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Ein paar Meter neben dem Tourismus ist Nizza noch alt und abgenutzt. Foto: Gedächtnisbüro 2017

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Nizza ist eine weltoffene Stadt und ein Schmelztiegel zwischen Nordafrika und Frankreich. Genau hier gibt es viele Anhänger des Front National und von Marine Le Pen. Ein Widerspruch?

Eigentlich ist Nizza, eine ursprünglich italienische Stadt, ein Schmelztiegel, wenn auch mit Ghettobildung. In bestimmten Wohnquartieren findet man fast nur Nordafrikaner. Für die Nizzarden ist das aber längst normal und jeder scheint hier seinen Platz gefunden zu haben, fast jeder.

Während ich mein Frühstück in einem kleinen Straßencafé einnehme, vor mir ein kleiner Orangenbaum mit echten Minifrüchten und ein Orangensaft, frisch gepresst, sitzt auf der anderen Seite der Straße eine Roma mit ihrem kleinen Sohn auf einem großen silbernen Reisekoffer. Zwei Polizisten auf Fahrrädern, ein weiblicher und ein männlicher Policier kommen angeradelt und fordern sie sofort zum Weitergehen auf. Ich schaue der Frau und ihrem Sohn hinterher, der einen bunten Spielzeugkoffer vor sich herschiebt, den er hektisch zusammengepackt hatte. Offensichtlich waren beide von den Polizisten beeindruckt. Der Kleine lief dann schnell hinter seiner Mutter her und versuchte sie an der Hand zu fassen. Sie wehrte ab.

Die Szene tat mir weh. Wie geht es einem so kleinen Kind, das schon auf der Straße lernen muss, dass es nicht gewollt ist, dessen Mutter mit einem großen Koffer vorausgeht und es selbst sein Spielzeug alle paar Minuten aus- und wieder einpacken muss? Ein Punkt gegen Le Pen und für ein toleranteres Frankreich.

Die andere Seite sind die französischen Kinder, die auch in Nizza streng bewacht werden. Vor jeder Schule stehen Sicherheitskräfte, die Eltern dürfen ihre Kinder nur am Tor abholen und werden, aus Sicherheitsgründen nicht in das Schulgebäude gelassen. Ein Schulausflug wird polizeilich begleitet.

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Eltern warten in Nizza vor der Schule auf ihre Kinder. Foto: Gedächtnisbüro 2016

Ein alter Mann lenkt mich von diesen Gedanken ab, entschuldigt sich und betastet den Orangenbaum auf meinem Tisch. Er will wissen, ob der echt ist. Ich lächele und bestätige das. Er fängt ein Gespräch an, aber ich verstehe ihn nicht, entschuldige mich dafür. Er lächelt verständnisvoll und meint, dass er vor vielen Jahren selbst als Fremder hier hergekommen sei, aus Polen. Nun sei er ein echter Nizzarde betont er und wünscht einen schönen Tag.

An der Tür des Cafés erscheint eine junge Frau in einem langen schwarzen Baumwollkleid. Sie hält unruhig Ausschau. Als ein junger Mann mit Kinderwagen herankommt, redet sie mit ihm. Im Moment in dem sie sich umdreht, um ins Café zurückzugehen, beginnt das Kind zu weinen. Unvermittelt dreht sie noch einmal um, fasst in den Kinderwagen und zieht ihr Smartphone heraus. Dann dreht sie sich erneut um, das Kind schreit nun. Der Mann patrouilliert mit dem Kinderwagen und dem unzufriedenen Kleinkind vor dem Café auf und ab. Er hat, wie viele hier einen Bart und trägt bunte Shorts. „Der hat nur die kurzen Hosen an“, denke ich. Touristen? Eher nicht, die beiden sprechen französisch.

Die jungen Französinnen machen nicht viel her. Sie sind schlecht gekleidet und wirken unsicher in ihrer Weiblichkeit. Einige von ihnen sind frech, bei manchen ist es auch ganz süß. Gestern gingen zwei junge Französinnen an mir vorbei, als ich eine Pizza aß. Die eine drehte sich um, lächelte und wünschte mir einen guten Appetit. Ich bedankte mich höflich.

Höflichkeit und Freundlichkeit trifft man hier oft, wenn man offen dafür ist. Voraussetzung, man spricht etwas  Französisch. Im Hotel mit drei Sternen geht es mindestens ebenso freundlich zu. Die einzige Ausnahme macht ein junger Franzose, arabischen Aussehens, der mir erklärt, wie man ein Ei kocht. Das Frühstückbuffet hat einen Eierkocher und ich verstehe nicht gleich, wie man damit umgeht.

Er wird schnell ungeduldig und wechselt in Englisch, obwohl wir uns auf Französisch ganz gut verstanden hatten. Eine Methode mich zum dummen Touristen zu stempeln. Für mein Empfinden Ausdruck einer Machtkommunikation, auf die vor allem nordafrikanische und arabische Männer sehr schnell zurückgreifen.

Ansonsten haben zumindest die Nizzarden verstanden, dass Freundlichkeit der Kit in dieser äußerst vielfältigen Gesellschaft ist, Freundlichkeit und nur Freundlichkeit. Wenn sich mit der ausgeprägten Migration, welche die Cote d´Azur in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, etwas positiv verändert hat, dann ist das die Freundlichkeit, die gegenüber den achtziger Jahren, gefühlt, deutlich zugenommen hat.  Wieder ein Punkt der eher gegen, als für Le Pen spricht und ein Fragezeichen, warum ausgerechnet bei den Wählern in dieser weltoffenen Stadt, Marine Le Pen die Nase vorn hat?

Frankreich ist widersprüchlich, denn die Zeitungen regen sich heute vor allem über den unfreundlichen Ton in der großen Debatte der Präsidentschaftskandidaten auf. Von Brutalität ist die Rede, die Kandidaten haben sich gegenseitig mit Schimpfworten bedacht und sich persönlich angegriffen. Das wird deutlich missbilligt. Vielleicht verliert die aggressivere Kandidatin in der Debatte, Marine Le Pen, in einer ihrer Hochburgen ausgerechnet deshalb an Zustimmung, weil sie es an Freundlichkeit hat fehlen lassen? Das wäre tatsächlich ein echter Widerspruch, denn die Nizzarden wollen eigentlich das konservative Frankreich zurück haben, auch wenn die Zuwanderer längst ihre Kommunikations-Codes übernommen haben und in der Servicegesellschaft kaum ersetzt werden können.

Am Morgen fragt mich die Zimmerdame freundlich nach der Nummer meines Schlüssels. Es ist eine sportlich aussehende Frau mit dunkler Haut, vermutlich marokkanischen oder algerischen Wurzeln, die perfektes Französisch spricht und sehr sympathisch lächelt. Auf der Straße begegne ich dann einer anderen Frau mit afrikanischen Wurzeln, die auf ihrem bunten Kleid ein großes Kreuz an eine Perlenkette trägt, so als wollte sie sagen: „Schaut her, ich bin Christin, wie ihr auch.

Vielleicht etwas überinterpretiert. Ich habe sie schließlich nicht gefragt. Es bleibt dabei, dass diese Mischung aus Multikulti, Modernität, Rückständigkeit und Nationalbewusstsein hier schwer für mich zu verstehen ist. Ich werde wohl noch daran arbeiten müssen.