Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Nachdem das polnische Parlament Ende 2015 die Medien im Land als „Kulturinstitute“ offiziell deklariert hat, was erheblichen politischen Einfluss auf die Besetzung vor allem von staatlichen Fernsehsendern für die derzeitige Parlamentsmehrheit „Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS)“ ermöglicht, tauscht Polen derzeit die Leitungen von diversen polnischen Kulturinstituten im Ausland aus.

In Berlin ist das Polnische Institut davon betroffen, welches  vor einem Leitungswechsel steht. Die bisherige Leiterin (seit 2013) des Instituts, Katarzyna Wielga-Skolimowska, wurde zum 29.11.2016 abberufen. In der Berliner Kunst und Kulturszene gab es daraufhin einen Aufschrei und mehrere offene Briefe an den neuen polnischen Botschafter in Berlin, Andrzej Przylebski.

Vorwürfe über ein rückwärtsgewandtes und antidemokratisches Verhalten der polnischen Regierung wurden erneut laut, wobei niemand so genau weiß, was denn jetzt die Konsequenzen des Führungswechsels im Polnischen Institut sind?

Przylebski möchte eine stärkere Betonung der traditionellen, kulturellen Bindung an die Ukraine und an Litauen, während die bisherige Leiterin vor allem die polnisch-jüdischer Geschichte, Kultur und Kunst fokussierte.

Die Heftigkeit mit der auf diese Abberufung reagiert wurde, zeigt aber noch etwas anderes. Es gibt in der Hauptstadt eine enge Zusammenarbeit zwischen den kulturellen Institutionen im Rahmen eines internationalen Austausches und zugleich so etwas wie eine Eigenorientierung und Gruppendynamik.

Dagegen wäre an sich nichts zu sagen, wenn das Polnische Institut genau wie alle anderen ausländischen Institute in Berlin nicht eine staatliche Institution wäre, die Teil der Aktivitäten der jeweiligen Ländervertretungen, der Botschaften also, ist.

Wenn eine neue polnische Regierung nun andere kulturelle Botschaften und Orientierungen des Landes vertreten haben möchte, wie es der neue polnische Botschafter andeutete, ist dagegen grundsätzlich nichts zu sagen.

Die Außenwirkung des eigenen Landes und seine kulturellen Botschaften, den Neigungen von Einzelpersonen oder der Dynamik einer bestimmten Kulturszene (die es hier in Berlin natürlich gibt) zu überlassen, ist eine Herangehensweise an solche Institute, die möglich ist, aber nicht notwendig so sein muss.

Wielga-Skolimowska habe sich zu stark auf die polnisch-jüdische Kultur konzentriert, hieß es intern und ihr Netzwerk, das nun gegen die Abberufung protestiert, dokumentiert diese Orientierung, die zugleich naheliegend ist, weil man sich in Berlin befindet und nicht irgendwo.

Trotzdem kann man darüber nachdenken, ob man Kulturexperten große Freiräume und ein entsprechendes Budget zumisst, damit sie ihrer Neigung entsprechend, den Schwerpunkt der kulturellen Außendarstellung ihres Landes definieren.

An vielen Menschen in Polen ging diese Art der kulturellen Repräsentation des Landes mit Sicherheit vorbei. Sie hatte etwas Elitäres und war stark an die Berliner Kulturszene gebunden.

Die unliebsame Alternative könnte allerdings die russische Variante der kulturellen Außendarstellung in Berlin sein. Das russische Haus in Berlin wirkt insgesamt in der Kulturszene schlecht vernetzt und zugleich stark gebunden an traditionelle Außenbilder Russlands. Lebendig wirkt die Sache nicht, wenn auch interessante Angebote gemacht werden. Besonders beeindruckend fand ich dort Workshops über die Probleme der diplomatischen Verständigung zwischen Russland und Europa, auch über die Frage der gemeinsamen Sprache. Allerdings ging aus dem Programm nicht hervor, für welche Öffentlichkeit diese Workshops gedacht waren. Ein Insider-Thema, wenn auch kein uninteressantes.

Ob Polen nun auch in eines solche, gelenkte internationale Kulturpolitik verfällt, ist schwer zu sagen, aber auch nicht auszuschließen.

Die Sache bleibt interessant, weil sie viele Fragen berührt, die Europäer haben.

Für wen ist Europa eigentlich in erster Linie gedacht? Für die kulturellen Eliten, die schon immer grenzübergreifend gedacht und kommuniziert haben? Oder aber für die breite Masse, die sich ihr Europa aber erst erarbeiten muss. Diese Leute erschließen die Möglichkeiten des europäischen Austausches mit Sicherheit nicht über eine Aufarbeitung und Belebung der polnisch-jüdischen Kultur, welche sicher viele Highlights beinhaltet, die nicht zu verachten sind. Denken wir nur an Marc Chagall, dessen Hauptwerk sich allerdings in Nizza im Chagall-Museum befindet. Neue Akzente und neue Ansatzpunkte, die das Interesse von vielen Menschen an der polnischen Kultur wecken kann, wären nicht schlecht.

Soll sich aber jeder selbst einen Eindruck von der Arbeit des Polnischen Institutes in Berlin machen.

Europa aber, das hörte man schon vor Jahren in kulturellen Kreisen, wie beispielsweise in einer Diskussion im Institut Francais in Berlin, müsse ein Projekt der Massen werden (Podiumsdiskussion mit Dominique Wolton und Reinhard Laska im Juni 2013, derzeit im Internet nicht mehr verfügbar).

Das ist bisher nicht gelungen. Vielleicht ein Grund für die derzeitige europäische Krise und die Renationalisierung, die sich eben auch in der Besetzung der Kulturinstitute zeigt.

Nur wie das jetzt geändert werden soll, so dass Europa wirklich massentauglich wird, auch kulturell, das ist eine Frage, auf die man im Augenblick nirgendwo Antworten sieht.