Szenen einer Ehe

Screenshot: Liv Ullmann und Erland Josephson

Wie verfolgt man einen Punkt, der sich nicht bewegt?

Dieses Experiment mutet der Wissenschaftler Johann seiner langjährigen Kollegin zu, die mit dem Bleistift einen zunehmend orientierungslosen Tanz auf der Tafel vollführt. Johann lacht, die Kollegin, die gerade mit dem Rauchen aufgehört hat, bricht ab. Johann bietet ihr eine Zigarette an und sie genießt das Laster, das sie gerade hinter sich lassen wollte.

Nebenbei erzählt sie ihm, dass sie seine, heimlich geschriebenen, Gedichte nicht gut und nicht schlecht, sondern (Katastrophe für Johann) mittelmäßig fand und lässt bei ihrem Abgang sein Manuskript an der Tür zurück. Er ist tief gekränkt.

Johann (Erland Josephson) ist mit Marianne (Liv Ullmann), einer Rechtsanwältin, verheiratet und die beiden führen eine vorbildliche Ehe, haben es, als Traumpaar, sogar in eine Magazin geschafft. Von da an kommt es „Szene für Szene“ zum Zusammenbruch ihrer ehelichen Beziehung.

Es ist leicht zu erraten. Es geht um das Ehedrama „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1973. Nicht gerade neu, nicht gerade originell.

Wie verfolgt man einen Punkt, der sich nicht bewegt?

Während der Betrachtung einer Stubenfliege, die nervös um eine Lichtquelle kreist, dürfte die Flugbahn dem Tanz des Ehepaares gleichen, das sich in dem Drama verloren oder überhaupt noch nicht gefunden hat.

Johann leidet eminent unter seiner Mittelmäßigkeit und Marianne gesteht in einer späteren Szene beim Lesen ihrer Tagebuchaufzeichnungen, dass sie sich immer nur anpassen, anderen gefallen wollte. Sie sei ein hässliches Kind gewesen und dabei streng erzogen worden. Während sie das vorliest, schläft Johann ein.

Marianne ist gekränkt und schickt Johann, der sich bereits vor einiger Zeit von ihr getrennt hatte, fort. Die Sprache in welcher der Untergang dieser Ehe sich vollzieht, ist geschliffen.

Trotz dieser Intelligenz hat keiner von beiden eine Idee, wer er selbst ist.

Marianne hat im Vorspiel zum Drama eine Mandantin, die sich nach zwanzig Jahren Ehe ohne ersichtlichen Grund scheiden lassen will. „Es fehlte die Liebe“. Die Frau wirkt bei dieser Aussage sichtlich unbewegt in Mimik und Gestik, nur ihre Hände reibt sie gegeneinander, wie ein eingeschüchtertes Kind. Die Kamera übernimmt dann ihren Blick und schaut auf die geöffneten Hände, entdeckt dabei nichts.

Sie wolle lieber einsam sein, als weiter in einer Ehe ohne Liebe zu leben.

Szenen der Hoffnungslosigkeit, der sich die Protagonisten nicht geschlagen geben wollen, aber müssen. Am Ende hat Marianne einen Albtraum, in dem sie ihre Familie anfassen will, aber keine Hände hat. Mit ihren Beinen steckt sie im Sand fest. Sie fragt Johann, der mit ihr in das Ferienhaus eines Freundes gefahren ist, weil sie ihr eigenes Landhaus nicht mehr ertragen, ob es zu spät sei? Er bestätigt es und das Ehepaar, das schon seit ein paar Jahren geschieden ist und mit neuen Partnern lebt, sich aber immer noch für heimliche Wochenenden miteinander trifft, hält sich verzweifelt aneinander fest.

Psychische Analphabeten nennt Johann sich und alle anderen, wir haben ein großartiges Wissen und eine faszinierende Kultur, aber wüssten nichts über uns selbst.

An anderer Stelle klagt er, erkennbar alkoholisiert darüber, dass er Fünfundvierzig sei und keine Zukunft habe, der (berufliche) Abstieg habe für ihn längst begonnen.

Unser Selbst ist eine Projektion

Selbstlosigkeit findet sich in diesem Film vor allem in Form des Verlustes, bildet Identitätskrisen ab und kennzeichnet Depressionen.

Wie viel von unserem Selbst liegt in der Zukunft und was lässt sich noch bewegen? Sich selbst auf die Zukunft zu projizieren, wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger, was unser Selbst bedroht. Die Idee von einem falschen Selbst, dass nur abgeschüttelt werden muss, um das wahre Selbst zu finden, ist eine Illusion.Das wahre Selbst gibt es nicht, man landet im Nichts oder in einer unauflösbaren Sackgasse. Ein Problem, das schon Goethe in seinem Faust beschrieben hat. „Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.“

Was die eigene “Welt im innersten zusammenhält?”

Nichts, außer dem panischen Antrieb, der Leere zu entgehen.

Unser Selbst ist in Wirklichkeit eine Projektion, wie der Punkt, der sich nicht bewegt und den man immer verfehlt. Es findet bestenfalls als Illusion in einer gewünschten Zukfunft halt. In der Gegenwart sind wir ständig bestrebt, uns mit etwas anzufüllen, weil sonst die innere Leere droht. Enge Beziehungen stellen die Chance dar, wenigstens zeitweise aus dieser Leere zu entkommen.

Der Punkt, der sich nicht bewegt, ist das Nichts.

Alles andere ist besser. Sowohl bei Goethe, als auch bei Bergman.

Sich dieser Leere stellen zu können, ist eine buddistische Heldentat.

Bei Bergman aber, geht es zur Sache. Von falschen Selbstbildern ist die Rede. Die jeweils eigenen Emanzipationserfolge der beiden werden triumphal gegen den anderen gerichtet und dadurch falsifiziert.

Schlimmer, als allein zu sein, geht es nicht.  Dann lieber ein endloses Beziehungsdrama?

Bergmanns Film war in den Siebzigern ein Kassenschlager. „Szenen einer Ehe“ wurde zum geflügelten Wort für Ehekrisen und Trennungen. Das Zeitalter des Individualismus begann.

Heute wissen wir, dass der Individualismus gescheitert ist. Das Selbst ist mit sich selbst heillos überfordert und das Ich sucht wie eh und je nach dem Du und vor allem nach dem Wir.

In der Werbung sehen wir junge Singles, die einen perfekten Nestbau hinlegen und dafür den perfekten Partner suchen. „Jetzt fehlst nur noch DU!“ Ein Grad von Narzissmus, der eine, auf Hochglanz, gestylte, innere Leere und Hilflosigkeit überdecken muss, und in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat.

Existentielle Wahrheiten sind heute weniger akzeptiert, als zu Beginn der Siebziger, wo die Partner sich auch mal betrinken, um wenigstens ein bisschen von ihrem inneren Chaos rauslassen zu können. Zwischen Johann und Marianne endet das in Kränkung, Gewalt und Scheidung.

Gibt es irgendeinen Grund, diesen Film heute, im Jahr 2018, zu besprechen?

Vielleicht nicht. Allerdings erzeugt das Drama eine „Beziehungsdichte“, die gerade heute Hoffnung machen sollte, dass langjährige Liebesbeziehungen noch möglich sind. Johann und Marianne liegen sich am Ende des Films in den Armen, wenn auch verzweifelt. Längst geschieden und in neuen Lebenssituationen, halten sie sich immer noch aneinander fest und versichern sich, nun schon zwanzig Jahre zusammen zu sein. Herrlich absurd und doch so wahr!

Fast könnte man sagen, sie sind sich zu nah gekommen und können sich nun nicht mehr voneinander lösen.

Eine schöne Vorstellung, die man als Ersatz für Liebe gerne akzeptieren möchte, wenn man aus Erfahrung weiß, wie selten das geschieht. Beim abschließenden Geständnis, dass sie wohl niemals geliebt haben, sind sie sich so nah, wie in keinem Augenblick zuvor. Sie haben sich getroffen, in einem fremden Haus in dunkler Nacht.

Fast möchte man zwei Menschen, die miteinander an diesen Punkt gekommen sind, ein endloses Beziehungsdrama bis zu ihrem Lebensende wünschen. Sicher, ein paradoxes Märchen von dem niemand träumt.

Aber was sind die heutigen Alternativen?

Abgrenzung, Konsequenz und Trennung, damit man für die Illusion einer perfekten Beziehung weiterleben kann, sich weiterhin auf diesen imaginären Punkt namens Liebe ausrichten kann? Meist wird dasselbe Spiel mit anderen Partnern wiederholt.

Ein Single-Dasein, das in den frühen Siebzigern noch weniger häufig war, als heute?

Emanzipation, sich aus den Händen anderer zu begeben und Abhängigkeiten zu lösen, kann zu der Erkenntnis führen, dass man mit leeren Händen oder auch ganz ohne Hände dasteht.

Am Ende des Filmes spürt man, dass Johann und Marianne zusammengehören. Man möchte das dann nicht mehr ändern, auch wenn es zuvor Szenen gab, in denen man laut schreien wollte: „Nun trennt Euch doch endlich!“

Wie verfolgt man einen Punkt, der sich nicht bewegt?

Man hält inne. Man wartet ab. Mit Wohlwollen, Ruhe und Geduld. Es wird sich schon etwas ergeben.