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Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro-Berlin

Es scheint, dass der Westen zu allem entschlossen ist. Wirklich zu allem, nur nicht dazu, den Ukrainern zu helfen.

Neun zu eins, so oder ähnlich könnte man die Zahl der Berichte in den größeren Medien beschreiben, wenn es um die Feindseligkeiten des Westens mit Russland und die Ukraine geht.

Neun Berichte über den Zwist mit Russland und Putin und ein Bericht über die Situation in der Ukraine. Das Verhältnis ändert sich nur ein wenig zu Gunsten des blaugelben Verliererstaates, wenn dort wieder in größerem Umfang getötet wird.

Der Witz an der Sache, die man eigentlich nicht Witz nennen darf, weil sie viel zu tragisch ist, sollte aber trotzdem nicht verschwiegen werden. Genau eine solche mediale Gewichtsverteilung gab es auch schon lange vor der Ukraine-Krise und zwar auch zu Gunsten Russlands. Nur während der Orangenen Revolution kam die Ukraine ein bisschen unter dem Schatten des großen Bruders hervor. Danach verschwand das Land aber schnell wieder in der medialen Versenkung aus der es erst im Herbst 2013 wieder hervorgeholt wurde.

Was sagt einem das?

Neun Berichte über die Sanktionen gegen Russland,  ein Bericht über die verzweifelte Lage eines Landes, das aus dem Westen großmäulige aber kaum materielle Unterstützung erhält.

Richtig! Die Ukraine ist unwichtig. Russland soll in dieser Krise eingefangen werden, oder auch eingedämmt, meinetwegen eingeschüchtert werden, um Russland ging es von Anfang an!

Niemand hätte sich im September 2013 aufgeregt, als der damalige gewählte ukrainische Präsident Janukowitsch die Unterschrift unter das EU-Assoziierungsabkommen verweigerte. Dieses Abkommen war einfach unwichtig und von den Europäern mit einer Mischung aus Unwillen und langer Weile über Jahre verhandelt worden. Von den Deutschen, insbesondere von Merkel, wurde es mehrfach torpediert und zu einem Manifest für die inhaftierte Julia Timoschenko umgemodelt, weil es eben um ein Land ging, dem die Deutschen letztlich nichts zutrauten.

Russland dagegen war jahrzehntelang der Player unter den ehemaligen Sowjetstaaten und Putin ein Star, wenn auch einer, der enttäuscht hat, weil er eben doch kein Wessi ist.

Aufgeregt hat man sich im September 2013, das zeigen die Medienberichte mit aller Deutlichkeit, erst als Putin dem ukrainischen Präsidenten einen fünfzehn Milliarden Dollar-Kredit und Nachlässe bei den Gaspreisen angeboten hat. Hintergrund war die gewünschte Teilnahme der Ukraine an der russischen Zollunion, aus der eine Eurasische Wirtschaftsunion werden sollte, die als Alternativmodell zur EU entwickelt wurde.

Genau das war der Aufreger in Brüssel und der Startschuss für eine beispiellose Propagandaschlacht gegen Russland. Diese findet immer noch statt, inzwischen auch zu recht, weil Russland sich eine Reihe von eminenten Verstößen gegen internationales Recht und Demokratie und einen provozierten Bürgerkrieg in der Ukraine zu Schulden hat kommen lassen.

Ja, tatsächlich, Russland hat nach dem „Euromaidan“, die Lage in der Ukraine destabilisiert und eskaliert. Die EU aber tat dies vor und während des Maidans. Rückblickend handelt es sich um eine gesteuerte Revolte gegen eine russlandfreundliche Regierung in Kiew, die mit dem gewaltsamen Sturz (wenn man auch die Bedrohung mit dem Tode als Gewalt zählt) des ukrainischen Präsidenten in Anwesenheit einer ganzen Reihe von westeuropäischen Politikern, endete.

Wenn man so will hat die EU den Krieg mit Russland begonnen und die Ukraine dafür nur benutzt. Man sieht dies auch heute noch, an der Intensität mit der Russland bekämpft wird, ohne der Ukraine zu helfen. Es werden durch die Sanktionen derzeit Milliardenschäden in der EU akzeptiert, ohne, dass Milliarden in das bedürftige und kaputte Land fließen? So etwas nennt man zerstörerisches Kalkül, die Hauptenergie auf die Schwächung des Gegners zu richten und nicht auf die Unterstützung des Opfers.

Die Ukraine ist ein solches Opfer, sowohl der EU und Amerikas, als auch Russlands und vor allem der eigenen kriminellen Führungsschicht aus Oligarchen und Mafiosi. Dieser letzte Punkt ist unverkennbar und vielleicht fällt deshalb das Mitleid im Westen für die Ukraine so mager aus. Vielleicht möchte man sich aber auch einfach nicht mit den eigenen Schuldgefühlen konfrontieren und blendet deshalb medial immer etwas ab, wenn es um die wirtschaftliche und soziale Situation der Ukraine geht. Denn diese wurde durch die Eingriffe westlicher Politiker in die politischen Prozesse des Jahres 2013 und 2014 massiv verschuldet.

Wenn sich die deutschen und europäischen Medien etwas genauer mit der Situation in der Ukraine beschäftigen würden, wäre das schnell deutlich, dass das Land vom Westen auf Konfrontationskurs mit Russland getrimmt und dann fallen gelassen wurde. Das Elend nimmt dort täglich zu und nur noch die Dümmsten hoffen auf Europa.

Unsere Medien können diese Unterstützung für das Land inzwischen nur noch mit dem Kampf gegen Putin begründen. So lautet ein aktueller Beitrag der „Welt“, die Höchststrafe für Putin wäre eine wohlhabende Ukraine. Nur so lässt sich derzeit im Westen noch Unterstützung für die Ukraine verkaufen. So und mit Waffen, die sich natürlich gegen Russland richten.

Dieses Spiel ist, wie gesagt, nicht neu und nicht originell, es herrscht zwischen dem Westen und den ehemaligen Sowjetstaaten, die gegeneinander und vor allem gegen Russland ausgespielt werden, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Amerikaner mischen seit den Balkankriegen kräftig mit und bauen ihre Präsenz in Osteuropa weiter aus.

Es geht um Russland, es geht um Russland, es geht um Russland und alle, die auf dem Kriegspfad das nachsehen haben, müssen verstehen, dass der ehemalige Erzfeind des Westens nun endgültig niedergerungen werden soll.

Da hilft es wenig, wenn Merkel heute wieder Gespräch mit Russland fordert. Die deutsche Kanzlerin ist Teil des Problems einer russophoben Russlandfixierung Europas. Sie ist für die Verlängerung von Sanktionen und zugleich telefoniert sie mit Putin, fliegt nach Moskau und beklagt die verbrecherische Annexion der Krim. Ganz richtig. Nur worauf soll Russland jetzt reagieren? Auf die Drohungen oder die Verhandlungsangebote der Kanzlerin?

Diplomatie sieht anders aus.

Ganz besonders zynisch ist das Spiel mit den Toten in der Ukraine. Die Zahl der Opfer wird medial ständig nach unten korrigiert, um den Krieg der dort stattfindet, weiterhin als Option, auch als Option Kiews und des Westens offen zu halten. Die behaupteten sechstausend Toten in der Ukraine sind aber in Wirklichkeit sechzigtausend Tote, wie bereits der Bundesnachrichtendienst im letzten Sommer festgestellt hat. Sechzigtausend Opfer rechtfertigen aber keine Option des Westens mehr, hier noch auf Sieg gegen Russland zu spielen. Auch wenn Merkel behauptet, der Konflikt sei militärisch nicht zu lösen, erscheint die Option angesichts der „lediglich“ sechstausend Toten in Teilen der westlichen Öffentlichkeit immer noch tolerabel zu sein. Genau diese militärische Option die Russland durchaus unter Druck setzen kann, wird aber derzeit immer öfter zum Thema in den westlichen Medien. Für den Sieg über Russland scheinen noch nicht genug Menschen gestorben zu sein.

Man fürchtet den Zeitpunkt, an dem die öffentliche Meinung kippt und eine militärische Lösung des Konfliktes für möglich hält. Keine schöne Aussicht für die Ukraine.

Es scheint, dass der Westen zu allem entschlossen ist. Wirklich zu allem, nur nicht dazu, den Ukrainern zu helfen.