Sönke Paulsen, Gedächtnisbuero Berlin

Was haben die Gelben Westen mit Notre-Dame zu tun? Eigentlich rein gar nichts. Aber dramatische Ereignisse, wie die Protestbewegung in Frankreich (die Rede ist in den Medien vom Frankreich der Gilets Jaunes) und der Brand von Notre-Dame scheinen sich, medial betrachtet, magisch anzuziehen.

Schon titeln erste französische Zeitungen über den Affront, den Millionenspenden für die ehrwürdige Kirche gegenüber den Armen in Frankreich, bewirken.

Ist nicht der Mensch die Kirche Gottes und sollte man nicht für Menschen Geld übrig haben, mehr als für Kirchen? In Frankreich ist es derzeit umgekehrt. Ein Wettkampf an Spendenfreudigkeit unter den Milliardären für Notre-Dame und blanke Verachtung für die Gelben Westen und damit für die Armen in Frankreich.

Fast eine Milliarde Euro sind innerhalb von zwei Tagen an Spenden zugesagt worden. Die reichsten französischen Familien sind dabei, Einzelspenden von einhundert Millionen zu versprechen. Darunter  die Familien Pinault, Arnault und Bettencourt-Meyers (lÒreal).

Es kommen einem unwillkürlich Bilder von einer reichen Aristokratie, welche die Kirche mit großen Mitteln unterstützt, sich in den klerikalen Monumenten verewigen will, während auf der Straße die Armen Frankreichs vegetieren, Bilder vom Vorabend der französischen Revolution. Auch wenn es noch nicht so dramatisch ist, war meine erste Eingebung, dass vielleicht ein Gelbwesten-Aktivist die Kirche angezündet haben könnte, obwohl damals bekanntlich nur die Bastille gestürmt wurde.

Egal. Die Tatsache, dass die Superreichen, die ganz offensichtlich mit wenig mehr als zehn Einzelspenden eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau von Notre-Dame locker machen, ihr soziales Engagement vor allem in solchen Aktionen zeigen, während sie die Spenden dann von der Steuer absetzen können, was eine dreißigprozentige Beteiligung des Staates quasi rechtlich erzwingt, verzerrt die Realität ganz gewaltig. Am Ende sind es nicht die Franzosen, die ihr Wahrzeichen gemeinsam wieder aufgebaut haben, sondern ein paar Oligarchen, die mit ihren Sensationsspenden den großen Beitrag der Steuerzahler für den Aufbau ins Namenlose rücken. Das macht Ärger und zwar auch ganz dezidiert bei den Gilets Jaunes.

Eine Sprecherin, die schon Vergangenheit ist, weil sie den Gelben Westen zu ambitioniert war, Ingrid Levavasseur, moniert die Kombination von Ignoranz gegenüber der Armut und extremer Großzügigkeit wenn es un solche Spendenaktionen für die französische Kultur geht. Wer aber macht die französische Kultur, die Menschen. Übrigens produzieren die Gilets Jaunes, die Unterprivilegierten Frankreichs, derzeit eine Kultur im Genre Film und Musik, die sich sehen lassen kann.

Es steht also derzeit für Frankreich die klassische und explosive Frage im Raum: Sollen die Menschen wieder arm sein und die Kirchen reich? Geht es zurück in den feudalen Staat. Eindrücke drängen sich auf, die ungute Gefühle in dieser Richtung wecken.

Macrons Sensibilität für diese Situation scheint sich am Nullpunkt zu befinden. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, auch wenn man für die Armen Frankreichs nun wirklich kein Geld mehr hat, um deren Kaufkraft zu erhöhen.

Ein ziemlich feudales Signal.