Ventura

Screenshot: Adieu Bulle

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Schmerzhaft in einer Welt der Nicht-Helden, ein Mann zu sein.

Inspektor Verjeat (Lino Ventura) bekommt das schon 1975 zu spüren, als er die Morde an einem Plakatkleber und einem Polizisten aufklären will. Im Visier hat er den Politiker Lardatte (Victor Lanoux) als Drahtzieher des Verbrechens. Dieser befindet sich gerade im Wahlkampf.

Weniger als neunzig Minuten benötigt Pierre Granier-Deferre in seinem Thriller, der an die berühmte Linie des französischen Film Noir anknüpft, um ein Geflecht von Macht und Ohnmacht aufzubauen, das sich am Ende weder für den Inspektor noch für den Hauptverdächtigen zum Guten wendet. Die bessere Figur aber macht Verjeat, während der Politiker am Ende die Waffe seines eigenen Auftragskillers an der Schläfe hat.

Soweit zur Handlung, damit es noch etwas spannend bleibt.

Adieu Bulle beschreibt aber noch eine ganz andere Ebene. Denn der raubeinige Inspektor hat noch einen jungen Kollegen, für den er eine Art gebrochenes Vorbild darstellt. Der junge Assistent Lefèvre (Patrick Dewaere), der ihm bereitwillig, wenn auch völlig desillusioniert und mit dem nötigen Galgenhumor in die Grauzone der Legalität folgt. Beide werden ein desolates Team, das sogar ein Verbrechen inszeniert, um Lardatte dranzubekommen.

Am Ende hat Verjeat einen würdigen Nachfolger, obwohl der Inspektor selbst keine Familie hat.

Wer noch Sehnsucht nach echten Männern hat, dem sei dieser Krimi empfohlen, denn sowohl der Film Noir hat sein Leben spätestens in den Achtzigern ausgehaucht, als auch die „echten Männer“ sind längst ausgestorben.

„Am Rande der Nacht“ war der letzte Film Noir, für mein Empfinden, der auch schon hier besprochen wurde.“ Coluche spielte allerdings einen ehemaligen Kommissar, der längst gebrochen war und aus Verzweiflung handelte. Sehr dunkel und sehr übernächtigt, die Geschichte.

Ansonsten fallen einem nur noch die politischen Schauspieler ein. Der französische Sonnenkönig, der Frankreich zusammen mit seiner zwanzig Jahre älteren Mentorin regiert und dessen Name an einen Kecks erinnert. Aber lassen wir das.

Wenn Ventura seine Knarre unter den Gürtel klemmte, wusste man, dass der Arsch den er in der Hose hatte, ständig gefährdet war. Aber man liebte das. Wenn ein Trump sich mittels Twitter verströmt, riecht es dagegen einfach nur nach Pipi.

Wo sind die Männer hin???

Aalglatt wie Heiko Maas oder schwabbelig wie Peter Altmaier, alles Muttersöhnchen gegen Ventura, der im Alter von 68 Jahren an einem Herzinfarkt starb, vier Kinder hatte und zeit seines Lebens nur eine einzige Ehefrau.

Warum gibt es diese Typen nicht mehr?

Bärtige Fanatiker, perfekte James Bonds und eiskalte Psychopathen. Die gibt es noch, aber echte Männer mit dem Charakter der durch Gefahr gefestigt wurde, die aber immer noch Helden sein können?

Fehlanzeige.

Weibische Welt, verrückte Welt, idiotische Welt, Flachbild-Welt in 3D, keine echte Welt mehr, keine echten Helden, keine echten Charaktere. Wir müssen Abschied nehmen.

Unsere Zivilisation hat die Idee vom echten Mann aufgegeben. Aber wofür eigentlich? Was bekommen wir stattdessen? Geschmeidige Softis, Weiber in Hosenanzügen?

Nein, dieser Verlust wird nie mehr ausgeglichen.

Echter Abschied von echten Männern.