebenselexir.

Der Sender, der am Ellington-Hotel beheimatet ist, welches ebenfalls als Jazz-Hotel in der Stadt einen Namen hat, kann aber auch nerven, womit nicht die Musik gemeint ist, sondern die Werbung. Klar, dass die Leben müssen. Aber ob man dafür unbedingt eine Investment-Platform mit high-risk-Anlagen bewerben muss? Naja. Ich habe mich auch nicht gefreut, als Olaf Henkel sich dort eine eigene Jazz-Sendung besorgt hat. (Wie auch immer – ein Schelm, der dabei an Kommerz denkt). Zum Glück hat sich der Funktionär der industriellen Elite Deutschlands nicht all zu sehr ausgebreitet. Man kann seine Sendungen auch meiden, wenn man seine Stimme nicht gern hört.

Ein Besuch im Ellington lohnt allerdings nur wegen der gemütlichen Lounge, in der man ebenfalls sehr ungezwungen und nett Kaffee trinken kann. Auch gibt es dort eine Whisky-Bar mit vielen, vielen Sorten, wo man auch nach herzenslust qualmen darf. Den Jazz vermisst man allerdings sowohl in der Lounge, als auch in der Bar. Obwohl man von der Lounge aus die Moderatoren beim “Plattenauflegen” beobachten darf. Man hört nur nichts.

Auch ansonsten ist es mit dem Jazz im Ellington so eine Sache.  Die Konzerte sind teilweise musikalisch sehr interessant, aber lieblos inszeniert, wenn sie nicht gerade im Sommergarten stattfinden. Der Konzertsaal ist konventionell, puritanisch (wenigstens eine Bar) und sehr lieblos bestuhlt. Wie üblich sind die Türen zu und gehen nur zur Pause auf. Locker ist die Sache ebenso wenig, wie bei anderen Konzerten. Die Musiker haben also alle Hände voll zu tun, dass Publikum in Stimmung zu bringen. Wenn das gelingt, ist es tatsächlich nur deren Verdienst.

Natürlich muss nicht jeder Jazz so verstehen, wie ich, als Aufforderung, sich zu entspannen. Es gibt auch sehr ernsthafte Jazz-Clubs in Berlin, wenn ich an das Quasimodo oder noch mehr an das A-Trane (beide in Charlottenburg) denke. Beide Clubs scheinen ständig mit Spitzenmusikern besetzt zu sein und vor allem das A-Trane ist dann in der Regel voll, wenn man zu spät kommt. Man wird dann auch nicht mehr reingelassen.

Also irgendwo zwischen lässig- gemütlich und streng elitär spielt sich der Jazz in Berlin ab. Ich habe noch nicht alles ergründet und komme bestimmt nochmal drauf zurück:)

Hingehen und wohlfühlen. Darum geht es.