Sönke Paulsen, Berlin

„Liberale Muslime sind all diejenigen, die sich ohne Wenn und Aber zu den Menschenrechten und zum Grundgesetz bekennen. Die Scharia-Vorschriften, die dem widersprechen, lehnen sie ab“ (Ralph Ghadban, Islamwissenschaftler)

Eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützte Initiative fortschrittlicher Muslime, zwar, aber im Rahmen der etablierten Islam-Organisationen in Deutschland eine immer noch weniger konservative Gruppe, hat die Gründung eines Muslimischen Forums Deutschland, als Gegenentwurf zu den konservativen Islamverbänden gewagt.

Ein guter Schritt in die richtige Richtung, wenn man sich anhört, was das Ziel des Forums ist. Es ginge um die Darstellung des vielfältigen Gesichtes des Islams und auch um die Ermutigung zu einem Islam nach deutscher Lebenswirklichkeit.

Obwohl die Gründung des Forums für viele Deutsche, die schon am Zusammenleben mit vorwiegend türkischstämmigen Moslems, die immer konservativer und intoleranter werden, verzweifelt sind, eine Erleichterung sein muss, wird das Forum von den religiösen Hauptverbänden, (KRM) und seinen Mitgliedsverbänden, dem Zentralrat der Muslime (ZDM), dem Islamrat, dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) eher nicht begrüßt.

Die Zusammenarbeit mit einem der Köpfe dieses Forums,  Mouhamad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster, wird beispielsweise durch den Dachverband Koordinationsrat der Muslime (KRM) ausdrücklich abgelehnt, weil er eine Theologie der Barmherzigkeit des Islams vertritt, welche nach Meinung vieler konservativer Muslime nicht im Vordergrund stehen sollte. Vermutlich ist der Gedanke der Barmherzigkeit diesen Vertretern des Islams zu christlich.

Zumindest ist diese Neugründung ein kleines Licht in der Dunkelheit, in der die islamischen Verbände in Deutschland weiterhin eine unterschwellige Verweigerung gegen die europäische Kultur und die Toleranz gegenüber anderen Religionen betreiben.

Die Betonung der Vielfalt des Islams, welche sich das Forum zur Aufgabe gemacht hat, kann auch dazu dienen, die derzeitige deprimierende Entwicklung der Türkei zu einem Land des politischen Islam mit sunnitischer Dominanz ein Stück weit vergessen zu machen. Denn, was im letzten Jahr an Unterstützung für Islamisten in der Türkei zu beobachten war, kann schon beunruhigen.  Die Tatsache, dass die meisten Anhänger des Islamischen Staates ebenfalls Sunniten sind, verschärft diesen Verdacht eher noch.

Auch für die Politik wäre ein liberaler Islam in Deutschland und Europa eine wirkliche Erleichterung, weil genau dies der Teil ist, den Menschen islamischen Glaubens dazu beitragen können, dass die Ressentiments gegen den Islam in Deutschland und Europa nicht weiter ansteigen. Dies steht angesichts von jüngeren Studien des „Pew-Research-Centers“ tatsächlich zu befürchten. Eine Grafik, welche die Entwicklung der Intoleranz der deutschen Bevölkerung gegen religiöse Minderheiten (dazu zählt vor allem der Islam) zeigt, demonstriert anhand des Verlaufes eines „Social Hostiliy Indicators“ die Labilität in der Einstellung der Bevölkerung hierzulande, was religiöse Minderheiten angeht. Dagegen nimmt sich das dargestellte „restriktive Regierungshandeln“ der Government Restriktion Index noch vergleichsweise harmlos aus. Er steigt allerdings auch von 2007 bis 2013 kontinuierlich an.

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Grafik: Gedächtnisbüro 2015

Ein ähnliches Bild zeigt die Analyse übrigens in Frankreich:

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Grafik: Gedächtnisbüro 2015

Eine Wende in dieser beunruhigenden Entwicklung sollte auch aus der islamischen Bevölkerung kommen. Rückzug, Ablehnung und unterschwellige Feindschaft sind nicht die richtigen Antworten.