Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Aktuell läuft wieder eines der umstrittenen Rechtsrock-Konzerte mit fünftausend Besuchern im thüringischen Themar. Um die 300 Demonstranten protestieren gegen das Konzert und versuchen es zu stören. Die Polizei bewacht das eingezäunte Konzertgelände. Die Presse ist natürlich negativ. Nazi-Rock titeln die meisten Medien.

Stimmt das?

Bei einem Streifzug durch die rechte Rockszene, die eigentlich jeder auf Youtube selbst unternehmen kann, tauchen tatsächlich Gruppen auf, die den üblichen Klischees des Rechtsrocks entsprechen und teilweise nazi-affine Texte gröhlen. Die Stimmen der Sänger sind jeweils gewöhnungsbedürftig, wenn man Gruppen wie Kraftschlag und Nordwind in den Peiler bekommt. Allerdings gibt es auch andere Gruppen, die sich musikalisch wesentlich anspruchsvoller geben, wie F.I.E.L (Fremd im eigenen Land). Die Inhalte sind dabei durchaus akzeptabel und nicht neonazistisch. Kritik an der Überfremdung und die Feststellung, dass inzwischen in ganzen Stadtvierteln deutsche Kinder eine Minderheit darstellen, muss erlaubt sein.

Das nicht gut zu finden, hat mit Neonazi und Rassismus, ehrlich gesagt, wenig zu tun.

Dann gibt es noch Gruppen, die mit Rechtsrock-Klischees spielen, aber keine Rechtsrock-Gruppen (mehr) sind. Ein Beispiel stellt die Gruppe „Goitzsche Front“ aus Bitterfeld dar, die sich anfangs stark an den „Böhse Onkelz“ orientiert hat, inzwischen aber eine ganze Reihe sensibler und kritischer Songs produziert hat, die regelrecht höhrenswert sind. Gefallen hat mir „Schweinepriester“ und „Menschlich“. Auch Anett Müller mit ihren depressiven und zugleich kämpferischen Songs springt aus dem Klischee des reinen Rechtsrock hervor.

Man hat den Eindruck, dass die Szene sich sowohl musikalisch, als auch mental durchaus entwickelt. Rockverschnitte vom Horst-Wessel-Lied oder ähnliches findet man in dieser Szene jedenfalls kaum noch. Musikalisch werden die Gruppen umso interessanter, je mehr sie sich aus dem dumpfen Parolen-Rock von rechts gelöst haben.

Zusammenfassend entsteht der Eindruck einer Polit-Rockszene, die zwar rechts angesiedelt und politisch völlig unkorrekt ist, aber gerade deshalb Missstände in unserem Land und ihre Probleme mit unserer Ideologie zu leben (Beispiel Menschlich) durchaus klar benennt und deshalb wertvoll ist.

Das Etikett Nazi-Rock ist über weite Strecken irreführend und soll wohl auch irreführend sein. Der politische Fanatismus, mit dem gegen alles gekämpft wird, was sich unserer vorherrschenden Globalisierungsideologie widersetzt, erklärt, dass in den Medien nicht mehr differenziert, sondern einfach nur draufgehauen wird.

Allerdings leben auch viele Gruppen, die sich in altdeutscher Schrift präsentieren von diesem Opfer-Mythos. In der Szene ist das (politisch verfolgt zu werden) eben gerade ein Qualitätsmerkmal. Also tut jeder sein bestes, möglichst unbeliebt und verhasst bei den etablierten Medien, der Politik und dem linken Establishment zu sein.