Infizierte RKI

Zahlen RKI, Grafik Gedächtnisbüro

 

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

So dramatisch wie möglich werden die Fallzahlen von den Medien dargestellt. Gleichzeitig wird die Bevölkerung aufgefordert, Ruhe zu bewahren.

Die Verwirrung um die Zahlen des Robert-Koch-Instituts, die angeblich immer viel zu niedrig sind, ist zum guten Teil auf die Selbstzähler in unserer Medienlandschaft zurückzuführen. So haben NTV, Morgenpost und andere Blätter eigene Erhebungen, die grundsätzlich versuchen, den Vogel abzuschießen.

Bedenklich an dieser Entwicklung ist, dass sogar die viel zitierte Hopkins-Universität auf die Zahlen deutscher Medien (Morgenpost) zurückgreift und nicht auf die offiziellen Zahlen des RKI.

Was steckt dahinter?

Dem Robert-Koch Institut wird vorgeworfen, abzuwiegeln und zu langsam an die tagesaktuellen Zahlen zu kommen, das Meldesystem ist zu schwerfällig.

Seltsamerweise kommt das RKI aber nie auf die Zahlen, die von Morgenpost, NTV und Hopkins berichtet werden, auch nach der Nachmeldung von Fällen der Landesämter nicht. Das RKI hat immer andere Zahlen. Mag sein, dass das tatsächlich durch das elektronische Meldesystem bedingt ist. Aber die Gleichmäßigkeit des Fehlers hebt hier die Qualität der Statistik.

Trends kann man leider nicht durch einen Wettbewerb, wer die höchste Zahl hat, analysieren. Für Trends braucht man möglichst immer die gleiche Konstellation der Quellen und Meldefrequenzen, man braucht auch immer dieselben Stichzeitpunkte, sonst läuft einem die Statistik quer.

Das RKI macht das in seiner stoischen Art und Weise sehr richtig und veröffentlicht die Zahlen von 0.00 Uhr des neuen Tages immer um 10.00. Dadurch lassen sich Trends einigermaßen realistisch abschätzen.

Die Trends sind positiv!

Die Verdoppelungszeiten, die sich aus den RKI-Zahlen ermitteln lassen, steigen kontinuierlich an, was einer Verlangsamung der Ausbreitung von Covid-19 in Deutschland entspricht.

Während anfangs der Epidemie Verdoppelungszahlen von 2 Tagen dominierten, haben wir jetzt selten Verdoppelungszahlen unter 4-5 Tagen, Tendenz steigend. Das schließt nicht aus, dass die Zahl der Opfer unabhängig von diesen Zahlen auch exponentiell ansteigen kann, Aber beide Größen sind relativ unabhängig voneinander.

Was uns interessieren muss, ist die Zahl der neuen Infektionen und die ist relativ gesehen rückläufig und verläuft schon seit Tagen nicht mehr exponentiell, wiewohl sie natürlich weiterhin steil ansteigt.

Das sagt uns, dass die getroffenen Beschränkungen wirksam werden und deshalb eingehalten werden müssen. Das sagt uns aber auch, dass wir es nicht mit einem Tsunami an schweren Erkrankungen zu tun haben werden, der unsere Kliniken überrollt.

Tatsächlich läuft auch bei 1000 Menschen, die wegen der Corona-Erkrankung bei uns auf Intensivstationen behandelt werden, alles noch recht routiniert und geordnet ab.

Es gibt keine Szenarios wie in Italien, wo darüber entschieden werden muss, wer beatmet werden kann und wer sterben muss. Es wird diese Szenarios auch voraussichtlich nicht geben.

Im Augenblick sieht es so aus, als steuern wir auf eine Verdopplungsrate von 8-10 Tagen zu, d.h. die Rate an Neuerkrankungen nähert sich langsam der zehn Prozent Marke an. Dann haben wir Ende April nicht mehr als eine halbe Million Infizierte in Deutschland, somit statistisch nicht mehr als 10 000 Beatmungsfälle. Damit dürfte dann auch der Höhepunkt der Erkrankungswelle erreicht sein. Denn selbst in China gab es zu keinem Zeitpunkt mehr Fälle, die intensivmedizinisch behandelt werden mussten. China ist uns um mindestens 6 Wochen voraus.

In Deutschland gibt es regulär 28 000 Intensivbetten, die durch Umstrukturierungen auf 50 000 Betten angehoben werden können. Es steht also Ende April voraussichtlich noch das Mehrfache der erforderlichen Behandlungskapazität zur Verfügung.

Manipulative Politiker und sensationslüsterne Medien schaden uns in der Krise

Panikmache kann vielleicht die Werbeumsätze unserer Medien steigern. Sie führt aber zu Überreaktionen und falschen Reaktionen und sie beeinträchtigt auch unser Gesundheitssystem.

Zum Glück haben wir ein hochprofessionelles und sehr gut aufgestelltes Gesundheitssystem. Dennoch reden viele Spitzenpolitiker von Helden, die selbstlos gegen den Feind kämpfen. Genau diese Politiker haben über zwei Jahrzehnte versucht, unser Gesundheitssystem herunterzufahren. Unsere Gesundheitspolitik hat versucht, Kliniken in die Pleite zu treiben und zur Aufgabe zu zwingen und das ganz planmäßig, weil wir angeblich viel zu viele Krankenhausbetten haben.

Beides ist extrem destruktiv. Wir brauchen keine Helden, sondern Profis in den Krankenhäusern, die sich abgrenzen können. Wir brauchen auch genug, gut ausgerüstete Kliniken. Beides haben wir noch. Politiker, die sich unserem Gesundheitssystem gegenüber destruktiv verhalten und zugleich manipulative Aussagen treffen, die an einen Krieg erinnern, brauchen wir aber wirklich nicht.

Wir sind nicht im Krieg, sondern haben eine Epidemie, die, nach allem was man jetzt erkennen kann, durch Vernunft (und nur durch Vernunft) beherrschbar ist.