Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Am heutigen Karfreitag vor über 2000 Jahren wurde Jesus gekreuzigt. Ausgangspunkt seines Siegeszuges im gesamten Abendland. Aus der christlichen Religion entstand die eigentliche Triebkraft unserer westlichen Kultur. Dennoch blieb das Christentum nur eine von mehreren Weltreligionen neben dem Judentum, dem Islam und den asiatischen Religionen, Buddhismus, Hinduismus, Taoismus.

Besinnt man sich aber auf die eigene Kultur, ist unschwer zu erkennen, wie eng unsere Werteentwicklung mit Christus zusammenhängt. Mit seinem Leiden am Kreuz ist Jesus von Nazareth tatsächlich unsterblich geworden. Vermutlich wäre ohne dieses Leiden nichts nach ihm gekommen. Ein Grund, warum Judas, der Jesus verraten hat, eine der umstrittensten Jünger des neuen Testamentes ist.

Nachdem Judas Jesus ausgeliefert hatte, seinen Tod am Kreuz mit ansehen musste, hat er sich selbst erhängt und konnte so die Auferstehung am dritten Tag nach seinem Tod nicht mehr miterleben. Eine große Tragik, weil Judas an Jesus glauben wollte und seinen Verrat, wenn man einer Interpretation von Rudolf Augstein glauben möchte (Jesus Menschensohn), begangen hat, um Jesus zu einer Demonstration seiner Macht zu verführen und die Menschen zu einem Aufstand gegen die Römer treiben wollte.

Ob das stimmt oder nicht, kann man dahingestellt lassen. Dennoch ist Judas alles andere, als ein Verräter aus niederen Beweggründen. Er ist ein Mensch mit großen inneren Konflikten und einer engen Bindung an seinen „Meister“.

Vermutlich wäre auch ohne Judas aus dem Christentum nichts geworden. Denn für die christliche Kultur war nicht nur der Nazarener entscheidend, sondern auch sein Gegenspieler im Geiste, der die weltliche Macht erringen wollte. In Judas darf man den stolzen Menschen vermuten, der ein diesseitiges Himmelreich erhofft und zugleich in Machtintrigen verstrickt ist, denen er am Ende nicht mehr entkommt.

Judas hat Jesus nicht verstanden, aber vermutlich hat er ihn geliebt. Er wollte mit Jesus die Rebellion wagen, während letzterer eine Revolution eingeleitet hat. Das christliche Denken ist eine solche Revolution, die immer noch nicht an ihrem Ende angekommen ist. Denn die Christen denken und handeln meist nicht christlich und alles, was sie vor dem moralischen Untergang bewahrt, ist diese Erinnerung an Jesus und das Bewusstsein, dass sie nicht richtig handeln.

Judas steht für dieses Bewusstsein und die Verzweiflung, die daraus entstehen kann. Wir müssen Macht ausüben und wir müssen uns schuldig machen, aber wir müssen auch den richtigen Weg finden, der in unserem Glauben angelegt ist. Wir dürfen wehrhaft sein, wie Judas, aber am Ende müssen wir verzeihen können und die Liebe muss siegen, wenn wir Christen sein wollen.

Regel kann man brechen, die Moral nicht

Das sind die Stolpersteine des Christentums, an denen wir immer wieder gescheitert sind. Die Bibel zeichnet einen Weg von einer Religion, die im alten Testament noch hauptsächlich aus Regeln besteht, zu einer Religion, die im Menschen eine moralische Instanz schafft, über die er hinweggehen kann, die ihn aber niemals in Ruhe lassen wird. Ein flexible Form des Glaubens, die ihren Kern im Gewissen hat, ohne das es keine Moral gäbe, sondern eben nur Regeln. Wir widersprechen uns ständig und unsere Moral ist oft genug doppelbödig. Aber sie reicht aus, nach allen Umwegen, wieder zur christlichen Überzeugung zurück zu finden. Das macht das Christentum so einzigartig. Eine Religion, welche die menschliche Entwicklung als Kalkül einbezieht und oft genug locker lässt, auch wenn sie die alles bestimmende Grundlage unseres Denkens und Handelns ist.

Das Christentum ist tatsächlich eine menschlich überzeugende Religion und Jesus, der Begründer, ist ebenso wie Judas, der Zweifler, jedes Gebet wert.