Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

„Oma ist ne Umweltsau“, autsch, das war wohl daneben. Aber was dann kam, war völlig übertrieben. Was in Unternehmen häufig schon selbstverständlich ist, dass Fehler passieren können und deshalb auch zugegeben werden dürfen, ist in unserer kritischen Öffentlichkeit tabu, auch wenn Tom Buhrow sich als Chef kurz nach dem Fehltritt entschuldigte. Egal!

Inzwischen gibt es Morddrohungen gegen Mitarbeiter des WDR. Man mache sich das mal klar. Wegen einer missglückten Satire.

Für das Bedrohen von Satirikern, die bei der Wortwahl oder im Stil „Fehler“ machen, waren bisher vor allem Islamisten bekannt. Eine Satireredaktion in Frankreich wurde sodann durch einen islamistischen Mordanschlag ausgelöscht.

Auch wenn wir keine Islamisten sind, ist unsere Fehlertoleranz, was Fehltritte in der Öffentlichkeit angeht, ähnlich schlecht. Ständig gibt es etwas, wofür sich jemand verantworten muss. Worüber sollte man auch sonst schreiben. Die Sau muss halt durchs Dorf.

Die Unionsvorsitzende Kramp-Karrenbauer dürfte sich in diesem Jahr ganz besonders eine faire Fehlerkultur gewünscht haben, denn sie beging einen Fauxpas nach dem anderen. Verübelt wurde ihr ein Karnevalsauftritt im Saarland, wo sie als Putzfrau über die Toilettenfrage beim „dritten Geschlecht“ herzog. Was solle das denn für eine Toilette sein, fragte sie sinngemäß, wohl für die Männer, die nicht wissen, ob sie beim Pinkeln noch stehen dürfen oder schon sitzen müssen?

Daraufhin wurden ihr allen Ernstes Hassreden gegen Intersexuelle vorgeworfen.

Geht’s noch?

Was ist eigentlich der Grund, dass man keine Fehler im öffentlichen Diskurs mehr machen darf? Es fällt auf, dass die Unglücksraben weniger für ihre Äußerungen, als für das Mindset, das angeblich dahinter steht, angegriffen werden.

Hans Georg Maaßen hat man vorgeworfen, er verbünde sich mit Rechtsextremen, als er fehlerhafter Weise behauptete, ein Video von einer angeblichen „Ausländerjagd“ in Chemnitz sei ein Fake. Tatsächlich handelte es sich bei dem Video nicht um ein Fake, aber auch nicht um die Dokumentation einer Menschenjagd. Maaßen musste trotzdem gehen. Fehlertoleranz gleich null.

Die Leute haben Angst, sich zu äußern und das ist bei diesen harten Reaktionen auf kleine Fehlgriffe vermutlich auch beabsichtigt. Es wird immer zur Skandalisierung ein Weltbild unterstellt, das homophob, menschenfeindlich, antisemitisch oder ausländerfeindlich ist, damit die Heftigkeit der Bestrafung dadurch gerechtfertigt ist.

Viel Erfahrungen gibt es in dieser Hinsicht beim Vorwurf des Antisemitismus. Die Tendenz, beispielsweise Kritik an dem politischen Netzwerker und Milliardär George Soros als antisemitisch zu brandmarken, ist nur ein Beispiel dafür. Beileibe nicht alle Kritik an Soros ist antisemitisch, eher der geringste Anteil seiner Kritiker zielt auf sein Judentum, meist geht es um politische Einflussnahme durch gekaufte NGOs. Eine Methode, die auch eine Reihe anderer Milliardäre nutzen, um sich Einfluss zu sichern.

Es gibt natürlich Antisemitismus in einer sehr unappetitlichen Form und die Sensibilität dafür ist gerechtfertigt. Aber die Tendenz, jede Kritik an Israel als antisemitisch zu diskreditieren, zielt darauf, bestimmte Meinungen zu verbieten. In diesem Falle Meinungen, die sich gegen die israelische Politik richten.

Mit der gleichen Methode der Ausweitung von einzelnen Äußerungen zu unterstellten Mind-Sets und Weltbildern, wehren sich Erdogan, die Führung in Teheran und ein gewisser Teil der europäischen Eliten, insbesondere linke und grüne Politiker zunehmend aber auch rechtskonservative Politiker gegen Kritik.

Man überdehnt eine missglückte Äußerung zu einer allgemeinen Meinung und die Meinung dann gleich zu einem allgemeinen Weltbild, würzt es mit einer kräftigen Prise unterstelltem Hass und schon hat man den islamophoben, rechtsextremen oder klimaleugnenden Unmenschen, der eigentlich nur eine Todesdrohung wert ist.

Am Beispiel der “Oma ist ne Klimasau-Diskussion” erkennt man die gleichen Methoden in der umgekehrten politischen Richtung, von rechts gegen links und grün. Auch die Hasstiraden gegen Greta Thunberg sind von dieser Taktik geprägt.

Diese Methoden treffen wir in allen aktuellen Auseinandersetzungen an, sei es in Deutschland, Europa oder der Welt.

Die Chancen, sich zu korrigieren, sind unter diesen, kriegsähnlichen, Bedingungen minimal. Bestenfalls kann man versuchen zu überleben.

Eigentlich sind mir das Unverständnis für Satire oder zugespitzte Meinungsäußerungen eher aus der russischen Welt bekannt. Dort versteht man Satire eher schlecht und nimmt auch die absurdesten Überspitzungen ernst.

Während der Ukraine-Krise habe ich einmal im Freitag behauptet, dass wir uns nun vor der Invasion der Russen mittels zivil aussehender Soldaten schützen müssen. Der Artikel gipfelte in der Behauptung, dass doch letztlich jeder Russe eine Kalaschnikow im Kofferraum hat. Da gab es dann einen richtigen russischen Shitstorm! Die Überspitzung  wurde nicht verstanden.

Ich kann es mir nur so erklären, dass die Russen wegen der konfrontativen Haltung, die westliche Medien schon seit Längerem einnahmen, mächtig dünnhäutig geworden waren. Man wähnte sich in einer Art medialem Kriegszustand und dann geht es eben nur noch “schwarz-weiß”.

Die Verrohung in unserer politischen Kultur, die der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache beklagte, scheint aber noch weitere Ursachen zu haben.

Im Kampf aller gegen alle fehlt zunehmend der Grundkonsens! Das macht die Diskurse so giftig.

Unsere Gesellschaft zerfällt zunehmend in Lager, die einander feindlich und unversöhnlich gegenüberstehen. In einer solchen Kriegssituation kann dann schon wegen sehr wenig auf einen geschossen werden. Das ist die Verrohung, die beklagt wird.

Satiriker haben in dieser Zeit einen sehr undankbaren Job, weil sie der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten sollen. Allerdings ergibt das zunehmend einen zersprungen Spiegel in dem jeder etwas anderes sieht. Während also die einen lachen, reagieren die anderen mit Hass und Wut. Der Fehltritt ist somit vorprogrammiert.

Übrigens sind auch Satiriker an dieser verschärften Situation selbst nicht unschuldig. Den konservativen österreichischen Bundeskanzler als “Baby-Hitler” zu bezeichnen, hat der Titanic nicht gut getan. Inzwischen übernehmen private Seenotretter und dazugehörige NGOs diesen Begriff allen ernstes, weil Kurz ihre Aktionen als kontraproduktiv kritisiert.  Keine Satire mehr, sondern primitivste Diskreditierung.

Auch Böhmermanns Idee, Erdogan als Ziegenficker darzustellen, hat Erdogan mehr genutzt, als Böhmermann, weil die Beleidigung einfach zu offensichtlich war. Es fehlt die Subtilität und die Ironie.

Haudrauf ist angesagt und dass führt ebenfalls zur Verrohung der Diskurse und einer extremen Lagerbildung. Man muss sich geradezu einem bestimmten Lager anschließen, weil man sonst entweder die Klappe halten sollte oder als vogelfreyer durch die Medienlandschaft  spiesrutenlaufen muss.

Aus dieser Situation kommen wir übrigens nicht mehr heraus, weil sich die ungünstigen Grundbedingungen immer mehr verschärfen. Der Fortschritt reißt uns mit sich, zerstört Traditionen und Selbstverständlichkeiten, einer ehemaligen Mehrheitsgesellschaft, die nun in Minderheiten zerfällt. Diese behaupten sich mehr oder weniger aggressiv gegenüber einer, als feindlich imaginierten, Mehrheit. Die Migration nimmt eher zu, als ab, was zu völlig neuen Schwerpunktsetzungen in unserer Kultur, auch der Kultur des miteinander führt. Der Klimawandel setzt uns dabei unter Druck.

Die Kanzlerin sprach in ihrer Neujahrsansprache von den Zwanziger Jahren, die gut werden können.

Ich habe da meine Zweifel. Ich fühle mich eher an die wilden Zwanziger des letzten Jahrhunderts erinnert, auf die eine Diktatur und ein Weltkrieg folgte.