Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Die fehlende Transparenz geht den Menschen zunehmend auf die Nerven.

Die Frage, was schlimmer ist, gelenkte staatsnahe Medien, Trollfabriken, die Desinformation verbreiten, anarchisch regellose Kommunikation in sozialen Netzwerken oder die Sucht nach Konsens in unseren Massenmedien, braucht man eigentlich nicht zu stellen.

Es handelt sich schließlich in allen Fällen um einseitige Kommunikation, die durch einen schweren Mangel an Transparenz auffällt.

Ganz gleich, ob russische und chinesische Fernsehsender die Sicht der jeweiligen Regierung mehr oder weniger an die Konsumenten verkauft, ob unklar ist, wer hier gerade eine Wahl in seinem Sinne beeinflusst oder Desinformation über unangenehme Tatsachen verbreitet, gleichgültig, ob auf Facebook oder Twitter Gerüchte verbreitet werden oder unsere Mainstreammedien, einzig wahre, Tatsachen in synchronisierter Form berichten, die sich hinterher als unwahr herausstellen, der Transparenzmangel ist immer dabei.

Natürlich müssen wir mit der dunklen Seite der Information leben, die sich nicht immer durch die Gegeninformation aufhellen lässt. Aber müssen wir akzeptieren, dass wir, von Jahr zu Jahr mehr, mit Informationen traktiert werden, die offensichtlich tendenziös sind und bestimmte hegemoniale Machtansprüche immer deutlicher in sich tragen?

Das ist ein Trend!

Wer sich die Seiten von Workshop-Anbietern für Öffentlichkeitsarbeiter anschaut, der stößt zunehmend auf den Begriff des „Narrativs“. Narrative sind Geschichten, die man sich ausdenkt, um Informationen an den Verbraucher (welcher Art auch immer) zu bringen.

In einem Workshop in Brüssel war ich Zeuge eines besonders unkritischen Workshops, der das Narrativ, also die Bildung von Geschichten als einzig wahre und wirkungsvolle Methode, Informationen an den Mann oder die Frau zu bringen, preiste. Informationen ohne Narrativ, so hieß es, seien wertlos.

Sinnloser Informationsmüll ohne irgendeine Bedeutung, so sinnlos wie eine Plastiktüte im Pazifik, wenn dazu nicht das Narrativ der Verschmutzung unserer Meere mit Plastikmüll kommen würde. Ohne Aussage, wie ein Regentropfen, wenn er nicht im Zusammenhang mit dem Klimawandel berichtet werden kann.

Die Sucht nach Narrativen, die sich in dem Boom der „Story-Telling-Workshops“ zeigt, ist vermutlich der massiven Konkurrenz des informationsverarbeitenden Gewerbes geschuldet. Gleichwohl ist diese Sucht Ursache des allgemeinen Misstrauens gegenüber den gesamten Medien (einschließlich des Internets) und der Grund für einen eklatanten Transparenzmangel. Denn wer ein Narrativ zu einer bestimmten Informationslage entwickelt hat, der duldet in der Regel keine andere Geschichte neben der eigenen. Gegenläufige Informationen werden möglichst verdeckt oder, für den Fall dass sie dominant werden, bekämpft, negiert oder uminterpretiert, um die eigene Geschichte zu halten.

Natürlich ist in einer Welt, in der von allen Seiten Informationen auf uns einprasseln, jeder für ordnende Geschichten dankbar, die einem das Verständnis erleichtern, insbesondere dann, wenn einem die Geschichte nicht gegen den Strich geht.

Nur sind wir mit diesen Geschichten von der Wahrheit über den Zustand der Welt meilenweit entfernt!

Denn was hauptsächlich auf uns niederregnet sind Geschichten über die Wiederkehr des ewig Gleichen, die uns nur wenig überraschen und kaum etwas über den tatsächlichen Zustand der Welt aussagen.

Informationen aber sind keinesfalls sinnlose Bruchstücke auseinandergebrochener und fragmentierter Narrative, sie sind originär und ziemlich nah am Zustand der Welt, wenn sie eben nicht durch eine Geschichte, sondern durch eine einfache Quelle in die Welt kommen.

Beispiel: Sergeij Skripal und seine Tochter wurden Opfer eines Angriffs mit einem Kontaktgift und überlebten. Das ist die Information. Am Tag nach der Tat wusste die britische Regierung und mit ihr die manipulierte Öffentlichkeit schon alles über Täter, Motive und Umstände, konnte aber nichts beweisen und blieb die Quellen ihrer Informationen schuldig. Bis heute übrigens.

Das war ein Narrativ! Ein Narrativ, das so stark war, dass es innerhalb von wenigen Wochen mehrere westliche Regierungen zu Sanktionen gegen Russland trieb. Ein machtvolles Narrativ also. Seine Macht bezog dieses Narrativ aber nicht aus dem Wahrheitsgehalt der Informationen aus denen es konstruiert war, sondern aus der Bereitschaft der Verbraucher (in diesem Falle westliche Leitmedien und Regierungen) das Narrativ weitgehend ungeprüft zu übernehmen.

Transparenz sieht anders aus und war in diesem Falle auch nicht beabsichtigt.

Im Informationskrieg West gegen Ost ging es einfach darum, möglichst schnell mit der ersten Deutung der Ereignisse herauszukommen, damit die Öffentlichkeit (First Impressions are lasting!) an dieser Deutung ankert.

Alle anderen Deutungen waren dadurch zweitrangig. Die erste Deutung, dass der Anschlag aus dem Kreml kam, wurde in dieser Weise zum Alten Testament, an dem sich alle nachfolgenden Geschichten zu messen haben. Diese Art des Informationskrieges ist eigentlich kein Informationskrieg, sondern ein Krieg der Geschichten, der Deutungen und Narrative. Die Information wird hier einfach nur benutzt, um eine gängige Weltsicht zu transportieren, an der nicht gerüttelt werden darf.

Es handelt sich bei Informationen, die sich in solchen zweckgebundenen Narrativen finden also nicht mehr um freie Informationen, sondern um Gefangene einer bestimmten Geschichte. Naturgemäß sind sie eingekerkert und ihre genaue Art und Herkunft bleibt im Dunkeln.

Man kann an diesem Beispiel einwenden, dass es ja später eine ganze Reihe von Informationen gegeben hat, die diese Geschichte stützen. Aber da war das Narrativ schon in der Öffentlichkeit, da waren auch schon Konsequenzen gezogen worden, die aus Vorverurteilungen resultierten. Nach kurzer Zeit war die Motivation aller Beteiligten diese Geschichte zu stützten und nicht zu stürzen, gewaltig angestiegen! Eine unweigerliche Folge eines frühen Narratives, das fast immer dazu führt, dass sich andere Deutungen kaum noch vorstellen lassen.

Geschwindigkeit zählt, das haben inzwischen auch ganz andere verstanden

Wer sich an Donald Trump und seinen unwahrscheinlichen Tweets reibt, vergisst, dass der amerikanische Präsident ein Medienprofi ist und einen universalen Grundsatz der Medienwelt verstanden hat.

Wer mit einer Behauptung als erster rauskommt und dabei bleibt, hat die größte Chance damit durchzukommen. Narrative kreieren Pseudo-Realitäten, die für 99,9% der Konsumenten nur in ihrer eigenen Vorstellung überprüfbar sind. Damit hat derjenige, der die erste plausible Deutung oder Behauptung, das erste plausible Narrativ zu einem Zustand in die Köpfe setzt, erst einmal die überwältigende Mehrheit auf seiner Seite. Zumindest dann, wenn die Geschichte gut ist.

Im Falle der Skripals war die Geschichte der britischen Regierung gut und erinnerte an James Bond, zog also alt bewährte, wenn auch phantasierte Register. Der dann folgende Versuch, diese James Bond-Geschichte zu beweisen, der auch Recherche-Plattformen im Internet aktivierte (Bellingcat) wirkte fast wie ein hypnotischer Zwang auf die Weltöffentlichkeit, der alle anderen Alternativen von vornherein ausschloss.

Die Narrative können also eine erhebliche Macht entfalten und dazu führen, dass alle Welt nur dieses eine Narrativ beweisen will. Im Falle der Skripals ist das vermeintlich gelungen, obwohl ein Haufen gegenläufiger Informationen dabei auf der Strecke bleibt und wohl niemals berücksichtigt wird, weil alle die gängige Story als bewiesen ansehen.

Fall Khashoggi könnte ähnlich ablaufen

Der Fall des ermordeten arabischen Journalisten Jamal Khashoggi läuft derzeit nach einem ähnlichen Muster ab.

Erst kommt das Narrativ und dann gliedern sich die nachgelieferten Informationen scheinbar zwanglos in die Geschichte ein.

Kein Zweifel, der kritische Journalist wurde im saudischen Konsulat in Istanbul getötet. Aber wer, warum und unter welchen Umständen für diese Tötung verantwortlich war, ist nicht geklärt. Es fehlen wichtige Informationen.

Beliebte Taktik einer Regierung, in diesem Falle der Türkischen, einen Teil der Informationen, über die man verfügt, an die Medien durchzustechen, aber nur den Teil, der die eigene Geschichte stützt, die man vorher in die Welt gesetzt hat.

Der eigentlich reformwillige Kronprinz Bin-Salman sei für den Mord verantwortlich, habe diesen sogar in Auftrag gegeben. Der saudische König wird mit diesem Narrativ geradezu gebeten, seinen bösen Sohn zurückzupfeifen, ihn von seiner Macht zu entbinden. Die eingeleiteten Reformen in Saudi Arabien wären damit wirkungsvoll gestoppt.

Auch ein Narrativ, sicher, aber eines, das verdeutlicht, dass solche Geschichten immer zweckgebunden sind und deshalb als erste an die Öffentlichkeit dringen, bevor die ganze Wahrheit über den Vorfall herauskommen kann.

Die Tat wird damit zwar nicht verschleiert, aber von vornherein so instrumentalisiert, dass jemand mit der nötigen Macht, die Fäden über die Deutung in die Hände bekommt. In diesem Falle nicht Theresa May, sondern der türkische Autokrat, Recep Erdogan.

Das zeigt auch, dass die Narrativ-Technik unterschiedslos von demokratischen Premiers und autokratischen Präsidenten benutzt wird, um die Macht über einen Zustand und den dazugehörigen Informationskomplex zu erhalten.

Für die Informationsgesellschaft, die sich mit dieser Transparenzminderung abfinden muss, entstehen daraus Konsequenzen.

Auch wenn wir in der Summe der Konsumenten diesen Narrativen der Mächtigen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind, trügt uns das Gefühl, manipuliert zu werden, keinesfalls.

Aus Manipulation aber entsteht Reaktanz, also Widerstand bei den Manipulierten. Dieser Widerstand wird zwar erneut durch Mächtige vereinnahmt, die ihn mit entsprechenden Narrativen füttern (Beispiel Rechtspopulismus, russische Internet-Propaganda und Subversion), aber eben nicht vollständig.

Der Rest, der uns noch bleibt, ist die Fähigkeit, nicht zu glauben und zu misstrauen. Genau das kennzeichnet derzeit das Verhältnis vieler Menschen zu Medien und Politik in den westlichen Demokratien. Die Leute wollen weder den Narrativen der eigenen Eliten blind folgen, noch sich von autokratischen Regierungen vereinnahmen lassen. Sie halten Distanz und fordern unterm Strich einen anderen (aufrichtigeren) Umgang mit Informationen.

Schon einmal den Vorwurf der Lügenpresse von dieser Seite betrachtet?