Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Der thüringische Ministerpräsident Thomas Kemmerich wird wohl nun sein Amt zurückgeben, weil sich die anderen bürgerlichen Parteien so empört haben, dass auch Christian Lindner seine schützende Hand nicht mehr über seinen Landeschef halten kann.

Angestrebt werden nun Neuwahlen.

Man kann das Politik-Drama um die Macht in Thüringen, bei dem die AfD die Chance genutzt hatte, als Königsmacher zu fungieren, in verschiedener Weise interpretieren. Das geschieht gerade in den Medien. Abgesprochen oder nicht, ein Skandal sei es in jedem Falle oder eine Schande für die Demokratie. Unverzeihlich laut Merkel, die gerade in Südafrika weilt.

Man kann allerdings auch die Botschaft herauslesen, die beim Wähler ankommt. Genau genommen handelt es sich um eine ganze Kaskade von Botschaften, an deren Ende eine schallende Ohrfeige der etablierten Parteien an die Thüringer Wähler nicht zu überhören ist:

Ihr habt falsch gewählt! Wählt noch einmal!

Die Hoffnung, dass diese Botschaft der Regierungspartei und den anderen Parteien, die nicht mit ihr koalieren können oder wollen (SPD zu klein, Grüne zu klein, CDU politisch zu weit entfernt, FDP politisch Lichtjahre von den Linken entfernt) irgendwie zu Gute kommt, hat wohl keiner mehr.

In den empörten Parteien weiß man, dass ihre Empörung bei den Thüringern nicht verfangen wird. Sie sind schwer zu manipulieren. Sie werden neu wählen, wenn man sie zwingt. Aber dann wohl nicht die Union und auch nicht die anderen Parteien, die das Problem mit der AfD lösen wollen, indem sie diese neue Volkspartei im Osten als faschistisch bezeichnet, ihren Landeschef gar als Nazi.

Diese beispiellos verlogene Diffamierungskampagne ist der eigentliche Schaden für die Demokratie. Die Wähler wissen das.

Die Thüringer haben viel Revolutionsgeist bewiesen. Ausgerechnet auf den relativen Wahlerfolg der NSDAP 1930 zu verweisen, wie Bodo Ramelow das tat, greift viel zu kurz. Die Bauernaufstände, die Reformation und die Gründung der Weimarer Republik, des ersten demokratischen Staates auf deutschem Boden, fanden in Thüringen statt. Die Nationalversammlung fand übrigens heute vor genau 101 Jahren in Weimar statt.

Der Versuch, die Thüringer nun auf ein rechtsradikales Völkchen von zweieinhalb Millionen zu reduzieren, ist schon mehr als eine Unverschämtheit.

Genau dieser Versuch wird von den bürgerlichen Parteien aber gerade unternommen, nicht nur von der Linken, die mit ihrem NSDAP-Vergleich den Vogel abschoss.

Im fanatischen Versuch, den Wählerwillen, der die AfD als zweitstärkste Kraft in den Landtag geschickt hat, zu ignorieren, ist nicht nur die Regierungsbildung in Thüringen gescheitert. Es ist zu einer kompletten Umkehrung des Wählerwillens in zwei Akten gekommen.

Erster Akt: Die Linke ist zwar stärkste Partei, findet aber keine hinreichend starken Koalitionspartner.

Zweiter Akt: Das Lager rechts der Mitte sperrt die zweitgrößte Partei (AfD) bei der Regierungsbildung aus.

Dritter Akt: Die kleinste Partei stellt den Ministerpräsidenten, indem der sich von der AfD mitwählen lässt, ohne mit ihr politisch zusammenarbeiten zu wollen.

Ausgerechnet ein FDP-Mann kam mit dieser Verdrehung des Wählerwillens an das Amt des Ministerpräsidenten.

Armes Thüringen!

Das kleine und politisch aufgeklärte Land ist zum Kriegsschauplatz politischer Grabenkämpfe geworden und gleichzeitig hat man die thüringischen Wähler in ihrem politischen Willen (Links mit der Linken oder rechts mit der AfD) diskreditiert und damit politisch abgewählt.

Eine Neuwahl gibt den derart schlecht behandelten Thüringern die Chance, sich zu rächen.

Die Prognose lautet:

AfD jetzt bei 30 Prozent und mehr.

Mal sehen.