IS

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin-Brüssel

Durch seine Massaker in Palmyra versucht der IS vermutlich erneut den Einsatz internationaler Bodentruppen in Syrien, vor alle der Amerikaner und Europäer, zu provozieren. Hintergrund ist eine strukturelle Schwäche des Islamischen Staates.

Die spektakuläre Verbrennung eines jordanischen Kampfpiloten vor einigen Monaten die von Mitgliedern des Islamischen Staates in einem Video inszeniert wurde, war möglicherweise ein Ereignis, das weiterer Interpretation bedarf. Die Welt schaute mit Abscheu auf diese brutale Hinrichtung, die im Originalvideo von genauen Darstellungen der zerstörten Kampfziele des Piloten begleitet wurde und an einem Ort stattfand der möglicherweise von der Luftwaffe zerstört wurde.

Die Dramaturgie dieser Darstellung könnte etwas mit der Ohnmacht der „Gotteskrieger“ zu tun haben, wenn sie von Kampfflugzeugen beschossen und bombardiert werden. Fraglich, ob sie einen Tod durch eine Rakete als nicht ehrenvoll erleben, in jedem Falle aber, gibt es ein militärisches Kalkül, nach dem sich der Islamische Staat gegnerische Bodentruppen, die gegen seine fünfzigtausend Soldaten antreten würden, geradezu wünschen müsste.

Obwohl die Kommandeure des IS selbst einen asymmetrischen Krieg führen, halten sich vermutlich wenig von der Asymmetrie, aus der Luft beschossen zu werden und selbst fast nichts dagegen tun zu können. Amerikanische und Iranische Kampfflugzeuge sind den Abwehrsystemen dieser Armee weit überlegen, eine gezielte Bekämpfung der Jets ist mit der vorhandenen militärischen Logistik des IS kaum möglich. Amerikanische Bodentruppen, die direkt gegen die Kämpfer  vorgehen, dürften allerdings numerisch von vornherein in der Minderzahl sein, müssten also technisch und taktisch weit überlegen sein, um gegen die Dschihadisten etwas auszurichten. Es wären mit Sicherheit erhebliche Verluste bei den Amerikanern oder Alliierten in welcher Zusammensetzung auch immer zu befürchten.

Nicht ganz zu vergessen ist dabei auch, dass sich in der militärischen Führung des IS ehemalige Kommandeure der besiegten Armee von Sadam Hussein befinden. Die beiden Golfkriege haben vermutlich ihre Spuren hinterlassen, sowohl, was den Hass auf Amerikaner und Engländer angeht, die die irakische Armee mehr oder weniger vernichtet haben, als auch bezüglich der Taktik. Der IS agiert vollkommen anders, als die Armee Sadams, außerhalb der Städte, die als Schutzschilde dienen, sind diese Truppen im ständigen Stellungswechsel, der Tarnung und in der Operation in kleinen Verbänden geübt. Man kann sich vorstellen, dass sie trotzdem nicht begeistert von einem Gegner sind, der vorwiegend aus der Luft operiert.

Getötete und gefangengenommene Feinde aber, dazu noch „Ungläubige“ wären genau das, was diese Terrorarmee braucht, um ihre „Überlegenheit“ darzustellen und weitere Kämpfer anzuwerben. Hintergrund ist, dass trotz erheblicher Landgewinne in den letzten Monaten, viele Kämpfer abgesprungen sind, weil ihnen die Motivation abhandengekommen ist. Da man ohnehin Zweifel haben darf, dass die IS-Söldner, die übrigens gut bezahlt werden, religiös motiviert sind, könnte es sein, dass es den Abenteurern unter ihnen langweilig wurde, weil es zu wenige Erfolge auf den Schlachtfeldern gab.

Eine gewagte These, gewiss, aber der verlorene Kampf um Kobane dürfte den Glauben an die eigene Unbesiegbarkeit gedämpft haben. Somit wäre ein Kampf Mann gegen Mann, wohl genau das, was die Ehre der Kämpfer wiederherstellen könnte.

Bisher morden die IS-Kämpfer hauptsächlich Unbewaffnete, Frauen und Kinder, was sich derzeit auch wieder in Palmyra zeigt. Damit der IS die Stadt unter seine Kontrolle bringen kann, muss er allerdings nicht, wie kürzlich berichtet 400 wehrlose Zivilisten ermorden und an der Straße liegen lassen. Die Bevölkerung wäre auch schon mit wesentlich weniger Terror eingeschüchtert. Hinter dem neuerlichen, massiven Morden steckt viel eher eine Provokation an die Allianz der Feinde. Palmyra, die Stadt mit dem einzigartigen Weltkulturerbe zu bombardieren, dürfte allen schwer fallen, dem Terror in der Stadt einfach zu zusehen, erst recht.

Schon jetzt mehren sich Stimmen, Bodentruppen nach Syrien zu entsenden, die Assads schwache Armee auch in Palmyra unterstützen können. Genau das könnte das Kalkül des IS sein. Die Allianz zu diesem schwerwiegenden Schritt zu verführen und endlich gefangene Amerikaner und vielleicht auch Europäer hinrichten zu können, um die eigene Überlegenheit zu beweisen. Die Motivation würde mit Marines als Gegnern sprunghaft ansteigen.

Zum anderen droht dem IS das aus durch Überdehnung. Die Gebiete, die unter Kontrolle des Islamischen Staates ein eigenes Kalifat bilden sollen, sind so riesig, dass sie faktisch nicht kontrolliert werden können. Einerseits weil der IS hauptsächlich von Feindstaaten umgeben wäre und somit ständig mit Subversion konfrontiert wäre, andererseits, weil die Logistik zwar bemerkenswert ist, aber für die Bildung eines so großen Staatsgebietes bei weitem nicht ausreichen würde. Der IS müsste, wenn er sein Kalifat sichern wollte, gesundschrumpfen und sich meinem kleinen, möglichst homogenen und gut kontrollierbarem Gebiet zufrieden geben.

Genau das aber widerspricht der Ideologie des IS, die darauf zielt, die ganze arabische Welt in Brand zu stecken und nicht sich in einem kleinen Gebiet isolieren zu lassen. Ein jämmerliches Kalifat wäre das, was die IS-Führer am wenigsten brauchen. Eine permanente Expansion wäre aber nur erfolgreich, wenn es ideologisch darum gehen könnte, die Feinde des Islams zu vertreiben und dafür braucht man dringend Amerikaner und Europäer als Gegner!

Im Grunde führt der IS einen Nomadenkrieg nach alter arabischer Art. Er ist brutal, gefürchtet und löst den Exodus aller aus, die nicht in das religiös-fanatische Schema des Staates passen. Am Ende regiert der IS dann entvölkerte Städte, die er zuvor sogar noch geplündert hat. Wie eine Heuschreckenarmee ist er dann gezwungen weiter zu ziehen.

Irgendwann läuft sich diese Armee dann tot, versickert, wie ein Fluss in der Wüste, der nur noch eine stinkende Brühe ist.

Genau das ließe sich mit einer breiten militärischen Präsenz von amerikanischen und europäischen Bodentruppen, die dann versuchen ganze Gebiete zu kontrollieren und somit als Besatzer dargestellt werden könnten, verhindern. Der IS wäre dann auf einmal eine Bewegung, die sich als Alternative der Okkupation durch Ungläubige darstellen könnte.

Palmyra ist die Provokation, die genau eine solche Entwicklung im Sinne des IS einleiten soll. Es gibt also äußerst gute Gründe, insbesondere für Amerikaner und Europäer, dieser Versuchung zu widerstehen.