Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wie kann man Zukunft und Tradition versöhnen? Die Frage wird derezit nur in den gesellschaftlichen Oberschichten beantwortet.

Der Fortschritt, so scheint es, ist ein faszinierendes Monster. Viele, die dem Fortschrittsglauben anhängen, der Hoffnung also, dass dieser schon unser Land und unsere Welt zum Besseren wenden wird, sind süchtig nach Neuerungen und werden depressiv, wenn diese für eine Zeit auszubleiben scheinen. Die Forschung aber, getrieben vom ökonomischen Hyperwettbewerb, produziert immer neue Innovationen, die nicht eben selten monströs daher kommen. Man muss da gar nicht die künstliche Intelligenz des Tötens, die Kriegsrobotik oder das beständige chemische und elektronische Basteln am Menschen (Human Enhancement) bemühen, um die Monstrosität vieler Innovationen zu erkennen.

In Schweden lassen sich die Leute ganz naiv Chips unter die Haut spritzen, deren einzige Aufgabe es ist, Fahrkarten zu speichern. Bravo, das nennt man eine Innovation!

Die Welt 4.0 zeichnet sich dabei immer mehr durch indirekte Kommunikation aus, die im Netz stattfindet. Wer im unmittelbaren Umfeld neue Kontakte sucht, der „tindert“. Die Leute outen also in Bahn, Bus und an öffentlichen Plätzen ihre Kontaktbereitschaft nur noch per Internet und plötzlich wird einem klar, warum sich niemand mehr umschaut. Man sucht die Umgebung elektronisch via Tinder nach Kontakten ab.

Unter solchen Bedingungen sind direkte Kontaktaufnahmen irgendwann angsteinflößend.

Eine spanische Mutter mit ihrer Tochter sucht bei der BVG den Kontakt mit mir, um klar zu machen, dass sie die Letzte in der Warteschlange ist.  Als ich sie daraufhin in ein scherzhaftes Gespräch verwickele, lacht sie und sucht kurz darauf den Kontakt mit ihrem Handy, taucht gewissermaßen unter. Sie ist verlegen, spontane Kontakte gehören nicht mehr zum Repertoire. Einige ältere Leute aber steigen auf das Gespräch ein, weil sie noch wissen, dass andere Menschen nicht beißen.

Die Angststörungen sind europaweit auf dem Vormarsch. Man spricht von mindestens 15% der Bevölkerung.

Unsere Kanzlerin spricht mit leuchtenden Augen vom autonomen Fahren und meint, dass künftig wohl kaum noch einer selbst fahren dürfe. Sie macht aus dem technischen Fortschritt der Autopiloten gleich schon mal eine Vorschrift, welche die Entscheidungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen begrenzt und denkt sich nicht dabei. Monströs!

Eine kürzlich veröffentlichte soziologische Studie an englischen und australischen Investmentbankern hat ergeben, dass die Globalität und das Bewusstsein der Globalität alles andere als kosmopolitisch gedacht wird, sie findet lediglich anhand von Charts und Berichten auf den Laptops der Börsianer statt. Deren Leben aber ist abgeschottet und provinziell, stark eingeengt auf Zahlen, die möglichst auch den eigenen persönlichen Wert definieren sollen. Eine Studie, die die schlimmsten Klischees von der seelischen Verarmung der Zahlen-Menschen, gerade auch solcher, die gesellschaftliche Macht haben, bestätigt.

Wie kann man die Monstrosität des Fortschrittes entschärfen?

Viele Innovationen werden in der Öffentlichkeit vor allem mit ihrem bahnbrechenden Zukunftspotential vorgestellt. Dabei erfolgt die Darstellung in möglichst radikalisierter Form, wie es uns die Kanzlerin beim autonomen Fahren suggerierte. Der Wunsch, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, revolutionär zu wirken, führt dazu den disruptiven Charakter von Erfindungen zu betonen und bei der Einführung auch zu forcieren. Niemand kommt auf die Idee, autonomes Fahren in den Kontext von Behinderung zu stellen und den Segen dieser Technik vor allem für Behinderte, die sonst nicht fahren könnten, herauszustellen. Nein, der traditionsbrechende, also disruptive Charakter von Erfindungen muss betont werden! Autonomes Fahren für alle, möglichst als Pflicht.

Disruptive Erfindungen führen so schnell zur Vorstellungen von Dystopien, also Zukunftsbildern, die uns kalte Schauer über den Rücken treiben. Immer inklusive ist der nachhaltige Bruch mit der Tradition, eigentlich die Lust an der Zerstörung. Nicht umsonst werden kreative Köpfe, die mit ihren Unternehmen Innovationen nach vorne bringen, als kreative Zerstörer bezeichnet.

Fast wirkt es so, als sei im Bewusstsein unserer Gesellschaft die Tradition zum Abschuss freigegeben!

Lange blieb der so genannte Individualismus in unseren Gesellschaften ohne Gegentrend. Aus Individualismus wurde dabei, über die Jahrzehnte, Egoismus, Vereinzelung und Entleerung des Individuums. Gesellschaftliche Klassen bekamen die Bedeutung von Ettiketten, die lebenslang kleben bleiben, weil es keine Bewegungen mehr gibt, die der jeweiligen Schicht politische Macht und damit Zugang zu mehr Bildung und Bedeutung geben. Die Macht der Gewerkschaften wurde gebrochen und das positive Bewusstsein einer mittleren oder unteren Schicht anzugehören zerbröselte. Damit zerbröselte auch das Selbstbewusstsein der Leute, die in diese gesellschaftlichen Klassen hineingeboren wurden. Was heute übrig bleibt, ist Trost im Konsum und einer Illusion von Fortschritt.

Was zurückbleibt ist die Tradition und der Halt in einer Schicht, Gruppe und Familie.

Der Fortschritt, so wie wir ihn in den letzten Jahrzehnten zelebriert haben, ist tatsächlich ein gesellschaftlicher Zerstörer. Die derzeit kursierenden Prognosen nicht nur für unser Land laufen auf eine Einschrumpfung der Mittelschichten und Unterschichten zur grauen Masse hinaus, die eher arm als wohlhabend sein wird und von einer dünnen Oberschicht (etwa 10%) beherrscht wird. Fortschritt also als Rückkehr zu frühindustriellen, gesellschaftlichen Strukturen!

Die Monstrosität dieser Prognosen wird derzeit in der Öffentlichkeit diskutiert, aber nicht wirklich begriffen.

All unsere Bemühungen, fortschrittlich zu sein, nach vorn zu gehen, Innovation zu betreiben, führen uns zurück in frühindustrielle gesellschaftliche Strukturen!

Der Schutz und Halt gegen solche Entwicklungen wird von Traditionen gegeben, seien sie politischer, wirtschaftlicher oder privater Art. Die Traditionspflege, d.h. das nicht zerstören von gewachsenen Strukturen ist der Weg, diesen Schutz vor einer monströsen Zukunft zu erhalten.

Die Migrationskrise eignet sich gerade deshalb als Symbolthema für diese Dialektik zwischen Zukunft und Tradition, weil sie einen weitreichenden Umbau unserer Gesellschaften impliziert und mit ihm die Verwässerung der Gültigkeit unserer Traditionen. Deshalb erfreuen sich migrationskritische Parteien und Bewegungen einer solchen breiten Zustimmung in der Bevölkerung. Die Menschen haben verstanden, dass ein „weiter so“ auch der Zuwanderung, sie direkt in ein globalisiertes Proletariat mit stetig sinkenden Chancen führt und das sogar im eigenen Land. Wenn unsere Tradition nur eine von vielen in Deutschland ist, dann herrscht Beliebigkeit, die den Sinn der Traditionspflege mehr oder weniger in den Hobbykeller verbannt. Wir werden dann gesellschaftlich identitätslos und zum idealen Substrat des ökonomischen „Fortschritts“, der mit einer immer gnadenloseren kapitalistischen Ausbeutung einhergeht. Wer das für verfehlt hält frage doch mal eine Kassiererin mittleren Alters bei ALDI oder einen Busfahrer, wie sich ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Widerspruchsträger solcher gesellschaftlichen Entwicklungen sind oft politische Parteien und Institutionen

Wer sich die Geschichte der Grünen anschaut, erkennt schnell, dass in dieser Partei der Traditionalismus einzig und allein auf die Natur und deren Erhaltung zielt, während kulturelle, politische und gesellschaftliche Traditionspflege als  reaktionär angesehen wird. In Teilen der Grünen ist zum Erhalt unserer natürlichen Umwelt sogar eine „Ökodiktatur“ in der Diskussion, mit privaten Emissionsrechten, nach deren Verbrauch die Lebensverhältnisse massiv eingeschränkt werden müssen.

Ideen, deren Monstrosität den Nationalsozialismus bei Weitem überflügeln, zumal sie global gedacht sind.

All das wird geduldet, weil es ja dem Fortschritt dienen könnte. Je disruptiver gesellschaftliche Modelle, die sich die politischen Parteien ausdenken, desto mehr öffentliche Anerkennung gibt es, sei es als Lob oder Verriss.

EU als Institution zerstört Traditionen

Die Polarität zwischen Stadt und Land wird vor allem von der EU, also der Institution, der man die Bresche in eine disruptive Zukunft am ehesten überantwortet, behandelt. Dabei läuft die Förderung der ländlichen Räume, die eher für Tradition stehen, meist ins Leere. Die ökonomischen Verhältnisse stehen dagegen. Am Ende ist es wie bei der großen Agrarreform, GAP 2014. Was begonnen wurde, um mehr Gerechtigkeit und Förderung für die kleinen Betriebe herzustellen, geriet zu einer Posse. Am Ende erhielten die industriellen Landwirtschaftbetriebe 80% der Förderungen und die große Mehrheit der kleinen Landwirtschaften, die anerkanntermaßen die Natur und die ländlichen Traditionen pflegen und stützen sollen, lächerliche „Subventiönchen“. Der Prozess der Zerstörung der ländlichen Räume und mit ihnen unsrer gesellschaftlichen Traditionen, läuft dadurch beschleunigt weiter.

Es sind die realen wirtschaftlichen Machtverhältnisse, die letztlich die Agrarreform dominiert haben, welche mit viel Vernunft und Idealismus begonnen wurde, am Ende aber ein Machwerk der Agrarindustrie und der Großinvestoren in der Landwirtschaft wurde. Dominiert wurde die GAP von den beiden Ländern, in denen diese Leute die größte Macht haben, Deutschland und Frankreich.

Führende gesellschaftliche Schichten sind oft sehr traditionsbewusst

Der Vorteil den eine dünne gesellschaftliche Elite, die auch über die ökonomische Macht verfügt, bei allem genießt, ist die finanzielle Potenz, Traditionen nicht aufgeben zu müssen, um Innovationen genießen zu können.

Wer in der Mittelschicht einen innovativen Lebensstil haben möchte, zahlt einen hohen Preis, der häufig in der Aufgabe von gewohnten Lebensumfeldern, Lockerung der familiären Kontakte zu Gunsten der Mobilität und einer bedingungslosen Anpassung an Unternehmensstrukturen mit den entsprechenden Folgen für die eigene Lebensplanung besteht.

In der, soziologisch schlecht untersuchten, Oberschicht sieht es schon anders aus.

Hier ist die Auswahl groß und die Familien ziehen sich über ganz Europa, können gleichwohl engen Kontakt halten und Beziehungen spielen lassen. Für einen längeren Auslandsaufenthalt der Kinder gibt es nicht den Preis der Entfremdung zu zahlen, weder gegenüber der Familie, noch gegenüber der sozialen Schicht, die international vernetzt ist. Geld für bequeme Mobilität steht zur Verfügung und die kulturelle Anpassung wird in der Kindheit erlernt, ändert sich beim Eintritt in ein Unternehmen nicht. Die soziale Schicht wird niemals gewechselt. Traditionen können auf diese Weise genauso gut überleben, wie die alten Eichen in den weitläufigen Parks der Reichen.

Am Ende kann dann nicht nur die wirtschaftliche Macht, sondern auch die, durch Tradition kumulierte, kulturelle und soziologische Homogenität und Überlegenheit gegenüber dem Rest der Gesellschaft ausgespielt werden.

Diese Entwicklung zu einer Gesellschaft, die vor allem für die Reichen da ist, ist durchaus auch neu. Sie wurde zumindest in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg unterbrochen und durch die Idee und Realisierung der universellen Demokratien (in Konkurrenz zum Sozialismus) ersetzt. Wie ein Hefekuchen sind diese Demokratien für Alle mit der Zeit geschrumpft und mit dem Fortschritt zu einer Demokratie für Wenige geworden. Der nächste Schritt ist dann in den westlichen Gesellschaften die Herrschaft der Reichen, als Hüter des gesellschaftlichen Fortschrittes aber vor allem der gesellschaftlichen Traditionen (der Traditionen der Reichen). Genau diese Entwicklung zeichnet sich jetzt schon ab.

Fazit.

Die Vereinbarkeit von Zukunft, Fortschritt und Tradition wird derzeit nur in den elitären Schichten unserer Gesellschaft realisiert, während weite Teile der Mittelschicht und die Unterschichten einen fortschreitenden Identitätsverlust zu verzeichnen haben. Tradition wird dort, teils sogar durch Migration erzwungen, fortlaufend zerstört. Es entsteht ein buntes und globalisiertes Proletariat, dessen schwaches Selbstbewusstsein an die frühindustrielle Zeit erinnert.

Gegenmaßnahmen?

Derzeit keine.