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Screenshot aus dem “Twitter-Song-Video”

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Was macht eigentlich Stromae?

Das hat er nun davon, ein Genie zu sein. Seit Stromae (Paul van Haver) seine Afrika-Tournee vor zwei Jahren abbrechen musste, weil er Panikattacken, Halluzinationen und einen Nervenzusammenbruch erlitt und stationär psychiatrisch behandelt werden musste, ist er vorsichtig.

Die Fans (und er hat viele davon) warten derweil sehnsüchtig, dass er wieder produziert. Gerne auch Mode, die er in einem gemeinsamen Lable mit seiner Frau auf den Markt bringt, aber vor allem Musik!

Im letzten Herbst gab er gegenüber der „Liberation“ und der „Grazia“ an, immer noch Panikattacken zu haben. Keine Besonderheit und keine Kleinigkeit zugleich, denn 15% der Europäer entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Angststörung und die Ängste können äußerst quälend sein.  Zu der Panikstörung kommt meist die Angst vor der Angst, die einen Rückzug geradezu erzwingen kann, weil man sich fürchtet, erneut in einen solchen unerträglichen Zustand zu geraten. Depression wird dann der nächste Begleiter.

Pragmatische Tips, psychotherapeutische Behandlungsmethoden und Medikamente gibt es zuhauf. Die Erkrankung ist trotzdem nicht leicht zu behandeln. Kein Kommentar an dieser Stelle, das muss man seinen Behandlern überlassen.

Es gibt aber einen anderen Aspekt, der mit seiner Kunst zusammenhängt. Wer sich seine Lektionen anschaut, die teilweise immer noch auf Youtube verfügbar sind, stellt fest, wie spielerisch der Künstler zu seinem Ruhm gekommen ist und wie schnell es dann ernst für ihn wurde. So ernst, dass mir oft eine Gänsehaut über den Rücken lief und ich manchmal dachte, dass dieser junge Paul van Haver sich verdammt weit aus dem Fenster hängt.

„Quand cést – cancer?“

Ich weiß nicht ob ein Künstler schon einmal ein derart eindringliches Lied über den Krebs gemacht hat, die eigenen Krebsängste thematisiert und das mit einer eindringlichen, genialen Musik. Hat überhaupt einer schon mal ein Lied über Krebs gemacht? Stromae war vermutlich der Erste.

In wie vielen Songs hat er die Verunsicherungen, die Ängste und die Trauer seiner Kindheit thematisiert? Den Kampfgeist des Kindes gleichermaßen. So etwas haut man eigentlich nicht in einem vollen Konzertsaal heraus, es sei denn man ist ein Genie. Bei „Papaouti“, „Dodo“ und „Pipi au lit“, musste ich weinen. Seine Fans lieben ihn für solche Songs, aber musste Paul van Haver nicht auch weinen? Ist das nicht eher ein Thema für einen engen Freund oder einen Psychotherapeuten?

Egal. Die Kunst ist, dass es echt ist!

Damit wären wir schon fast bei Jaques Brel angekommen. Unüberhörbar eines der Vorbilder von Stromae. Der trat mit achtunddreißig Jahren auf der Höhe seines Ruhmes von der Bühne ab. Elf Jahre später starb der Kettenraucher Brel an Lungenkrebs.“ Quand c´est?“ Er wurde nicht einmal fünfzig Jahre alt.

Stromaes Vater starb 1994 bei dem Völkermord in Ruanda, verließ die Familie allerdings schon früh. Der junge Paul wurde dann von der Mutter auf ein Jesuiten-Internat geschickt. Die Verwirrungen und Verletzungen und die Schutzlosigkeit eines solchen Jungen kann man sich vorstellen. Wer es sich nicht vorstellen kann, lese „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil.

Dennoch trifft nicht alles, was er komponiert und gesungen hat, auch auf ihn zu. Van Haver ist verheiratet, hoffentlich glücklich. Eine gewisse Intuition lässt mich hoffen, dass „Te Quiero“ „Formidable“ und „Tous les memes“ vermutlich weniger mit ihm zu tun hat, als man denkt. Das sind Songs, die noch eine deutliche Trennlinie zur Person des Künstlers zulassen. Gut gemacht, Paul van Haver!

Kunst ist eben auch, was nicht echt ist J

Übrigens hat uns Stromae kurz vor seinem Abgang noch einmal ziemlich deutlich den Spiegel vorgehalten. Mit seinem beängstigenden Twitter-Song „Carmen“, macht er deutlich, wie wahnsinnig uns die Sucht nach Öffentlichkeit machen kann. Twitter als beängstigendes Zeit-Phänomen. Geht es noch aktueller?

Wohl kaum!

Macht das keine Angst? Kunst ist das Echte im Virtuellen und die Angst ist es eben auch.