IS

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Militärisch lässt sich der IS nicht besiegen, aber psychologisch verstehen. Ein Ansatz.

Es ist richtig, der Islamische Staat ist aus einer Terrorarmee hervorgegangen, die sich im Laufe des Irakkrieges gegen die USA formiert hat. Eine ganze Reihe arbeitsloser Militärs aus dem Irak, haben das Projekt aus der Taufe gehoben. Es ist auch richtig, dass der IS ursprünglich eine Splitterorganisation von Al Quaida war und sich hochgradig mit diesem Terrornetzwerk und Osama Bin Laden identifiziert hatte. Eine Initialzündung für den eigenständigen IS war folgerichtig die Tötung des Al Quaida Gründers durch die Amerikaner in Pakistan. Danach gab es Führungsstreitigkeiten zwischen Quaida und IS über die Frage, wer der legitime Nachfolger Bin-Ladens sei. Eine Trennung der beiden Organisationen führte aber nicht zur Schwächung des IS, sondern zur Schwächung Al Qaidas.

Islamischer Staat ist ein Staat!

Der große Vorteil des islamischen Staates gegenüber allen anderen islamistischen Terrororganisationen liegt allerdings in der Tatsache der staatlichen Organisation. Mit einer fein organisierten Abstufung aus Räten und Verwaltungen für die Provinzen, welche durch die Armee eingenommen wurden, wird ein totalitärer Staat simuliert, der genau auf die Ruinen des abgestorbenen oder zerstörten Staates aufbaut. Die Anschlussstellen liegen in der staatlichen Verwaltung und Versorgung, welche auch unter der Herrschaft des IS in aller Regel von denselben korrupten und totalitär erzogenen Bediensteten übernommen werden. Justizbeamte, Verwaltungsbeamte, Ärzte, Ingenieure und teilweise auch Lehrer dürfen unter dem IS weiter arbeiten, wenn sie sich den Regeln unterwerfen.

Unterwerfung aber ist in den Ländern Libyen, Irak und Syrien ein tief eingeübtes Verhalten, weshalb sich die Eliten dieser Länder fast widerstandslos in das System des Islamischen Staates integrieren lassen.

Perfekte Propaganda lässt sich nicht zerbomben

In seiner gut aufgestellten und hochprofessionell agierenden Propagandamaschine kann der Islamische Staat zudem eine Art irdisches Paradies für junge Männer projizieren, welches viele gescheiterte und perspektivlose Moslems aus anderen Ländern in den Islamischen Staat zieht. Die Ästhetik des IS ist dabei auf Youtube ohne Probleme zu identifizieren und auch in allen anderen sozialen Netzwerken, derer sich der Islamische Staat bedient.

Eine Mischung aus mittelalterlichen Wertvorstellungen und hochmodernem Design, das in den Farben und der Gestaltung nicht selten Elemente der Subkulturen westlicher Ländern enthält. So entstehen perverse Videos, mit einer besonderen filmischen Ästhetik, in denen Hinrichtungen bis ins letzte ästhetisiert werden. Eine Art islamistisches Hollywood mit realen Opfern und realen Henkern, das ein Paradies vorgaukelt, in dem junge Männer mit dem „richtigen“ Glauben fast keine Beschränkungen beim Ausleben ihrer narzisstischen Wut erfahren.

Man mag es zum Kotzen finden, aber die Mitglieder des Islamischen Staates sind Medienstars und zwar nicht nur in Syrien, sondern auf dem gesamten Erdball. Der Islamische Staat hat ein perverses Hollywood geschaffen, das sich ideal in das globale Netz einpasst und hier Erfolge feiert, die man nur kopfschüttelnd zu Kenntnis nehmen kann. IS-Videos haben Millionen Klicks!

Verführbarkeit in der islamischen Adoleszenz

Ein Stück weit basiert der Erfolg dieser Propaganda darauf, dass das Gehirn (insbesondere das Gehirn eines jungen Menschen) zwischen Fiktion und Realität im Netz nicht mehr sauber trennen kann und „reale Spiele“ als willkommene Konsequenz einer virtuellen Sozialisation vor dem Handy und dem Gameboard oder dem PC begeistert feiert. Dazu kommt, dass gerade diejenigen sich dem IS anschließen, die es gewohnt sind, ihre öde Lebenswirklichkeit mit bunten Videosimulationen und realistischen 3-D-Spielen zu verdrängen. Inhalt dieser Spiele (und das völlig unabhängig vom IS) ist natürlich die eigene Größenphantasie mit ungehemmter und ungezügelter Aggression.

Genau diese psychologische Schiene bedient der IS und die krude Theologie die von diesen Islamisten bemüht wird, dient allein dazu, gescheiterte Narzissten, die ihre Wut in reale Tötungen umsetzen wollen, von ihrem sozialen Gewissen zu befreien. Ungläubige darf man schließlich töten.

Vergleich zum Nationalsozialismus ist nicht abwegig

Je mehr man sich mit dem Islamischen Staat, seinen Manipulationsmechanismen und seiner Ideologie beschäftigt, desto mehr erscheint der Vergleich zum Nationalsozialismus erlaubt zu sein. Die perfekte Simulation eines Staates, der Entwurf eines fast heiligen und überlegenen Menschen, der alle anderen beherrschen und nach Belieben versklaven und töten darf, die unbedingte Unterordnung unter das System und die Ideologie, die das eigene Gewissen vollkommen ausschaltet sowie die perfekt-perfide Propaganda, die irgendwie modern wirkt. Auch bei den Nazis gab es das in vergleichbarer Weise.

Psychologie des narzisstischen, jungen Moslem  wird perfekt instrumentalisiert

Beide Systeme, der Nationalsozialismus, wie der Islamische Staat leben von Symbolen. Was den Nazis der erhobene Arm war, ist den Islamisten der erhobene Zeigefinger. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass die Nazis ohne den Führerkult nicht denkbar gewesen wären, während die Islamisten keinen Führerkult benötigen.

Eine perfekte Propagandaabteilung tut es auch und die zielt nicht auf den Wunsch nach einem Führer, sondern auf das Bedürfnis nach narzisstischer Vollkommenheit, notfalls im Paradies der jungen Männer. Der Führer ist Gott selbst, Allah (allerdings der Allah nach mittelalterlicher Lesart mit ungeheurem Drang zur Rache und Vergeltung für erlittene Schmähungen). Genau diese Schmähungen sind es, mit denen sich junge narzisstisch aufgeladene und labile Männer ideal identifizieren können. Vordergründig kämpfen sie für Allah, im Grunde für den eigenen Narzissmus.

Mit Raketen gegen psychologische Mechanismen

Die Frage, ob man den Islamischen Staat militärisch besiegen kann, ist damit noch nicht beantwortet. Die Antwort deutet sich aber an!

Den Propagandaapparat des Systems zu zerstören, wird mit Bomben und Raketen schwierig sein. Die Designer dieses Systems können irgendwo auf der Welt sitzen und ihre Verführungen zum Mord an „Ungläubigen“ in schöne Bilder packen, vielleicht sogar islamistische Videospiele entwickeln und unter die Netzgemeinden bringen. Dafür braucht es keine militärische Macht!

Außerdem wird der militärische Erfolg im Kampf gegen den IS ein selbstlimitierender Prozess sein. Je größer die Bedrängnis ist, in die man den IS bringt, desto stärker wird der Zulauf sein, den das System erhält.

Die Bühne kann zerstört werden, das Stück nicht!

Auch wenn sich ein großer Fortschritt dabei erreichen ließe, dem IS die Bühne im mittleren Osten zu entziehen und die  zerfallenen Staaten wieder zu stabilisieren, wird der Terrorkampf des IS zur internationalen Subkultur werden. Kurz die Islamisten werden überall dort erfolgreich sein, wo frustrierte junge Männer islamischen Glaubens nach einer grandiosen Perspektive suchen, nach einer Strömung, die in der Lage ist, die gesamte Welt zu destabilisieren.

Genau das wird dann der Mythos des militärisch vernichteten islamischen Staates sein. Ähnlich wie Al Quaida wird der IS dann als Terrornetzwerk fortbestehen.

Aus der Bühne muss wieder ein funktionierender Staat werden

Viel effektiver wäre es, den Menschen in Syrien, dem Irak, Afghanistan und Libyen wieder eine Perspektive zu geben. Junge Männer müssen wieder die Chance erhalten, in einer realen Gesellschaft mit erträglichen sozialen Normen, Erfolge zu haben.

Der politische Islam bietet das beste Muster an

In der muslimischen Welt kann das derzeit nur durch gemäßigte Systeme des politischen Islams erreicht werden, die wirtschaftlich ähnlich erfolgreich funktionieren, wie der Iran. Dieses Beispiel ist bewusst gewählt, weil der Iran über seine wirtschaftliche Prosperität auch die sozialen Aufgaben gegenüber der Bevölkerung nicht vernachlässigt. Hier gibt es zwar neoliberale Einbrüche, aber keine Zusammenbrüche wie in den anderen Nachbarländern.

Systeme des politischen Islams sind autoritär, aber zugleich in der Lage, die Bevölkerung bei der Stange zu halten. Besonders kennzeichnend für diese Fähigkeit ist der Vergleich zwischen Tunesien und Algerien. Das demokratische Tunesien hat in den letzten Jahren etwa dreitausend junge Männer an den Islamischen Staat verloren, das autoritäre Algerien weniger als Tausend, trotz seiner größeren Bevölkerung.

Warum?

Der politische Islam bindet gerade die Anfälligen und Verführbaren in feste Systeme ein, aus denen sie nicht so leicht entkommen können. Vom Staat bis zur Familie ist der Zwang zur (auch religiösen) Rolle nicht nur ein Zwang, sondern auch ein Anreiz, der Perspektive bietet. Autoritarismus gehört in diesen Ländern im gewissen Umfang ebenso dazu, wie das traditionelle Rollenverständnis der Geschlechter und die Hierarchien in der Gesellschaft. Demokratie ist damit nur ein randständiger Faktor, wenn überhaupt. Die Art der Sozialisation junger Muslime, insbesondere der Männer ist so narzisstisch, dass begrenzende Faktoren bereitstehen müssen, um zwangsläufige heftige Frustrationen abzufangen. Der Staat funktioniert dabei ähnlich einer Familie und ist halb autoritär und halb korrumpierbar strukturiert. Eine liberale Demokratie oder gar Libertinage im Allgemeinen ist hier völlig fehl am Platze.

Solche Länder wirtschaftlich anzugreifen, ihnen eine Zivilgesellschaft im westlichen Sinne aufdrücken zu wollen und zu Revolutionen zu ermutigen, ist fahrlässig. Der Arabische Frühling, die Jasmin-Revolutionen, die maßgeblich von amerikanischen und europäischen Eliten gefördert und gefordert wurden, sind unterm Strich für die Katastrophe mitverantwortlich, die wir nun direktvor der Haustür oder sogar im eigenen Land haben.

Nicht nur psychologische sondern auch politische Entstrukturierung erzeugt Regression und diese führt immer zu einem primitiven und asozialen Funktionsniveau, das primären narzisstischen Reflexen folgt. Das ist in der Politik nicht anders, als in der Psychologie.

Die Lösung?

Tatsächlich sind es die demokratischen Gesellschaften, die mit ihrem interventionistischen Denken, der unreflektierten Übertragung eigener Muster auf ganz andere Gesellschaften und der wirtschaftlichen Expansion, die oft gnadenlos ist, welche die islamistische Katastrophe verursacht haben.

Der Ausweg kann nur über eine Etablierung und Unterstützung gemäßigter, aber autoritärer Systeme des politischen Islams gehen. Ähnlich wie der Iran, werden dann auch andere islamische Länder in der Lage sein, ihren jungen Männern eine Struktur zu geben, mit der sie psychisch überleben können, ohne in den heiligen Krieg zu ziehen. Demokratie ist hier die denkbar schlechteste aller Lösungen.

Ein restriktiver, technologiekritischer nur unter Vorbehalten aufgeklärter eigener islamischer Kurs muss vom Westen toleriert und unterstützt werden, damit die politischen Extreme keinen Zulauf mehr bekommen.

Wie wir in unseren westlichen Gesellschaften mit diesen Leuten umgehen, ist noch einmal ein ganz anderes und ebenfalls ungelöstes Problem.