Sönke Paulsen, Gedächnisbüro Berlin

Man kann darüber denken, was man will, wenn deutsche Spitzenpolitiker auf dem Höhepunkt der Brexit-Krise in Großbritannien, einen offenen Brief an die Times schicken, in dem sie die Briten bitten, sich den Brexit nochmal zu überlegen und „bei uns“ zu bleiben.

Es bleibt und ist aber ein seltsames Politikverständnis, wenn die CDU-Chefin und künftige Kanzlermacherin Kramp-Karrenbauer einer solchen Initiative von den Grünen und einigen Unionspolitikern, sowie Personen aus Wirtschaft und öffentlichem Leben, folgt.

Die erste Frage, die sich stellt, ist, wer den Brief nun eigentlich geschrieben hat. Die Deutschen? Oder nur ein paar politische Persönlichkeiten? Immerhin hochgestellte Funktionsträger in unserem Land.

In den sozialen Netzwerken gibt es wenig deutsche Gegenliebe für diesen Brief. Man weiß auch nicht genau, welche Umfrage den dringenden Wunsch der Deutschen, die Briten mögen doch in der EU bleiben, überzeugend abbildet.

Oder ist das egal?

Vielleicht ist das egal. Aber wer den Brief liest, stellt schnell fest, dass es um die lieben Briten nur am Rande geht. Die sentimentalen Äußerungen, dass man doch weiterhin in den Pub gehen möchte, um Ale zu trinken und Tee mit Milch, wie es die Engländer machen, haben mit dem Brexit nichts zu tun. Schließlich haben die Engländer ja nicht beschlossen, Segel zu setzten und die Inselgruppe auf den Atlantik hinauszusteuern.

Nein, der Liebesbrief in der Times ist eigentlich eine Liebeserklärung an die EU, welche bei einem tatsächlichen Ausstieg der Briten einen unwahrscheinlichen Imageschaden erleiden würde. Wie soll man die Abspaltung der östlichen Visegrad-Staaten zu einer eigenständigen politischen Macht innerhalb des europäischen Binnenmarktes denn dann noch verhindern, wenn die Briten schon erfolgreich ausgestiegen sind?

Die Signale aus Großbritannien sind verheerend für Brüssel!

An der EU scheiden sich die Geister. Viele halten sie inzwischen für ein Elitenprojekt, das von eben diesen Eliten als absolut alternativlose betrachtet wird. Was bedeutet, dass die EU nicht abgewählt werden kann. Die Briten haben aber genau das getan: Sie haben die EU abgewählt und damit bewiesen, dass Brüssel eben nicht alternativlos dasteht.

Was wird nun aus diesem Elitenprojekt, das den Völkern nur noch richtig vermitteln werden müsste, damit es akzeptiert wird? Auch in Polen, Ungarn, Serbien, Griechenland und Spanien? Auch in Frankreich, wo der Aufstand der Gelben Westen eben auch eine Rebellion, gegen eine EU der Reichen ist, für die der eigene Präsident, Macron, steht, wie fast kein Zweiter.

Vor kurzem noch hat Frank Walter Steinmeier als Bundespräsident flammende Reden gehalten, wie sehr sich die europäische Jugend für die EU begeistert. Nun steht die Jugend schon wieder auf der Straße, diesmal in Frankreich und lässt sich wohl nicht so leicht niederdrücken, wie die Jugend in Spanien und Griechenland. Diese begeisterte Jugend, die mit zweistelligen Arbeitslosenraten kämpft.

Das Fazit ist bitter.

Die EU-Verteidiger von oben haben massiv an Glaubwürdigkeit verloren und die EU-Verteidiger von unten, mit Verlaub, die gibt es einfach nicht!

Wer denkt, dass unsere europäischen Führer und Verfechter der EU in Politik, Wirtschaft und Kultur nun nachdenklich geworden sind und überlegen, wo die Fehler liegen, wie man die EU umbauen müsste, damit sie breitere Akzeptanz findet, der irrt ganz gewaltig.

Nein, Schuld am Zerfall der EU sind nicht diejenigen, die diese Konstruktion jahrelang mit dem Endziel der Vereinigten Staaten von Europa auf den Weg gebracht haben und weiterhin in flammenden Reden die hohen Werte preisen sowie die krasse soziale Ungerechtigkeit und Bevormundung in Kauf nehmen.

Schuld, sind allein die Rechtspopulisten, die die EU zerstören wollen. Wenn das als Grund nicht reicht, dann ist eben auch noch Wladimir Putin schuld, der all diese rechtspopulistischen Bewegungen in Europa steuert. Der russische Präsident, der in der Ukraine der EU den ersten und schmerzlichsten Sargnagel eingeschlagen hat. Es folgten weitere Sargnägel. Schuld an den bösen Kommentaren gegen die EU und gegen diesen Liebesbrief sind tausende von russischen Trollen, die die sozialen Netzwerke unterwandert haben.

Schuld sind die anderen, dann stimmt das Weltbild wieder!

Schuld sind natürlich die Rechtspopulisten mit ihrem „fast totalitärem Wahrheitsanspruch“, wenn man unseren Medien glauben darf. Brüssel hat natürlich überhaupt keinen totalitären Wahrheitsanspruch und die Verteidiger der Alternativlosigkeit dieses Staatenbündnisses haben diesen Anspruch auch nicht.

Ja richtig! Mit so einem Mind-Set kann man nur noch Liebebriefe schreiben, weil man den Kopf völlig vernebelt von andalusischem Wein und britischem Ale auf alles konzentrieren kann, aber nicht auf die nüchterne Realität eines vollkommen zerstrittenen Bündnisses.

Zerstritten ist die EU vor allem, wegen ihrer extrem ungleichen Machtverteilung, wegen ihrer kulturellen Intoleranz und einer moralischen Hybris, die jeden normalen Menschen vor Schreck erstarren lässt. Zerstritten ist die EU, weil sie von Leuten dominiert wird, deren größtes Ziel es ist, andere zu bevormunden und gleichzuschalten, wie man am Kampf gegen Polen und Ungarn aktuell und am Kampf gegen die Südeuropäer seit der Eurokrise gut erkennen kann.

Wer ist hier also totalitär?

Insofern fast ein Geständnis, nun einen Liebesbrief an die Briten zu schreiben, ganz ohne Rückhalt im eigenen Volk. Wie sagt man so schön über Verliebte?

Sie wollen bedingungslos lieben und geliebt werden.

Totalitarismus pur also.