Sachartschenko screenshot

Sachartschenko nahm Anfang des Jahres in einem RT-Intetrview seinen Tod indirekt vorweg. Ahnte er etwas von dem Anschlag?

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die russischen Reaktionen auf das tödliche Sprengstoffattentat in einem Donezker Café sind bemerkenswert. Der Kreml stellt die derzeitigen Gespräche zum Minsk-II-Abkommen ein und Wladimir Putin selbst spricht von einer „Provokation“. Der Anschlag wird der ukrainischen Regierung angelastet, obwohl auch einige andere Varianten denkbar, sogar wahrscheinlich sind.

Bemerkenswert, wie das sonst eher weichgespülte deutsche Internetmedium Sputnik, das regierungsnah berichtet, reagiert. Putin wird zitiert, unter anderem mit dem Satz: Man versuche „das Volk des Donbass in die Knie zu zwingen“, was aber nicht gelingen würde. Das alte sozialistische Pathos lebt in solchen Äußerungen wieder auf, ein Pathos von dem sowohl die Donezker Volksrepublik lebt, als auch die Volksrepublik Lugansk. Neben diesem Pathos gab es in den letzten vier Jahren vor allem Armut, Repression, einschließlich den aus der Sowjetzeit berüchtigten GUALGs und einem Geheimdienst, der KGB-gesteuert, die gute alte Sowjetinstitution des Folterkellers in Donezk wieder aufleben ließ.

Soweit zu den Annehmlichkeiten für das  „Volk des Donbass“, das keinerlei Chancen hat, sich gegen die russische Besatzung zu wehren und vermutlich auch die nächsten Jahre noch in dieser postsowjetischen Theaterrepublik leben muss.

Alles andere, was es aus dem politischen Leben der Volksrepubliken zu berichten gibt, hat mit Intrigen, Gewalt und Mord zu tun. Dabei ist allerdings die DVR in der Regierungszeit von Sachartschenko relativ stabil geblieben, während die brutaleren Machtkämpfe in Lugansk stattfanden.

Der ehemalige Regierungschef, Igor Plotnitzki, war schon so gut wie tot, als sein Fahrzeug im Jahr 2016 auf eine Landmine fuhr, erholte sich aber wieder und konnte, anders als seine Vorgänger  seitdem mehrere Machtkämpfe überleben. Den letzten Machtkampf mit dem Kreml allerdings überlebte er mutmaßlich nur, weil er Ende 2017 zurücktrat. Der eigene Kurs des Machthabers hatte sogar zu militärischen Interaktionen mit der Volksrepublik Donezk geführt, von wo bewaffnete Kräfte nach Lugansk vorgerückt waren. Dennoch war Plotnitzki nur bedingt proukrainisch eingestellt. Sein proklamierter Sonderweg der Rückkehr der Region Lugansk in die Ukraine war wohl von eigenen Machtinteressen bestimmt, bei denen er mehr auf Kiew als auf Moskau setzte.. Für den Führer einer Theater-Republik nicht gerade bekömmlich.

Sein Nachfolger wurde Leonid Pasechnik, der derzeit ernannter Präsident der LNR ist, wobei schwer zu sagen ist, wer ihn ernannt hat. Das Führungsgremium, der Volksrat von Lugansk, der aus 38 Mitgliedern besteht, hat zwar dem Abschied von Plotnitzki zugestimmt, hüllt sich aber über eine evtl. Wahl von Paeschnik in Schweigen. Möglicherweise wollte eben dieses Gremium in dem Plotnitzki lange eine Mehrheit hatte, den Vorgaben des KGB und des Kremls nicht einfach zustimmen? Die Sache bleibt nebulös.

Die Donezker Volksrepublik blieb unter Sachartschenko dagegen sehr moskautreu und musste das wohl auch, weil nördlich von Donezk bis heute eine wichtige Frontlinie verläuft, die immer noch umkämpft ist. Allerdings war der immerhin gewählte Chef von Donezk so ziemlich das Gegenteil von Plotnitzki. Sachartschenko wollte aus der Donezker Republik unbedingt eine russische Teilrepublik machen und zog sich dabei etliche Feinde, nicht nur in Kiew, sondern auch in Lugansk und in Donezk selbst zu.

Von der Mafia über die ukrainischen Oligarchen, die eine Verstaatlichung ihrer Unternehmen fürchteten, bis zum ukrainischen Geheimdienst und der CIA hatten viele ein Motiv ihn zu töten, aber es gibt keine konkreten Anhaltspunkte. Die einzigen, denen man die Sache nicht in die Schuhe schieben kann, sind die Russen – die hätten andere Mittel gehabt, Sachartschenko abzuberufen, wie sie mehrfach seit 2014 demonstriert haben.

Derzeit wird im Umfeld der Leibwächter und seiner politischen Mitarbeiter und Freunde ermittelt, weil der Aufenthaltsort Sachartschenkos, eben wegen der Anschlagsgefahr, normalerweise geheim gehalten wurde.

Die Möglichkeit, dass dieses Umfeld auch von ukrainischen Geheimdiensten infiltriert war, besteht tatsächlich. Anschläge gegen Sachartschenko und andere Seperatistenführer gab es in Donezk allerdings schon jede Menge. Von einer internen Opposition gegen Sachartschenko in Donezk selbst (die nicht aus Lugansk kommt und auch nicht aus Kiew) war jedoch wenig zu hören.

Neuer Interimspräsident wird der bisherige Stellvertreter und gebürtige Russe, Trapesnikow, der auch als grauer Kardinal von Donezk bezeichnet wurde. Interessant bei dieser Entwicklung ist, dass eben auch ein interner Machtkampf, der gut unter dem Deckel gehalten wurde, für diese Entwicklung verantwortlich sein könnte.

Warum sonst droht der Tschetschenische Präsident, Kadyrov,  den Donezkern heute direkte Unterstützung an? Es gibt diverse und von den Menschen im Donbass gefürchtete, kleinere Tschetschenische Einheiten, die immer noch in der DVR und LNR operieren. Diese machen nach tschetschenischer Manier ihre eigenen Geschäfte, sind aber auch über Kadyrov an Russland angebunden. Von der Bevölkerung werden diese Kampfgruppen aus dem Kaukasus mehr oder weniger als Terrorgruppen verstanden. Wenn Sputnik jetzt diese indirekte  Drohung Kadyrovs , als Hilfsangebot mäßig verschleiert, nach Donezk schickt, dann liegt ein Machtkampf mit Moskau eben doch nicht so fern, wie es zu Regierungszeiten von Sachartschenko schien.

Die Entwicklung bleibt jetzt abzuwarten.