Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

La Traviata in der Komischen Oper Berlin.

Sagen wir es gleich ganz ehrlich: Die Inszenierung ist durchgefallen, in der Kritik. Das Publikum hat zum Schluss begeistert getrommelt, war aber kein Premierenpublikum.

Die komische Oper Berlin ist ein Raum für sich. Der Verfremdungseffekt ist quasi eingebaut. Das nüchterne Foyer und die Baukastenatmosphäre, die das Theater ausstrahlt, werden durch die grandiose Treppe in die Ränge und den neo-neo barocken Opernsaal so extrem kitschig kontrastiert, dass man sich in Umkehrung des brechtschen Mottos angesprochen fühlt: „Nun glotzt doch endlich romantisch!“

Verdis La Traviata ist natürlich ziemlich gut dafür. Die Inszenierung von Nicola Raab eigentlich auch, wenn man bereit war, sich an den vielen bruchstückhaften und unterbrechenden Momenten der Aufführung entlang zu hangeln. Ich war bereits nach Kurzem dazu bereit, weil dieser sagenhafte Klangkörper, der zu mir heraufbrandete, dem Treibgut der Inszenierung diesen wirren Zusammenhang gab, den man brauchte, um sich hinzugeben.

Ja, die Inszenierung war ein Traum!

Nach Freud war alles vorhanden. Vom Tagesrest bis zum latenten Traumgedanken und das Gefühl kam, dank Verdi, wirklich nicht zu kurz. Ein intellektueller Genuss war es aber nicht.

Es waren auch eher Theaterbilder, die dort gezeigt wurden, künstlerisch teilweise gelungen und ergänzt durch Klangexperimente, die manchmal so wirkten, als müssten sie sein, in dieser Oper des „Fin de Siècle“. Egal. So kann man tatsächlich träumen.

Ehrlich gesagt habe ich mich nicht geärgert, dass ich die billigen Karten genommen habe, weil es da unten nicht immer so interessant war. Ich habe also nicht bereut, dass ich manches nicht gesehen habe.

Ich habe mich hingegeben. Fühlte mich manchmal wie am Meer, wenn diese emotionale Musik aufbrandete. Dann kamen uns die Tränen. Ich sage das übersubjektiv, weil die Taschentücher trotz aller Verfremdungseffekte durch die Reihen zogen, wie weiße Fahnen. Gnade! Wir geben auf! Wir können nicht mehr, schien das zu signalisieren. Nur ein paar junge Leute vor mir blieben stoisch distanziert und versuchten offensichtlich zu verstehen, was da stattfand.

Mit dem Kopf natürlich. Was für ein aussichtsloses Unterfangen!

Natalya Pavlova von der Petersburger Staatsoper und Ivan Magri waren musikalisch perfekt, stimmlich äußerst farbig und engagiert und absolut in ihrer Rolle. Der Bariton, Günter Papendell, der als Vater von Alfredo, gleichzeitig der Tod der Kurtisane Violetta war und auch so stimmgewaltig und zugleich zärtlich auf der Bühne brillierte, bekam einen tosenden Applaus. Es gab musikalisch überhaupt nichts zu meckern, was die Kritiker in der Premiere wohl anders sahen. Wir waren aber nicht in der Premiere.

Am Ende zeigte mir meine Frau ihre Handtasche, die innen mit jeder Menge benutzter Taschentücher gefüllt war. Ich selbst fühlte mich, wie nach einer sehr wichtigen und intensiven Therapiestunde. Ausgelaugt, aber irgendwie befreit!

Der Abend hat gelohnt. Die Inszenierung war durch viele Brüche gekennzeichnet. Aber dafür wurde sie für mich rückblickend sehr eindringlich. Wie ein besonderer Traum eben.

Ich habe mir den Trailer der Inszenierung im Januar an der Staatsoper Berlin angesehen. Na bitte, da kommt sie wieder, La Traviata, wie wir sie kennen. Sinnlich, fleischlich und tragisch mit großen Namen (Barenboim und Domingo). Da werden bestimmt alle Erwartungen erfüllt.

https://www.staatsoper-berlin.de/de/veranstaltungen/la-traviata.8/