Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Nach anfänglichem Scheitern ebneten sich sowohl Adolf Hitler, als auch Recep Erdogan den Weg zur Allmacht über die demokratischen Institutionen. Die Demokratie wurde dabei zum Schutzschild für die angehenden Diktatoren!

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Dieses Zitat hatte den überzeugten Islamisten Recep Erdogan im Jahr 1998 zehn Monate Gefängnis eingebracht. Der Vorwurf war, zum Hass gegen den Staat und die Demokratie aufgestachelt zu haben. Auffallend war bis dahin, dass Erdogan seit seiner Jugend von einer radial islamistischen Partei in die nächste wechselte und zwar immer dann, wenn die Vorgängerpartei verboten worden war.

Man kann über den türkischen Präsidenten sagen, was man will. Ein unbelehrbarer Islamist, der die Herrschaft der Scharia in der Türkei durchsetzen will, war der Politiker, der eigentlich 1998 lebenslanges Politikverbot erhalten hatte, immer.

Diesen glühenden Hass auf die Demokratie teilt Erdogan zweifelsohne mit Adolf Hitler, der genau wie sein türkischer Kollege einen längeren Weg durch demokratische Institutionen nehmen musste, um letztlich zum unumschränkten Diktator werden zu können. Die Lehrjahre im Gefängnis, die bei Erdogan letztlich nur 4 Monate waren, teilen beide ebenso, wie eine Phase nach der Strafe, in der beide, Hitler und Erdogan zunächst etwas gemäßigter erschienen. In der Haft jedoch schrieb Hitler sein Manifest und Erdogan formte seinen Entschluss, die Türkei zu einer religiösen Diktatur zu formen, mit ihm als Diktator an der Spitze.

Es gibt jedoch noch eine ganze Reihe von anderen Parallelen zwischen dem deutschen Diktator und dem türkischen Diktator in Spe.

Der Hass auf die Kurden erreicht bei Erdogan einen Grad, der an Hitlers Judenhass erinnert.

Erdogan hatte in seiner gesamten politischen Laufbahn ein ängstlich gespanntes Verhältnis zur türkischen Armee, die den Laizismus, die Trennung zwischen Kirche und Staat hartnäckig verteidigte. Es gibt politische Einschätzungen, dass der türkische Politiker nur deshalb sein Land näher an Europa und die Nato herangeführt hat, um den Einfluss der Armee im Inland zu schwächen und das Risiko von der Armee entmachtet zu werden, minimieren zu können. So absurd es klingt, die Diktatur des Islamisten Erdogan hatte einen traditionellen Gegenspieler, die türkische Militärdiktatur, die immer wieder drohte.

Bei Hitler bestand ein ebenfalls stark ambivalentes Verhältnis zur deutschen Armee mit erheblichen Ängsten, von dieser an der Machtergreifung gehindert zu werden. Er zog es daher vor, sich als ziviler Politiker zu tarnen und über den Reichstag mit gehörigem Abstand von allen erneuten Putschversuchen an die Macht zu gelangen. Die Zerstörung des Parlamentes war der gefährlichste Akt für den Diktator, weil hier am ehesten ein Putsch der Reichswehr gegen die nationalsozialistische Machtergreifung zu erwarten war. Am Ende, war es auch die die Deutsche Wehrmacht, aus der das einzige wirkungsvolle Attentat gegen Hitler durchgeführt wurde.

Auch Erdogan muss die demokratischen Institutionen und das türkische Parlament jetzt nicht mehr fürchten nur die Armee kann ihm noch gefährlich werden. Deren Führung hat er allerding mit höchst loyalen Leuten besetzt, die teilweise aus seinem eigenen Familienklan kommen.

Schließlich scheint sich eine Parallele in der Machtergreifung Hitlers und Erdogans bei der Reaktion der internationalen Öffentlichkeit anzubahnen. Ähnlich dem deutschen Diktator hat auch Erdogan ein untrügliches Gespür für die Schwachstellen der europäischen Demokratien und nutzt diese gnadenlos aus. Hitler nutzte die europäische Uneinigkeit für die Annexionen, die er am Vorabend des zweiten Weltkrieges durchsetzte. Erdogan nutzt die Flüchtlingswaffe und das Desaster in der arabischen Welt, um europäische Regierungen weich zu klopfen.

Beide Diktatoren, Erdogan und Hitler stellten sich in dieser Phase ihrer Machtentwicklung janusköpfig dar. Erdogan als großzügiger Gastgeber für über zwei Millionen syrische Flüchtlinge, während er hinten herum die Kurden bombardiert, den Islamischen Staat unterstützt und die Demokratie in der Türkei zerstört.

Hitler als Garant gegen den „jüdischen Bolschewismus“ in dem er sich als Beschützer des europäischen Kapitals und der vom Bolschewismus bedrohten Länder darstellte. Während Hitler 1936 die Olympischen Spiele nach Berlin holte, kann Erdogan derzeit allerdings nur auf den Flüchtlingsgipfel der UN in Istanbul und intensive freundliche Besuche der deutschen Kanzlerin verweisen. Dennoch ein erster Schritt zur Legitimation seiner Verbrechen, die er derzeit an der kurdischen aber auch an der syrischen Bevölkerung verübt, für die die Grenze zur Türkei alles andere als durchlässig ist. Die Syrer haben ihren politischen Zweck erfüllt und werden nun vor den Toren der Türkei hilflos liegen gelassen, bzw. von der türkischen Luftwaffe inzwischen mutmaßlich bombardiert.

Sowohl bei Hitler, als auch bei Erdogan kuschten die europäischen Nachbarstaaten, als die Führer ihre Macht immer unbedingter zementierten und sich immer klarer gegen die Demokratie wandten. Gegen Hitler standen die Europäer erst auf, als er schon halb Europa besetzt hatte. Mal sehen, wie lange es bei Recep Erdogan dauert?