Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die kartellrechtlich bedenkliche Fusion der beiden Megakonzerne im Agrochemie-Bereich (Bayer) und der Saatgutproduktion (Monsanto) ist in den USA auch noch nicht in trockenen Tüchern. Allerdings gibt es hier erfolgreiche Klagen, teilweise dreistellige Millionenbeträge als Entschädigung für an Krebs erkrankte Kläger. Unter Verdacht steht das Glyphosphat, das bei uns derzeit den Insekten den Garaus macht, wenn auch nicht allein. Alle nikotinartigen Schädlingsbekämpfungsmittel stehen ebenfalls unter Verdacht, das Nervensystem von Insekten zu schädigen.

Jedenfalls fällt die Bayer-Aktie derzeit kräftig und das beruhigt diejenigen, die gegen die Verstagen in Brüssel Sturm gelaufen sind. Die Wettbewerbskommissarin hat die Fusion möglich gemacht, wenn auch unter Auflagen.

Die ganze Sache passt ganz gut zur europäischen Agrarpolitik, die auf industrielle Landwirtschaft setzt, obwohl zu Zeiten der letzten großen Agrarreform (GAP) anderes behauptet wurde. Unterm Strich sind seit dieser Reform die kleinen Bauern für den Umweltschutz zuständig und die großen für die landwirtschaftliche Massenproduktion auf Teufel komm raus. Das nennt man einen Kompromiss! Dafür bekommen die Betriebe von über 100 Hektar Größe etwa 80% der Subventionen aus Brüssel.

Ganz nebenbei machen wir mit unseren subventionierten europäischen, landwirtschaftlichen Produkten die kleinen Agrarbetriebe in den Entwicklungsländern kaputt. Wir haben das wohl nötig, weil in der EU der Anteil der Landwirtschaft am Sozialprodukt so um die 5% liegt. In einigen Ländern höher, sicher, aber gerade dort wird am wenigsten von den Subventionen profitiert. Den Löwenanteil bekommen Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland und Frankreich.

Vielleicht mit Ausnahme der häufig mafiösen Müllgeschäfte in der EU ist wohl in keinem Sektor die Moral so schwach ausgeprägt wie in der europäischen Agrarmafia. Egal ob Chemie, Subventionen, Massentierhaltung, Landgrabbing in Osteuropa. Hier hat ein Komplex von Lobbys die gesamte europäische Union fest im Griff. Nicht einmal die Finanzmärkte können Brüssel so nachhaltig zu Ungunsten der europäischen Bürger beeinflussen, wie die Agrarindustrie. Aber Vorsicht! Gerade die Finanzmärkte treiben das Geschehen, von der Megafusion der Chemieriesen bis zum Ausverkauf der Böden in Europa. Überall sind die großen Fonds mit im Spiel, gewinnen Marktmacht und treiben die Preise.

Am Ende sollte man die EU allein schon wegen dieser extrem undemokratischen und menschenfeindlichen Wirtschaftsentwicklung auf unserem Kontinent zur Verantwortung ziehen und wie ein wucherndes Gestrüpp aus Interessen und Stakeholdern, Korruption und Machtfülle, kräftig zurückschneiden!