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Thomas Münzer und nicht Xavier Naidoo spricht vor den Bauern (Gemälde von Wilhelm O. Pitthan, 1958)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbuero Berlin

Xavier Naidoo wird mit seinem neuen Song einmal mehr als Rechtsradikaler dargestellt. In Frankreich wäre das so nicht denkbar.

Gleich vorweg. Der Songtext „Marionetten“ der die Medien bei uns gerade auf das Äußerste irritiert, ist künstlerisch eher ein Flachwitz. Die „Lyrics“ wirken holprig, verflacht und klischeehaft. Naidoo und die Söhne Mannheims haben hier schon bessere Zeiten gesehen.

Von Frankreich aus betrachtet, wirkt das ideologische Trommelfeuer der Medien, das derzeit auf den Popstar einprasselt, allerdings befremdlich. Hier diskutiert man derzeit ernsthaft mit den Rechtspopulisten über die Folgen ihres geplanten, protektionistischen Wirtschaftsprogramms. Man diskutiert vor allem mit den Vertretern des Front National und zieht nicht über Rechtspopulisten her, wie bei uns.

In Deutschland befinden wir uns allerdings im Kernland der Ideologie, so dass der Umgang mit Naidoos, zugegeben etwas pubertären, Song eben nur ideologisch sein kann.

Die Presse und die Medien werden da als Steigbügelhalter und Marionetten bezeichnet, ebenso wie die Politik als Puppenspiel. Aggressiver klingen da schon die Begriffe, Volksverräter und Volks-in die Fresse-Treter, die vom „wütenden Bauern mit der Forke“ zur Einsicht gebracht werden müssen. Dann gibt es noch eine Anspielung auf “Pizza-Gate“, das offensichtlich noch immer die „rechten Gemüter“ erhitzt, obwohl sich die Beweise für einen Kinderpornoring der amerikanischen Demokraten äußerst dünn gestaltet haben. In der Sache eines angeblichen Kinderpornorings John Podestas in einer Washingtoner Pizzeria wird auch nicht mehr ermittelt.

Genau das ist es, was unseren Medien die Chance gibt, den Rechtspopulisten Faktenferne und Verschwörungstheorien vorzuwerfen, dass jene, und wohl auch Xavier Naidoo, sich an schlecht gemachten Fakes festhalten, um ihre Wut zu kanalisieren.

Tatsächlich aber sind die kritischen Attacken, beispielsweise des Spiegels, gegen Naidoo genauso armselig und oberflächlich, wie der Songtext von „Marionetten“.

Die Erkenntnis, dass unsere Medien sich wie Steigbügelhalter verhalten und marionettenhaft wirken, ist eben keine Verschwörungstheorie. In Amerika war das lange Gegenstand von Untersuchungen, zu denen Noam Chomsky die bekanntesten Analysen geliefert hat.

Unterm Strich ist unser politisches und mediales System selbstreferentiell, weshalb die neue Opposition von rechts nicht nur außerparlamentarisch wirkt, sondern schon „außergesellschaftlich“. Sie finden keine ernsthafte Stimme in den Medien, die lediglich bereit sind, in herablassender Weise, über diese Opposition und nicht mit ihr zu sprechen. In Frankreich ist das anders.

Der ständige Vorwurf der Verschwörungstheorie an die Rechten, wird eigentlich allen gemacht, die grundsätzliche Systemkritik üben oder das System mit ihren Veröffentlichungen bedrohen. Übrigens auch von deutschen Medien gegenüber Julian Assange, der angeblich in seinem Buch „Cypherpunks“ Verschwörungstheorien verbreitet habe.

Ein Vorwurf, der angesichts der Millionen von authentischen Dokumenten, die Wikileaks bisher veröffentlicht hat, ins absurde tendiert. Fakt aber ist, dass Assange für die USA und eben auch für die Europäischen Eliten eine Art Systemgefährder geworden ist, der bekämpft wird.

Im Prinzip finden wir derzeit in Deutschland eine Situation vor, in der ein politisches System, das fast ausschließlich auf sich selbst bezogen agiert, wobei es die eigenen politischen und moralischen Koordinaten absolut setzt, angegriffen wird. Es reagiert dabei in einer Heftigkeit, die tatsächlich erkennen lässt, dass die Angriffe Substanz haben  müssen.

Eine ähnlich heftige Reaktion gab es in sechziger Jahren in den Medien und der Politik, gegenüber der sich neu bildenden außerparlamentarischen Opposition (APO). Interessanterweise sind es heute in Deutschland gerade die Kinder der APO, die genauso selbstreferentiell wie das damalige Establishment agieren und den Kampf gegen die Rechtspopulisten genauso ideologisch und überheblich führen, wie es damals das konservative bürgerliche Lager gegenüber den Linken tat. Man verteufelt, man grenzt aus, man diffamiert.

Typisch deutsch. Denn in Frankreich wird angesichts des Rechtspopulismus zwar mit harten Bandagen gekämpft, aber die Argumente werden ausgetauscht. In Deutschland ist das nicht der Fall.

Xavier Naidoo kann also tatsächlich vom „wütenden Bauer mit der Forke“ singen und sich damit in die Zeit der Bauernkriege verirren, weil es keinen realen politischen Diskurs mit den Rechtspopulisten gibt, der das eventuell korrigieren könnte.

Auch Folge einer gewaltigen, ideologischen Verweigerung unserer selbstreferentiellen Eliten.