Dellwo

Karl Heinz Dellwo im Gespräch mit Michael Krons (Scrrenshot)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Was man vom Ex-Terrorist, Karl Heinz Dellwo, über heutige „Ex-Linke“ lernen kann.

Inzwischen ist es vielen aufgefallen, dass wir es nicht nur mit einer breiten westlichen Elite zu tun haben, die neoliberal denkt, also Freiheit und liberale Werte im Sinne der kapitalistischen Verwertungslogik interpretiert, sondern, dass diese Eliten ganz überwiegend ihre ersten Schritte in den kulturellen und politischen Umbrüchen der sechziger und siebziger Jahre gemacht haben. Nicht wenige von ihnen, waren damals radikale Linke, Anarchisten und sympathisierten in Deutschland, klammheimlich, mit Terrororganisationen wie der RAF.

Die Steinwürfe von Joschka Fischer sind längst vergessen. Die wilde Zeit ist vorbei.

Es ist allerdings kein rein deutsches Phänomen, dass es ehemalige „Revolutionäre“ in den westlichen Ländern mit der Jahrtausendwende an die Macht geschafft haben oder den gesellschaftlichen Diskurs maßgeblich dominieren konnten.

Auch in den USA gab es einen Marsch durch die Institutionen

In den USA sind die Demokraten mit Politikern wie den Clintons mit ehemaligen Linken äußerst prominent besetzt, während die Republikaner in Ihrer Politik von Neokonservativen dominiert werden, die ebenfalls auf eine extreme linke Tradition zurückgeführt werden können, welche bis in die zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts zurückreicht. Die Neocons, welche die amerikanische Politik besonders in der Bush-Ära beeinflussen konnten, haben sich inzwischen auch bei den Demokraten etabliert und bilden somit in den USA ein Zwei-Parteien-Netzwerk, das auch unter der Präsidentschaft Obamas erheblichen Einfluss ausübte.

In Deutschland finden sich ehemals linke „Ex-Revolutionäre“ vor allem noch bei den Grünen und in Teilen der SPD und ein paar Sektierer bei den westlichen Ablegern der Partei „die Linke“.

Vor allem aber haben diese ehemaligen Linken ihren „Marsch durch die Institutionen“ in zwei Sektoren äußerst erfolgreich durchgeführt, in den Medien und im Bildungsbereich.

Dies gilt sowohl für die USA, als auch für Deutschland und es gibt intensive Verbindungen zwischen den Sektoren Politik, Medien und Bildung, die vor allem auf die politische Ähnlichkeit qua Herkunft und Mentalität zwischen den neuen Mächtigen zurückzuführen sind. Diese haben die alten Netzwerke zwischen Amerika und Deutschland genutzt und ihnen neue Netzwerke hinzugefügt, so dass man letztlich von einer amerikanisch-deutschen, politischen Mentalität sprechen kann, welche durch die „Kinder der Kulturrevolution“ im Westen dominiert ist. Gemeinsame Wurzeln in derselben Subkultur, gemeinsame Werte und ähnliche politische und berufliche Werdegänge verbinden dabei genauso, wie der gemeinsame, ehemals linke Denkraum.

Es macht also Sinn, sich die Grundlagen politischen Denkens anzuschauen, die in den sechziger und siebziger Jahren von der Studentenrevolte bis zum Linksterrorismus gelegt wurden (für beide politische Erscheinungsformen gibt es heute noch viele Leute im „Neuen Establishment“, die auf ihre damalige Mitwirkung offen oder auch nur klammheimlich Stolz sind).

Alles Nazis außer uns!

Den allgemein anerkannten Denkraum der Studentenrevolte beschreibt der Ex-RAF-Terrorist, Karl Heinz Dellwo in einem bei Phönix veröffentlichten Interview mit Michael Krons. Er stellt, wenn auch mit wenig kritischer Distanz, dar, in welchem Umfang die Legitimation der Bewegung aus dem Postulat einer nationalsozialistischen Mehrheitsgesellschaft nach 1945 abgeleitet wurde. Im Prinzip wurden der Autoritarismus, die Disziplin, die Verdrängung und Verleugnung, die Lebenseinstellungen der Kleinbürger, der (manipulierte) Rechtsstaat, die sexuelle Unterdrückung (besonders der Frauen), die Entpolitisierung, die Ablehnung der individuellen Freiheit und das Prinzip der kapitalistischen Verwertbarkeit des Menschen in einem engen Zusammenhang mit der angenommenen mehrheitlichen Verankerung der deutschen Gesellschaft im Nationalsozialismus gesehen. Es reichte damals völlig aus, eines dieser angeblichen braunen „soft-signs“ zu haben, um in diese Kategorie zu fallen.

Dellwo beschreibt, wie die Grundeinstellungen des Nationalsozialismus in der damaligen Bundesrepublik weiter dominant gewesen seien, ohne dass sich jemand getraut hätte, noch „Heil Hitler“ zu rufen. Dieses Gesellschaftsbild, das tatsächlich zur Hauptideologie der Linken in der Studentenrevolte wurde, führte dazu (was Dellwo natürlich nicht ganz so sieht) dass jeder, der nicht links und progressiv war, im Verdacht stand, ein Alt-Nazi zu sein.

Systemkonforme Einstellungen in der Bundesrepublik gerieten ebenfalls schnell in den Geruch des Nationalsozialismus und eine wesentlicher Teil der Anti-Springer-Kampagne in den sechziger und siebziger Jahren beruhte auf der Unterstellung, dass die Springer-Presse die logische Fortsetzung der braunen Propagandamedien der Nazis darstellte.

Damit man nach dieser Ideologie, die später auch zur Legitimation der Roten-Armee-Fraktion führte, Nazi war, reichte es aus, konservative Werte zu vertreten, beispielsweiser Disziplin und Ordnung zu fordern, sich autoritärer Einstellungen verdächtig zu machen oder einfach nur, ein politischer Gegner zu sein, der die Inhalte der linken Bewegung ablehnte.

Auch Jahrzehnte später, nach der Integration des Springer-Konzerns in diese ehemalige linke „kritische“ Öffentlichkeit, hat sich dieses Freund-Feind-Schema bei den Linken bis heute gehalten. Es führt immer wieder dazu, dass politische Gegner unter vollkommen absurden Umständen, als Nazis oder verkappte Nazis dargestellt werden.

Diesen Hintergrund muss man sich klar machen, wenn SPD-Politiker, Medienleute, aber auch Grüne Stiftungen, alles, was nicht in das eigene Weltbild passt, als rechts, rechtsradikal, nationalistisch, faschistisch, rassistisch oder gar nationalsozialistisch beschimpfen. Es handelt sich bei diesen Reflexen um ein erlerntes und erfolgreiches Verhalten der Protestgeneration, mit dem, seit den siebziger Jahren, linkes Terrain markiert und somit linke Hegemonie behauptet wird.

Die Linken haben damals  alles, was nicht zu ihnen gehörte, unter einen braunen Generalverdacht gestellt. Das ist teilweise auch heute noch so.

Einen solchen Umgang mit politischen Gegnern findet man auch heute noch bei den ehemaligen Linken und in der links gefärbten, neoliberalen Mitte unserer politischen und medialen , so genannten kritischen Öffentlichkeit, die sich ideologisch stark auf die Zeit der Studentenrevolte bezieht. Wer nationale Werte, Familie, kulturelle Identität als Deutscher oder christlich abendländische Werte betont, wer sich gegen Zuwanderung partiell abgrenzen will oder einfach nur auf die Zusammenhänge von multikultureller Ideologie und neoliberaler Globalisierung hinweist, wie es beispielsweise die AfD tut, wird schnell des braunen Denkens bezichtigt und als verkappter Nazi dargestellt.

Heutige Auswirkungen auf den politischen Diskurs der ehemaligen Linken

Der Vorwurf des Populismus kommt hier ebenfalls nicht ohne Anleihen aus der radikalen Ideologie der Linken Bewegung in den sechziger und siebziger Jahren aus. Er bezieht sich darauf, dass Populismus letztlich bedeutet, mit Versatzstücken der Naziideologie zu arbeiten, auch wenn dies gleichzeitig unterstellen muss, dass die Deutschen nach wie vor im Kern „Nazis“ sind.

Ein gravierender Unterschied zwischen dem Verhalten und der Einstellung so genannter Linker damals und heute besteht allerdings darin, dass in den Siebzigern das System angeklagt wurde und heute das System als unvermeidlich betrachtet wird, dafür aber das Volk als Gegner betrachtet wird. Eine Reihe von öffentlichen Äußerungen legt das nahe, wobei Gabriels „Pack“ wohl nur die Spitze eines Eisberges darstellt.

Karl Heinz Dellwo, zieht in dem Phönix-Interview zwar keinen Vergleich zu dem heutigen gesellschaftlichen Diskurs, bringt am Ende aber als Beispiel der kapitalistischen Verwertungslogik und der, von den Linken damals intendierten, Abwehr braunen Gedankengutes und brauner Mentalität eben jene populistischen Politiker zur Sprache, welche die braune Grundfärbung des Volkes, hüben wie drüben, zum Vorschein bringen, zuvorderst den gewählten, amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der nach dieser Darstellungsweise eben auch ein „Nazi“ ist.

Kürzlich schrieb Jakob Augstein, dass Donald Trump ein „Faschist“ sei, kurz zuvor schrieb er eine Kolumne, dass Trump vielleicht der Präsidentschaftskandidat sei, der mehr als seine Mitbewerberin den Frieden (auch mit Russland) wolle.

Vielleicht würde Augstein (in seiner ganzen, sympathischen Widersprüchlichkeit), sich wundern, wie sehr er sich mit seiner Argumentation mit der des Ex-Terroristen Dellwo überschneidet.

Sein Vater, Rudolf Augstein, hat mit eben dieser Art des Diskurses zu Zeiten der Studentenrevolte den Spiegel groß und erfolgreich gemacht.

Der linke Denkraum, in dem alles als braun bezeichnet wird, was nicht der eigenen Ideologie entspricht, ist die Welt, in der der Spiegel sich heute noch bewegt. Jakob Augstein aber, bewegt sich in teilweise kritischer Distanz zu den Ex-Linken und erkennt, dass der Frieden möglicherweise eher von rechts, als von links kommen könnte. Auch in anderen Artikeln konterkarierte er wiederholt die aggressive Grundstimmung ehemaliger Linker in Politik und Medien, gegen alle, die ihr Weltbild so nicht stehen lassen wollen und den Widerspruch wagen.

Agitprop – Probates Mittel der Agitation und Propaganda

Am Vorabend der Radikalisierung der Studentenrevolte und der Entstehung der Baader-Meinhof-Gruppe, beschreibt Karl Heinz Dellwo die Erfahrung, dass Agitation und Propaganda nicht ausreichten, um gegen einen System zu kämpfen, dass auch vor Mord nicht zurückschreckte.

Bekanntlich war Dellwo Mitglied des „Kommandos Holger Meins“, der im Hungerstreik gegen seine Haft, 1974 starb, was dem Staat von den Linken als Mord ausgelegt wurde. Das Kommando Holger Meins war namentlich erst nach dessen Tod und als Reaktion auf diesen „Mord“ entstanden und überfiel 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm. Während dieses Terroraktes wurden Geiseln genommen und zwei deutsche Diplomaten quasi exekutiert.

Interessant ist nun die Begründung für diese Radikalisierung an der Dellwo teilnahm. Der Staat hätte nun nicht mehr vor tödlicher Gewalt gegen die linke Bewegung abgesehen, was sich ja schon am Tod von Benno Ohnesorg, dem Attentat auf Rudi Dutschke und der „Ermordung“ von Holger Meins durch die deutschen Behörden gezeigt hatte.

Unterm Strich addiert Dellwo drei Einzelfälle mit unterschiedlichem Hintergrund zu einer Tat, mit der das System quasi systematisch die linke Bewegung radikalisiert habe und wohl auch radikalisieren wollte.

Mit dieser Pars-Pro-Toto-Argumentation, mit der die überwiegend rechtsstaatliche Reaktion, einer damals sozialdemokratischen Regierung auf die Linke Protestbewegung, in das Gegenteil eines totalitären Staates, der mit Waffengewalt gegen seine Opposition kämpft, verkehrt wird, befindet sich Dellwo in bester Gesellschaft mit Lenin.

In einem Brief an Martynow schrieb Lenin über das Thema Agitation und Propaganda:

„Der Agitator hingegen, der über die gleiche Frage spricht, wird das allen seinen Hörern bekannteste und krasseste Beispiel herausgreifen – z. B. den Hungertod einer arbeitslosen Familie, die Zunahme der Bettelei usw. – und wird alle seine Bemühungen darauf richten, auf Grund dieser allen bekannten Tatsache der „Masse“ eine Idee zu vermitteln: die Idee von der Sinnlosigkeit des Widerspruchs zwischen der Zunahme des Reichtums und der Zunahme des Elends, er wird bemüht sein, in der Masse Unzufriedenheit und Empörung über diese schreiende Ungerechtigkeit zu wecken, während er die restlose Erklärung des Ursprungs dieses Widerspruchs dem Propagandisten überlassen wird.“

Es geht also darum aus Einzelfällen Beweise dafür abzuleiten, wie ungerecht, brutal und unmenschlich ein System gegen die Bevölkerung vorgeht. Genau das war die Denkweise, mit der Holger Meins zum Opfer der Behörden und sein Hungertod zum Mord stilisiert wurde. Diese Darstellung hatte damals in der linken Protestbewegung eine breite Akzeptanz.

Nach der Diktion der damaligen linken Propaganda ließen sich eine ganze Reihe von Zuspitzungen und Radikalisierungen im Kampf gegen den im Prinzip „faschistischen Staat“ aus solchen Einzelfällen ableiten und fassten in der Bewegung Fuß. So wurde nach dem Tod von Benno Ohnesorg während einer Anti-Schah-Demonstration ein Polizeistaat deklariert. Die Polizisten galten als Schweine und spätestens mit dem Tod von Holger Meins fasste auch der Begriff vom „Schweine-System“ ziemlich breiten Fuß in der linken Protestbewegung.

Später, als sich Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin in Stammheim umbrachten, weil die Entführung der Landshut-Maschine durch deren Erstürmung  beendet wurde und auf diese Weise der Versuch scheiterte, die Führung der RAF freizupressen, wurde wieder von Mord gesprochen. (Tatsächlich wurde an diesem Tag aber Hans Martin Schleyer ermordet, und zwar von der RAF)

Bekanntestes Beispiel, wie sehr sich die linke Bewegung darin gefiel, dem Staat Mord vorzuwerfen, waren die damaligen RAF-Anwälte Christian Ströbele (Grüne) und Otto Schily (SPD). Die Mordlegende hielt sich bis in die heutige Zeit und es ergibt weiterhin auch vom Spiegel (Stefan Aust) mit getragene und einer breiten Öffentlichkeit zugeführte Reportagen über die Schuld der Behörden am Tod der drei RAF-Mitglieder. Hier wurde von Suiziden unter staatlicher Aufsicht gesprochen und eine Tötungsabsicht der Behörden noch im Jahr 2007 unterstellt.

Agitprop damals wie heute – Die Akteure sind fast dieselben

Die Macht dieses spezifisch linken „Story Tellings“ und der gezielten Setzung von Begriffen („Mord“ statt „Suizid“), um politische Gegner propagandistisch zu diskreditieren, findet sich auch heute noch bei den ehemaligen Linken in Politik und Medien.

Die Form wirkt etwas abgeschwächt, aber die Diktion ist prinzipiell dieselbe.

So wird derzeit gegen den Kreml agiert, dem seit Jahren alle politischen Morde in Russland unterstellt werden, ohne dass Beweise dafür vorgebracht werden können. Aber auch der Versuch, die Bewegungen gegen islamische Migration in Europa und Parteien, wie die AfD, als Brandstifter und geistige Vorbereiter von Anschlägen gegen Flüchtlingsunterkünfte darzustellen, gehört zu dieser Form der Manipulation.

Schließlich wird die Berichterstattung aus der Ukraine und aus Syrien massiv von solchen propagandistischen Begriffssetzungen beeinflusst, die sich wiederum gegen Russland richten. Während die Belagerung Mossuls durch die Anti-IS-Koalition neutral und sachlich beschrieben wird, gibt es in Aleppo nur zwei „Schlächter“, die die „größte humanitäre Katastrophe“ der letzten Jahre provozieren. Das sind Putin und Assad. Kein Wort von den Grausamkeiten der islamistischen Rebellen in Ost-Aleppo, kein Wort über die Geiselnahme an der Zivilbevölkerung in Aleppo durch die Rebellen. Auch kein Wort darüber, wer diese Rebellen unterstützt. Die Schweine stehen fest. Die RAF und der Agitprop senden späte Grüße aus dem Spiegel-Hochhaus in Hamburg.

Aber Vorsicht!

Der Unterschied zwischen den heutigen Ex-Linken und den Protestlern und Terroristen damals ist, dass heute das System nicht mehr kritisiert wird, sondern das Volk, dass weiterhin zu unpolitisch, zu undifferenziert und unverbesserlich auf rechten Standpunkten beharrt. Da ist die Nazi-Keule, wie gesagt, nicht weit.

Echte Kapitalismuskritik ist im etablierten ehemals linken Spektrum eine absolute Rarität. Sie kommt so gut wie gar nicht mehr vor.

Aber auch von rechts gibt es keine Kapitalismuskritik. Die AfD beschränkt sich darauf, die Eliten anzugreifen, will das System aber nicht abschaffen, ja noch nicht einmal substantiell ändern.

Bei einem Aufstand gegen das System, muss man nicht wissen, was danach kommt

Der Denkraum der Interventionisten rekurriert auf die linke Bewegung der sechziger und siebziger Jahre und betont die Ablehnung von Systemen, schließt aber die Verantwortung für das „Danach“ kategorisch aus.

Mit Bezug auf Marcuse und Adorno erwähnt Dellwo gegenüber Krons, dass es für eine Ablehnung des Systems, also auch im Falle einer Revolution kein vorbestimmtes „Danach“ geben kann. Es sei fast schon unwesentlich, was danach kommt, entscheidend ist die Verneinung des Systems. Die gesellschaftliche Dialektik wird alles andere erweisen.

Eine Grundüberzeugung die bei vielen Linken in den sechziger und siebziger Jahren bestand und einen deutlichen Unterschied zu den Auffassungen von Marx und Lenin machte. Es geht also nicht um eine Vision oder ein vorbestimmtes Gesellschaftsmodell. Es geht viel eher um ein Experiment. Mit einem Aufstand wird „Tabula Rasa“ gemacht und geschaut, was danach kommt.

Besser könnte man das Prinzip der Ex-Linken Interventionisten in den Kreisen der amerikanischen Neokonservativen, Neoliberalen und den deutschen Grünen nicht beschreiben. Tatsächlich lassen sich nur auf diese Weise Interventionen in Staaten, die nach westlichen Maßstäben nicht demokratisch sind, rechtfertigen.

Gleichgültig ob eine zivilgesellschaftlicher Aufstand, eine Farbenrevolution, ein (Militär-) Putsch, ein Wirtschaftskrieg oder eine militärische Intervention gerechtfertigt werden muss. Die Frage, was danach kommt, darf bei den links geprägten Medien und Politikern gerne offen bleiben. Marcuse und Adorno haben das schließlich theoretisch begründet.

Eine solche Grundeinstellung macht Außenpolitik gegenüber autoritären Staaten mittels Streichholz und Benzinkanister möglich.

Denn die Verantwortlichkeit für die Folgen zerstörter Staatlichkeit liegt bereits aus systemtheoretischen Erwägungen nicht bei den Provokateuren von Aufständen, den Organisatoren von Regime-Changes und den Aggressoren bei militärischen Interventionen, wenn man nur genügend plausibel darstellen kann, dass die Menschen ihre Fesseln abwerfen wollten, befreit werden mussten oder einfach nur (wie es im Programm der Grünen heißt) durch schlechte Regierungsführung belästigt wurden.

Ein Grund findet sich immer, denn Systeme sind aus der Sicht enttäuschter Linker, schlecht!

Für viele ehemals linke Politiker, die sich im Denkraum der linken Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre orientierten, reichen abstrakte Begriffe wie Freiheit, Demokratie, Liberalität oder Toleranz vollkommen aus, um die Verwüstung ganzer Landstriche durch von außen maßgeblich angezettelte Aufstände, Revolutionen, Bürgerkriege und Putschversuche, aber auch militärisch herbeigeführte Systemzerstörungen, zu rechtfertigen. Die Grünen stellen hier eine ebenso drastisches Beispiel dieser aggressiven Außenpolitik dar, wie Teile der amerikanischen Demokraten, zu denen natürlich auch Hilary Clinton zählt.

Das ist im Prinzip nichts anderes, als eine schön gefärbte Variante des Denkens, mit dem die RAF durch Terror das bundesrepublikanische „Schweine-System“ beseitigen wollte. Die ehemaligen Linken ersparen sich durch dieses „offene“ Denken auch den Vergleich mit gescheiterten Utopien, wie den Sozialismus-Kommunismus. Man hält einfach alles offen, ohne sich verantwortlich fühlen zu müssen und wenn dann ein Islamisches Kalifat errichtet wird oder ein Land wie die Ukraine, langsam verhungert, kann es sich dabei nur um ein Durchgangsstadium zu etwas ganz neuem handeln, das die Menschen letztlich schon glücklich machen wird (zumindest diejenigen, die das überleben).

Interventionisten und Kapitalisten sind ein eingespieltes Team

Der westliche Interventionismus, der global zunehmend Verwüstungen und Zerstörungen hinterlässt, beruht zwar nicht ausschließlich auf den erwähnten systemtheoretischen Grausamkeiten, mit denen sich die linken Bewegungen ihrer Verantwortung für die Gesellschaft entzog, ist aber wesentlich durch diesen Denkraum geprägt.

Natürlich geht es gleichzeitig um die Zerstörung von Staaten, in denen dann die Karten für westliche Marktteilnehmer, sprich Konzerne, neu gemischt werden können.

Wohl niemand steht sinnbildlicher für diese gemeinsamen Interessen von ehemals linken Interventionisten und dem Finanzkapitalismus, wie George Soros, der seine Wechselpolitik zwischen Revolutionsromantik und eiskalter Marktbereinigung, im Sinne einer „Shoc-Doctrine“ im eigenen Interesse seit Jahren in Osteuropa und im Nahen Osten betreibt.

Den meisten politisch Verantwortlichen in der westlichen Welt, die Interventionismus unterstützen, fällt es sehr leicht, das Leid der Bevölkerungen grundsätzlich den systemerhaltenden Kräften, angegriffener autokratischer Regierungen, vorzuwerfen. Denn die eigene Beteiligung am Zerfall eines Staates mit seinen ganzen katastrophalen Folgen, kann man mit ideologischen, missionarischen oder einfach den erwähnten systemtheoretischen Erwägungen von Marcuse und Adorno zur Seite wischen.

Entsprechend leicht fällt es auch den links dominierten westlichen Medien grundsätzlich den systemerhaltenden Kräften von angegriffenen Staaten alle Schuld zuzuschieben.

Letztlich folgt die interventionistische Zerstörung von Staaten durch unsere ehemals linken Eliten derselben Logik, der auch die RAF folgte, die sich im Kampf gegen das bundesrepublikanische „Schweine-System“ radikalisierte. Es ist eine Logik der Verantwortungslosigkeit!

Man muss anerkennen, dass jede Generation ihre eigenen mentalen Grenzen hat. Wer in bestimmten Denkräumen aufwächst, bestimmte gesellschaftliche Diskurse in jungen Jahren verinnerlicht hat, bleibt dadurch geprägt. Somit taugt das Interview von Dellwo, das ich weiter gedacht habe, nicht dazu, eine ganze Generation von alt gewordenen Protestlern zu diskreditieren.

Erforderlich bleibt jedoch, die Wirklichkeitsverzerrungen zu zeigen, die ehemalige Linke auch heute noch, wo sie sich teilweise in Regierungsverantwortung befinden, aufrechterhalten. Die seltsame Verantwortungslosigkeit, die insbesondere bei den Grünen, die maßgeblich an den tragischen Ereignissen in Osteuropa in den letzten Jahren beteiligt waren und den Regime-Change in Kiew an der Seite von George Soros unterstützten, aufrecht erhalten wird, ist so ein Beispiel der Unfähigkeit, Schuld zu empfinden.

Ganz ähnlich scheint es bei den amerikanischen Demokraten zu sein, die ähnlich wie die Grünen in Europa in Libyen und Syrien große Anteile an der Entstehung der verheerenden Bürgerkriege hatten. Auch hier kann man tagelang in amerikanischen Medien recherchieren. Man findet bei den Demokraten nicht einmal die Andeutung eines Schuldgefühls für die Destabilisierung des Nahen Ostens.

Auch aus Brüssel gibt es keinerlei Bedauern über die jahrelang betriebene Eskalationspolitik gegen Russland. Alle Expansionsbewegungen der EU nach Osten werden mit der großen Attraktivität der EU legitimiert. Die Manipulationen, die stattgefunden haben, bis hin zur Unterstützung eines Putsches, seien nicht der Rede wert gewesen.

Das ist Politik, die „schuldunfähig“ ist, in bester Tradition der linken Bewegung der sechziger und siebziger Jahre, die das Schuldeingeständnis nur von anderen hören wollte. Das ist letztlich auch Politik im Geiste der Roten Armee Fraktion, die bekanntlich ebenfalls über Leichen ging, weil dies zur Befreiung des Menschen angeblich notwendig gewesen sei.