Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Assange wurde in seinem Exil in der Botschaft von Ecuador unter den Augen der Öffentlichkeit systematisch kaputt gemacht. Das ist Folter zu der alle geschwiegen haben, die Verantwortung trugen.

Es konnte einen schon kalt erwischen, wenn man sich ansah, was für ein Mann gestern aus der Botschaft in Ecuador herausgetragen wurde. Blass, mit wirren, nicht geschnittenen Haaren und einem langen Bart, der kaum noch das Gesicht erkennen ließ. Aber die Augen waren scharf und blitzen in die Kamera.

Dennoch darf man nicht von einem psychisch gesunden Julian Assange ausgehen, der nun in einem britischen Gefängnis sitzt. Etwa seit März 2018 befand sich der Wikileaksgründer überwiegend in Isolationshaft in einem Zimmer ohne Sonne. Besuche wurden ihm häufig verweigert und das Internet abgestellt. Assange wurde das Bett abgenommen und er schlief seitdem auf einer Yogamatte. Ihm wurde die Heizung abgestellt, so dass die Regisseurin, Angela Richter ihn im Winter in einer dicken Daunenjacke vorfand, abgemagert und fröstelnd. Sie war eine der wenigen, die eine Besuchserlaubnis für Assange bekam.

In einem Gefängnis wäre eine solche Behandlung, zumindest in unseren westlichen Gesellschaften, ein ausgewachsener Skandal. Die UN würde sofort Foltervorwürfe (Isolation, Kälte, fehlendes Tageslicht) gegen den betreffenden Staat richten, die Medien würden Sturm laufen.

Im Falle von Assange geschah von all dem nichts. Die Medien schwiegen und hatten sich auf das Bild eines psychopathischen Narzissten geeinigt, für den ganz offensichtlich keine Strafe zu schrecklich sein kann. Die Eiseskälte und der Zynismus, die einem quasi Häftling entgegengebracht wurden, der durch immer unmenschlichere Bedingungen aus der Botschaft in die Hände der Amerikaner getrieben werden sollte, spotten jeder Beschreibung. Sie weisen auf eine manipulierte Öffentlichkeit hin, die in Hinsicht auf humanes Denken gegenüber einem, der es sich erlaubt hatte, Macht über das Internet auszuüben, indem er die Wahrheit veröffentlichte, auf ein ganz dunkles und tief braunes Niveau abgesunken ist. Keine Einfühlung für Julian Assange! Er hätte verrecken können, kann es noch immer.

Jetzt, wo er von britischen Polizisten aus der Botschaft getragen wurde, beschwert sich der Präsident Ecuadors über Assanges unhöfliches und aggressives Verhalten, seine zunehmende Verwahrlosung. Er habe sogar die Wände seines Zimmers mit Kot beschmiert!

Was von der Bildzeitung, die diese Äußerungen genüsslich kolportiert, natürlich nicht erwähnt wird, weil es dort keine journalistische Sorgfaltspflicht gibt, ist, dass genau dieses Verhalten bekannt ist.

Es ist das Verhalten von schwer deprivierten Häftlingen und Heimbewohnern, die auf Grund ihrer Bedingungen eine schwere Depression entwickelt haben. Diese äußert sich in untypisch aggressiven Symptomen bis hin zum häufigen Schmieren mit dem eigenen Kot, weil es von außen keinerlei Einfühlung für die schlimme psychische Lage dieser Menschen gibt. Folgerichtig traten solche Erkrankungen in Foltergefängnissen und in Heimen mit unmenschlichen Bedingungen besonders häufig auf und wurden seltener, als Heime intensiver beaufsichtigt wurden und die medizinische Versorgung sich dort besserte, als Folter in Gefängnissen unterbunden wurde.

Faktisch sind das Verhältnisse, die wir aus Zeiten des Nationalsozialismus kennen und wir wissen, wohin diese Unmenschlichkeit gegenüber Abhängigen letztlich geführt hat.

Assange ist unter den Bedingungen die die Botschaft in London für ihn künstlich verschlechtert hat, schwer gesundheitlich geschädigt worden. In wie weit seine Organe geschädigt sind, müssen Ärzte klären, aber bitte auch, wie es psychisch um ihn steht. Er ist ein Folteropfer der westlichen Demokratie und dürfte das nicht unbeschadet überstanden haben.

Das Entsetzen über eine solche Behandlung unter den Augen einer teilnahmslosen oder gar applaudierenden Öffentlichkeit ist so groß, dass es den eigenen Glauben an die Menschlichkeit unserer Gesellschaft erschlagen muss.

Mein Glaube (und ich habe schon viel gesehen) wurde jedenfalls durch den Fall Assange erschlagen. Es gibt kein Vertrauen mehr und es gibt nur noch die Option, gesellschaftliche Repräsentanten aus Politik, Judikative und kritischer Öffentlichkeit (Medien), die so etwas zugelassen haben und immer noch zulassen, in Zukunft kompromisslos zu bekämpfen!