Merkutin

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro-Berlin

Merkels Reise nach Moskau an diesem Sonntag wurde in den russischen Medien stark beachtet, in unseren Medien auch. Dabei galt in Russland vor allem das Symbol, dass Merkel noch einmal für unsere deutschen Verbrechen an den Völkern der Sowjetunion das Haupt gesenkt hat, einiges mehr, als Merkels Vorwurf an Putins Adresse, dass die Annexion der Krim vor einem Jahr verbrecherisch und völkerrechtswidrig gewesen sei.

So konnte sich zumindest jeder die deutsche Kanzlerin heraussuchen, die er haben wollte, die Merkel, welche sich der Schuld der Deutschen bewusst ist und auf der anderen Seite die Kanzlerin, die Klartext mit dem russischen Präsidenten redet.

Dennoch erschienen kurz nach der Pressekonferenz eine Reihe russischsprachiger Zeitungen mit dem Aufmacher, dass Merkel die Annexion der Krim als verbrecherisch bezeichnet hat, der Kreml diesen Begriff in dem Transskript der Pressekonferenz aber verschwieg. Der Affront scheint gesessen zu haben und den Veröffentlichungen zur Folge scheinen viele Russen sich des Verbrechens, das ihr Land begangen hat, gar nicht bewusst zu sein.

Das bisschen Krim scheinen viele zu denken. Die Deutschen aber sehen das anders.

Was aber darüber nicht untergehen sollte, ist die intensive Beziehung der deutschen Regierungschefin und des russischen Staatsoberhauptes, die man auf sich wirken lassen sollte. Kein Lächeln, keine überflüssige Floskel, aber gespannte Aufmerksamkeit füreinander. Diese Art der Arbeitsbeziehung haben Merkel und Putin bei ihrer gestrigen Pressekonferenz in Moskau perfekt aber auch glaubwürdig dargestellt.

Angesichts der harschen Vorwürfe der Kanzlerin können sich viele Russen jetzt wenigstens damit trösten, dass die Deutschen noch viel schlimmere Dinge angerichtet haben, wenn auch vor vielen Jahren. Putin gelingt es allerdings geschickt daran anzuknüpfen und darzustellen, dass auch der Umsturz in Kiew verbrecherisch war, ohne dieses Wort nur zu benutzen. Eine Steilvorlage dafür gab ihm die Frage des ARD-Korrespondenten Udo Lilieschkis, der nun ausgerechnet den Sender repräsentiert, der im Jahr 2014 die zweifelhafteste Berichterstattung über die Ukraine-Krise abgeliefert hatte und sich deshalb mehrfach korrigieren musste, um nicht am Ende endgültig als transatlantischer Propagandasender abgestempelt zu werden.

Die Deutschen neigen also auch zu Fehlern, damals wie heute.

Nichts desto trotz scheint es in der Beziehung zwischen Merkel und Putin nicht mehr darum zu gehen, wer Recht hat, sondern um den Auftrag, den beide Repräsentanten von ihren Völkern haben, die deutsch-russischen Beziehungen wieder in Ordnung zu bringen. Dieser Auftrag ist eindeutig und bestimmt die Beziehung der beiden – ihre Arbeitsbeziehung eben.

Die Konsolidierung der russisch-deutschen Beziehungen kann aber nur über die Lösung der Ukraine-Krise gehen, die immer noch in weiter Ferne liegt. Da gibt es ja auch noch die Ukraine selbst mit ihren ganzen widersprüchlichen Akteuren und es gibt die weltpolitische Spannungslage zwischen West und Ost. Kein einfacher Job also, aber einer, bei dem man sich bei Merkel und Putin irgendwie in guten Händen fühlt. Mir geht das wenigstens so.

Denn eines ist sicher.

Wenn etwas in dieser desolaten und schlafwandlerischen Eskalation von chronischen Konflikten in und um die Ukraine gehalten hat, dann sind es die deutsch-russischen Beziehungen. Da gibt es nichts zu deuteln, weil es gerade Merkel und Putin sind, die trotz abgrundtiefer Verärgerung weiter zusammen arbeiten. Das gilt übrigens für eine ganze Reihe von Akteuren der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland und selbstverständlich gilt das auch für die Franzosen, die in dieser Krise ebenso engagiert gegen eine weitere Eskalation eintreten.

Es gibt also Hoffnung, auch für die Ukraine, wenn auch auf einem elendig langem Weg, dessen Ziel aber für uns Deutsche die territoriale Integrität und Souveränität der Ukraine sein muss, auch wenn sich momentan niemand vorstellen kann, wie dieses zerbrochene Land wieder zusammengefügt werden soll.

Hoffen wir also, dass die Arbeitsbeziehung zwischen Merkel und Putin weiterhin so ernsthaft, spannungsreich und freudlos fortgesetzt wird, wie es nötig ist, um wieder gemeinsamen Boden unter die Füße zu bekommen.

Den Wortlaut der Pressekonferenz vom 10.5.2015 gibt es bei der Bundesregierung und die ernsten Gesichter bei  RT.