2015-10-26 14.18.43Von Russland in die Ukraine 2015

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Nicolas Sarkozy sagte gerade anlässlich eines, natürlich kritisierten und in unseren Medien kaum beachteten Besuches in Moskau vor Studenten:

„…un message particulier, qui est à mon avis que l’Europe doit entretenir le dialogue avec la Russie ; que la France, au sein de l’Europe, a un rôle particulier à jouer et qu’à mon avis ce rôle elle ne le joue plus depuis bien longtemps… On est totalement alignés sur la position américaine.“

Das bedeutet wohl in etwa, dass man sich bei den „Republicains“ also der UMP nicht mehr total auf die Linie der Amerikaner festgelegt fühlt. Ein netter kleiner französischer Fortschritt, welcher allerdings von einem inoffiziellen Repräsentanten Frankreichs signalisiert wird.

Der sozialistische französische Abgeordnete, Bruno Le Roux, ironisierte die Sache auf „France info“ und sprach von einer gewissen Faszination der rechten Parteien in Frankreich für das autoritäre Regime von Monsieur Poutine.

Wie auch immer. Den Russen würde es gut tun, aus der Isolation zu kommen, denn die ist in Russland deutlich spürbar.   Als Reisender in Russland bekommt man wenigstens den Eindruck, dass ein deutlicher Preis für die eigenwillige Politik des Präsidenten gezahlt wird. Besser ist dort in den letzten Jahren nichts geworden, strenger und autoritärer wirken viele Russen aber schon.

Eine gewisse Freundlichkeit und Servicementalität hat sich dabei am ehesten noch in Moskau gehalten. In der Provinz dagegen sieht es ziemlich übel aus. Reisen ins EU-Ausland ist dabei schon vergleichbar mit einer Expedition für die es normalerweise gar keine Fahrkarten gibt. Alles geht erstmal über Moskau und dann sieht man weiter. So kommt es, dass man in Woronesh gar keine Fahrkarten in benachbarte Länder kaufen kann, nur Fahrkarten nach Moskau, wenn man Glück hat, sogar mit dem Zug. Der Rest wird über private Mitfahrgelegenheiten geregelt, für die es in Russland inzwischen einige Internetseiten gibt.

Noch mehr Ungemach droht in der Provinz denjenigen die ihre Papiere machen wollen oder müssen. In Woronesh eine etwa einhundert Meter lange Schlange vor den Passämtern. Manche Russen stehen schon seit drei Tagen dort und alle sind entsprechend gelaunt. Was in Berlin den Flüchtlingen vor dem Lageso droht, endloses, tagelanges Warten, droht in Russland den Russen schon wenn sie das kleinste Dokument brauchen!

Man bekommt den Eindruck, dass sich die Leute dran gewöhnt haben, wütend durch den Alltag zu rennen und beißend miteinander umzugehen. Es ist dort nichts besser geworden, eher schlechter. Aber was solls, man ist schließlich Patriot! Das sind ja auch russische Warteschlangen und keine mit irgendwelchen Flüchtlingen aus dem Süden.

Wer jetzt kommt und sagt, das sei russische Mentalität, irrt meiner Meinung nach. Denn in Berlin sind die Russen entspannt, freundlich und geduldig und nicht ein bisschen aversiv, naja, manchmal schon, aber wer ist das nicht?

Ich glaube, dass Russland sich kollektiv verrannt hat und daran sind wir und die Amerikaner mit Schuld. Ganz im ernst. Es schmerzt schon, zu sehen, wie abfällig Ukrainer derzeit in Russland behandelt werden. Man hat den Eindruck, dass beide Regierungen, sowohl die in Kiew, als auch die im Moskau, ihr Bestes tun, ihre Völker gegeneinander aufzuhetzen. Seit Sommer dürfen Russen nur noch mit internationalen Reisepässen in die Ukraine einreisen, der Inlandspass reicht nicht mehr. Das ist angesichts der geringen Zahl von Russen, die über Reisepässe verfügen, quasi eine Einreisesperre. Auch sind solche Pässe immer noch keine Garantie, dass man über die Grenze kommt. Denn immer öfter weisen die ukrainischen Grenzer Russen zurück. Die Begründung lautet dann, „keine Einreisegrund“, meist mit dem Zusatz, „Wir glauben nicht, dass Du Deine Verwandten besuchen willst.“

Wenn man bedenkt, wie unproblematisch der Grenzübertritt noch vor ein paar Jahren war, wo es fast ohne Papiere ging, kann man ermessen, wie viel Gift wir Europäer und die Amerikaner im letzten Jahr in die postsowjetische Suppe gestreut haben. Der Krieg war wahrlich keine gute Idee, von keiner Seite. Die Russen sind keine Unmenschen, die Ukrainer auch nicht, und schließlich haben im Krieg viele Ukrainer in Russland Unterschlupf gefunden. Warum also jetzt diese offiziell provozierte Feindlichkeit?

Umgekehrt gibt es solche Schikanen übrigens auch. Warum dürfen die Leute nur über das Land, in das sie nach Russland eingereist sind, auch wieder ausreisen? Warum dürfen Ukrainer nur über die Ukraine nach Russland einreisen? Kontrollitis? Man bekommt sogar eine Einreisesperre nach Russland, die bis zu drei Jahren dauern kann, wenn man gegen diese Regel verstoßen hat.

Was auf geopolitischer Ebene gewonnen wurde, zerrinnt im Alltag

Sicher hat Russland sich in den letzten Jahren Geltung verschafft und bewiesen, dass es auch ohne das Placet des Westens so agieren kann, wie es dies für richtig hält. Putin hat gerade eine entscheidende Rolle in Syrien übernommen und es sieht ganz so aus, als käme die internationale Allianz gegen den IS (und klammheimlich gegen Assad) nicht an ihm vorbei. Washington ist beleidigt und Brüssel indigniert, aber die Chancen, dass sich die Syrienkrise in absehbarer Zeit lösen lässt, steigen durch den russischen Einsatz von Woche zu Woche. Jetzt ist sogar die Freie Syrische Armee bereit, mit Russland zu kooperieren und mit Assad zu verhandeln. Merke: Die Freie Syrische Armee wurde bisher von den USA unterstützt, in CIA-Lagern ausgebildet und paktiert mit der Hamas. Ein erstaunlicher Schritt also. Das Russland also seine Rolle als globale Macht zunehmend spielt, steht außer Frage.

Das Problem ist nur, dass die Russen davon nicht profitieren. Weder hat sich das postsowjetische Syndrom gebessert, noch die Lebensqualität, noch überhaupt die  Perspektive auf eine Besserung. Im Alltag ist es so, als würde Russland nach Verrauschen der Krim-Euphorie eher in einer dysphorisch-gereizten Stimmungslage versinken, die durch die Medien und offizielle Jubelkundgebungen nur mühsam aufgelockert wird. Patriotismus ist eben nicht alles! Diese Erfahrung kennen sie schon zu gut aus der Sowjetzeit.

Wenn jetzt die Franzosen zu Besuch kommen, und sei es nur Sarkozy, erfüllt mich das mit gewisser Hoffnung. Denn leider haben die Europäer im Schlepptau der Amerikaner in den letzten Jahren mit Russland nicht nur alles falsch gemacht, sondern sind auch nicht im Geringsten bereit, ihre Fehler einzusehen. Ich habe auch keine Idee, wie man diese Armada von Idioten, von Washington bis Berlin, loswerden soll.

Wenig Hoffnung für eine Normalisierung also, auch in Russland nicht.