Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wer sich schon den neuen Tatort mit Till Schweiger angesehen hat, weiß, dass dieser Action-Krimi von 2016 einiges an politischer Brisanz aufweist.

Tatsächlich geht es in dem Plot um die türkische und russische Mafia und ihre verhältnismäßig ungehemmte Ausbreitung in Deutschland sowie ihre gute institutionelle Anbindung in der Türkei und Russland.

Der Mafia-Boss ist ein türkischer Geheimagent, der sich absoluter Loyalität bei der Polizei in Istanbul erfreut.

Man würde es nicht so ernst nehmen, schließlich ein Actionfilm, wenn die Dokumentation McMafia, die gerade in diesem Jahr als Begleitbuch einer BBC Serie erschienen ist, den Plot so eindrucksvoll stützen würde. Mädchenhandel, Organhandel, feindliche Übernahmen von Unternehmen in Russland und der Türkei durch die Mafia, deren Führungsschicht sich aus den Geheimdiensten rekrutiert und eine durch und durch korrupte Polizei, Justiz und Politik in beiden Ländern.

Allerdings arbeitet die BBC mit ihrer Serie die Zusammenhänge auf, während der „Tatort : Tschiller-Off Duty“ diesen Sumpf eher als Abenteuerspielplatz für Till Schweiger nutzt. Der Plot geht dabei komplett unter.

Egal, die Handlung ist aktueller denn je, da die Türkei sich anschickt, als Schurkenstaat mit dem führenden Schurkenstaat, Russland, eine gemeinsame Ölpipeline zu bauen, die Europa politisch und wirtschaftlich erpressbar macht. Wir dürfen uns also darauf gefasst machen, dass tatsächlich die Mafia, diese Projekte in ihre Hände bekommt, wie im Film beschrieben und schließlich (gemeinsam mit Russland) zu einer Waffe gegen die EU macht.

Die Tatsache allerdings, dass nun ausgerechnet eine blonde Deutsche über Istanbul nach Moskau verkauft wird (die Tochter von Tschiller, gespielt von Luna Schweiger) ist allerdings eine absurde Verkehrung der Realität. Tatsächlich sind die weiblichen Opfer der Mafia, Frauen aus den ehemals kommunistischen Staaten.

Erfreulich an diesem Tatort, der alle dunklen Klischees über die Türkei und Russland bedient, ist allerdings der Zeitpunkt, an dem sich dieser beiden Länder ziemlich unverblümt in ihrem ruinierten Ruf (Diktatur plus Kriminalität) suhlen.

Ein schöner Seitenhieb in diesem Sinne, wenn auch nicht sehr differenziert.